Wirtschaft, Sport und Gesellschaft sind Schwerpunkte meiner Berichterstattung. In diesem Report für das Magazin Focus beschreibe ich den Kulturkampf um die Seele des Fußballs: Wieviel Kommerz verträgt Vereinskultur? Geht es nur noch um Rendite? Und wie wehren sich Fußballromantiker?

I’m regularly reporting about business and sports. In this in-depth feature for German magazine Focus I explain how big business has turned the beautiful game into a commercial venture and how Germany’s ‘football romantics’ are fighting back.

Erschienen in Focus Magazin

Wem gehört der Fußball?

Diese Woche endet die Gruppenphase der Champions League. Clubs mit mächtigen Geldgebern wie Manchester City und Paris sind längst qualifiziert. Taugt deren Vorbild als Blaupause für Deutschland? Große Investoren drängen bereits in die Bundesliga

Andreas Rettig hat sich gut erholt. Der Manager ist gerade aus der Kur zurück. Er war ein paar Tage in Österreich zum Fasten. Der Körper ist entgiftet, der Geist ist gestärkt. Und Andreas Rettig ist bereit: für den Kampf, den er sich zur Lebensaufgabe gemacht hat.

Der ehemalige Vorstand im Ligaverband und Manager in Freiburg, Köln, Augsburg und St. Pauli ist der Guru aller Fußballromantiker. Weil er sich wie viele Fans um den Fußball sorgt. Weil immer mehr Milliarden in den Volkssport gepumpt werden. Weil Investoren und Geldgeber nach der Macht greifen.

Im September trat Rettig als Geschäftsführer beim FC St. Pauli aus „50+1 privaten Gründen“ zurück, um sich eine Auszeit zu gönnen. Doch sein Kampf gegen die ungebremste Kommerzialisierung des Volkssports hat nie Pause.

Rettig stört sich schon lange an dem, wie er es nennt „Konstrukt RB Leipzig“, dem Symbol für Investoren-Fußball in Deutschland. RB spielt in dieser Saison so gut wie noch nie: Der Club des Red-Bull-Milliardärs Dietrich Mateschitz hat durchaus Chancen auf den Gewinn der Meisterschaft. Und hat nach starken Auftritten vorzeitig das Achtelfinale der Champions League erreicht.

Die Jagd nach dem reichsten Investor

Rettigs Freude über den Erfolg des Bundesligisten hält sich in Grenzen. Er sagt: „Der Einzelfall RB ist auch nur der Vorbote für das, was passieren kann, wenn die Schleusen geöffnet werden und ungehinderter Kapitalfluss in die Bundesliga fließt.“ Denn dann gehe die „Jagd nach dem reichsten Investor“ los. „Dann haben wir keine Bundesliga-Tabelle mehr, wie wir sie kennen und lieben“, sagt Rettig, „sondern eine ,Forbes‘-Tabelle.“

International ist Fußball längst ein Business, ein Milliardengeschäft, das immer mehr Profitjäger anlockt. Doch auch die Bundesliga boomt finanziell: Sie hat ihren Umsatz in acht Jahren fast verdoppelt. Die erste und zweite Spielklasse erzielten in der Vorsaison einen Umsatz von 4,42 Milliarden Euro – zehn Prozent mehr als im Vorjahr, ein neuer Rekord.

In England, Spanien, Frankreich und Italien wechseln seit Jahren Clubs ihre Besitzer: Früher waren es meist Oligarchen oder amerikanische und asiatische Tycoons, die sich einen Club als Luxus gönnten. Nun mischen auch private Investment- oder Staatsfonds mit: Paris Saint-Germain wird
von Katar finanziert, hinter Manchester City stehen die Vereinigten Arabischen Emirate. Nur in Deutschland schotten sich die meisten Vereine ab.

Kommerz oder Vereinskultur? Rendite oder Fußballromantik? Diese Fragen polarisieren Investoren, Trainer, Manager und Fans. Es tobt ein Kampf um die Seele des deutschen Volkssports. Und er ist entflammt, seit ein neuer Investor die Bundesliga aufmischt.

Die Savile Row im Londoner Nobelviertel Mayfair: Hier residieren die besten Herrenschneider der Welt. Wer hier einkauft, sucht keine Schnäppchen. Ein Anzug, der in den traditionsreichen Geschäften genäht wird, kostet rund 5000 Euro. Denn er ist „bespoke“: dem Käufer auf den Leib geschneidert. Hier kleidet sich die Londoner Finanzelite ein. Die meisten wohnen gleich nebenan.

Auch Lars Windhorst, 43, hat hier sein Büro. Der Gründer der Tennor Holding ist seit Juni der größte Anteilseigner von Hertha BSC. Für 225 Millionen Euro kaufte er 49,9 Prozent am Hauptstadtclub. Mit 18 Jahren war Windhorst für Kanzler Helmut Kohl das „Wunderkind“, machte Millionen. Später erlebte er zwei Pleiten, ein Strafverfahren. Und überlebte einen Flugzeugabsturz. Langweilig ist es mit Windhorst nie. Und er denkt groß: Sein Investment soll Hertha als „Big City Club“ in eine Liga mit Paris Saint-Germain, Chelsea und Real bringen.

Mehr als eine Milliarde werde Hertha wert sein, meint Windhorst, in 10 oder 20 Jahren. Laut den Wirtschaftsprüfer von KPMG ist der FC Bayern fast drei Milliarden Dollar wert. „Das ist keine verrückte Idee von mir“, sagt Windhorst. Es stecke „eine bestechende wirtschaftliche Logik dahinter“, die sich auszahlen werde. Derzeit geht es für die Hertha aber eher

Richtung Zweite Liga. Der Windhorst-Vertraute Jürgen Klinsmann, eigentlich als Aufsichtsrat vorgesehen, soll jetzt als Trainer den Abstieg abwenden. Klinsmann lobt den Hertha-Investor („sein Commitment ist unglaublich“) und meint: Berlin warte „auf etwas Großes“, komme aber nicht so richtig voran: „Lars Windhorst hat da einen riesigen Schubser gegeben.“

Wie die meisten Investoren hält Windhorst nicht viel von der 50+1-Regel. Sie sei „nicht zeitgemäß“, weil sie nur in Deutschland existiert und wohl „kein Dauerzustand“ sei. Die meisten Bundesligisten haben ihre Profi-Abteilungen in Kapitalgesellschaften ausgegliedert, um Investoren den Erwerb von Anteilen zu ermöglichen. Die Mehrheit der mitspracheberechtigten Anteile halten aber die Vereinsgremien und nicht die Anleger – so will es die Regel. So wird verhindert, dass externe Geldgeber vollständig Kontrolle übernehmen.

Mit dieser Regel schützt sich etwa der TSV 1860 München gegen den Einfluss seines Investors Hasan Ismaik. Der Jordanier hat rund 70 Millionen Euro in die Löwen investiert. Doch von 50+1 will er vor seinem Einstieg nie gehört haben. Das Verhältnis zwischen Geldgeber und Club ist schon lange überstrapaziert, die Fans in Pro- und Contra-Lager aufgeteilt, sportlich geht es mit dem Drittligisten bergab.

Ismaik hingegen träumt immer noch von der Champions League. Neulich wütete er: „50+1 ist eine diktatorische Regel in einem der demokratischsten Länder der Welt. Und dass man nicht ernsthaft diskutiert, diese Regel abzuschaffen, empfinde ich als Schande.“ Dass der Unternehmer nicht mehr zu melden hat, sieht er als Wurzel allen Übels. Denn: „So entscheiden Personen im Verein, die ihn nicht weiterentwickeln wollen.“

Populistische Spektakel

Machthungrige Investoren, sinnlos verpulverte Millionen, sportlicher Abstieg – für viele ist das Drama um Ismaik und die Löwen eine Warnung an alle, die mit Investoren flirten. Experten wie Eintrachts Sportvorstand Fredi Bobic oder Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge fordern hingegen schon lange zumindest eine Reform der Regel. Doch selbst die Debatte darüber wurde immer wieder abgewürgt.

Im März vergangenen Jahres überraschte Andreas Rettig bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit einem Antrag zur Beibehaltung der umstrittenen 50+1-Regel. Von den anwesenden 34 Clubvertretern stimmten 18 dafür. Rettig wird seitdem von Fans gefeiert wie ein Held, der den kapitalistischen Drachen schlachtet, noch bevor er sein Feuer speien kann. Rummenigge warf Rettig ein „populistisches Spektakel“ vor.

Er sei „kein weltfremder Fußballromantiker“, eher ein „neugieriger Nostalgie-Realo“, sagt der Rheinländer mit einem Grinsen. Jeder Investor ist ihm willkommen, solange er seine Mittel „ethisch verdient“ habe und sich an 50+1 halte.

Die Bundesliga macht nach der Premier League und Spaniens La Liga die höchsten Umsätze. Doch unter den finanzstärksten 20 Clubs Europas befinden sich neben Bayern nur noch Borussia Dortmund und Schalke 04. Selbst Abstiegskandidaten in der Premier League wie Southampton oder Everton haben mehr Geld zur Verfügung – allerdings vor allem dank hoher TV-Gelder, die durch die globale Vermarktung in England ausgeschüttet werden.

Italien hat sich längst geöffnet, dort stürzen sich Investoren auf heruntergewirtschaftete Traditonsclubs. Denn die Vereine aus der Serie A gelten als Schnäppchen: Sie sind viel günstiger als englische Teams, haben aber bessere Chancen auf eine Teilnahme an der Champions League. Dort verteilt die Uefa zwei Milliarden Euro an die Teilnehmer. Und ein globales Publikum schaut zu.

Beim Ribéry-Club AC Florenz will Neueigentümer Rocco Commisso eine halbe Milliarde in ein neues Stadion und Sportzentrum pumpen. Die Zukunft des AC Mailand ist eher ungewiss: Ein chinesischer Geschäftsmann kaufte den frü-
heren Berlusconi-Club für 740 Millionen Euro, konnte aber die Kredite nicht mehr bedienen, so fielen die Rossoneri einem Gläubiger in die Hände: dem Hedgefonds Elliott Management. Dort weiß man nicht, was man mit Milan anfangen soll. Behalten oder doch verkaufen?

Aber womöglich sind diese Deals nur Peanuts im Vergleich zu einem Mega-Investment, das sich in England anbahnt. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, genannt MBS, überlegt, für bis zu fünf Milliarden Pfund Manchester United den amerikanischen Glazer-Brüdern abzukaufen. MBS ist immer noch geächtet wegen seiner Verstrickung in den Mord an dem regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi. Ein renommierter Fußballclub könnte das Image des Königshauses aufpolieren.

Vergangene Woche kaufte der amerikanische Private-Equity-Investor Silver Lake für 500 Millionen Dollar 10 Prozent an der City Football Group (CFG). Die ist nun mit einem Wert von 4,8 Milliarden Dollar die wertvollste Sportorganisation der Welt. Silver Lake war bislang eher an Tech-Konzernen beteiligt, nun investiert der Fonds verstärkt ins Entertainment –
wozu offenbar auch Fußball gehört. Doch was geht das die Bundesliga an?

“Wenn die Top-Clubs größere Ressourcen haben, steigt auch der Druck auf die kleinen Vereine.”

Investor Rolf Elgeti

Kann sich der deutsche Fußball dauerhaft in seinem streng regulierten Bundesliga-Biedermeier einrichten, während draußen die Welt verrückt spielt?

Der Finanzunternehmer Rolf Elgeti bezweifelt das. Der Investor beim Drittligisten Hansa Rostock sagt: Es sei „naiv“ und „romantisch“, wenn ein Bundesliga-Club sage, er sei mit Mittelmaß zufrieden und wolle gar nicht Champions League spielen: „Wenn die Top-Clubs größere Ressourcen haben, steigt auch der Druck auf die kleinen Vereine. Dann werden für alle die Ablösesummen teurer.

Und alle müssen höhere Gehälter bezahlen. Unmöglich, sich dem zu entziehen.“

In der Dritten Liga herrschen hingegen eher italienische Verhältnisse: Dort kaufen sich Investoren in Clubs mit großen Namen und leeren Kassen ein. Der Spielbetrieb ist in der Spielklasse so teuer wie in der Zweiten Liga. Doch die Einnahmen sind viel geringer. Vereine wie Waldhof Mannheim, Kaiserslautern oder eben Rostock können in der „Insolvenzliga“ nur dank privater Geldgeber überleben.
Elgeti geht es nicht um Rendite. Er hofft, dass sich Hansa irgendwann selbst tragen kann.

Und so denkt auch Bernd Beetz, ein weiterer Gönner aus der Dritten Liga. Der 69-Jährige war viele Jahre Chef des amerikanischen Kosmetikkonzerns Coty. Er pendelte zwischen New York und Paris, strahlte auf roten Teppichen neben Pop-Stars wie Rihanna oder Jennifer Lopez und verdiente durch den Verkauf ihrer Parfümmarken viel Geld.

Inzwischen duftet Beetz’ Welt nach Bratwurst und Schweiß. Seit 2016 ist der ehemalige Luxusmanager Präsident des Traditionsclubs Waldhof Mannheim (Motto: „Working class football since 1907“). Dieses Jahr gelang der Aufstieg in die Dritte Liga. Nach 16 Jahren bekommen die Fans wieder Profi-Sport zu sehen – dank Beetz.

„Ich bin kein Investor. Mein Engagement hat vor allem mit Emotionen, Herz und Fantum zu tun“, sagt er. Wirtschaftlich mache sein Einstieg ohnehin keinen Sinn: „Geld verdienen könnte ich erst, sollten wir mal in der Zweiten Liga
spielen“, erklärt der Mäzen, in dessen Stimme ein Kurpfälzer Singsang klingt.

Bevor er kam, sei der Verein „absolut am Ende“ gewesen. Sportlich und finanziell. Mehr als 2,5 Millionen Euro hat er in den Club gesteckt, ein in Fußballdimensionen eher bescheidener Betrag. Mit der benachbarten TSG Hoffenheim und ihrem Mäzen Dietmar Hopp will sich Beetz daher nicht vergleichen – eher mit Clubs wie Osnabrück oder Paderborn, die immerhin Zweite und Erste Liga spielen.

Beetz glaubt: „Fußball wird noch mehr in den Fokus von Investoren kommen.“ Es sei wie in anderen Wirtschaftsbranchen: „Da werden ja auch immer mehr Firmen aufgekauft. Das Geld sucht sich Anlagemöglichkeiten.“ Dass Fans Ängste davor haben, kann er verstehen: „Da entsteht bei manchen ein Gefühl, dass etwas verlo-ren geht, wenn etwas Fremdes reinkommt – etwa wenn da ein Chinese auftaucht und den Club aufkauft.“

“Der Maßstab sollten nicht Vereine wie Man City sein”

Manuel Gaber, Fan und 50+1-Gegner

Manuel Gaber, 26, ist Fan des SC Freiburg und Mitinitiator der Kampagne „50+1 bleibt!“, die von 3000 Fanclubs unterstützt wird und Finanzhaie aus der Bundesliga fernhalten will. „Die Bundesliga sollte national ein fairer und spannender Wettbewerb sein“, sagt Gaber. Und das Argument, dass Fans auch mal Messi live sehen wollen statt nur wunderschöne Choreos?

„Der Maßstab für unsere Clubs sollten nicht Vereine wie City oder PSG sein, wo auch gegen das Financial Fairplay verstoßen wird. Sportlicher Erfolg steht für viele Fans nicht über allem.“ Wenn sich Staaten in Vereine einkauften und diese als „Plattformen für Geopolitik“ benutzen, dann frage sich der Fan: Geht’s hier noch um mich, oder geht’s um was ganz anderes?

Andreas Rettig geht noch weiter und fordert gleich „eine neue DNA“ für die Bundesliga. Sie solle die „sozialste, bodenständigste und nachhaltigste Liga der Welt“ sein. Und so die Investments von Großkonzernen anlocken, die sich mit dem „positiven Image“ schmücken wollen.

Selbst eine Öko-Tabelle mit „Bonuspunkten“ für Vereine, die Solarzellen aufs Stadiondach schrauben oder Plastikbecher verbannen, kann sich Rettig vorstellen. „Man könnte dann bei der Verteilung der Medienerlöse berücksichtigen, wie sich ein Club zu Themen der Nachhaltigkeit stellt – das wäre ein starkes Signal.“

Mehr Geld für jene, die in der Öko-Tabelle oben stehen? Das wären paradoxerweise eine gute Nachricht für einen Verein, für den Fußballromantiker und Kommerzgegner noch nie viel übrig hatten: Der VfL Wolfsburg gilt als umweltfreundlichster Verein der Liga. Als erster Club nutzte er energiesparende LED-Strahler im Stadion. Ein eigenes „Umweltteam“ errechnet sogar den CO2-Fußabdruck der Mannschaft und setzt Klimaziele. Der Werksclub wird mit den Millionen des VW-Konzerns finanziert. Und war von der 50+1-Regel schon immer ausgenommen.