September 2022

  • Julian Assange: Der Ausgelieferte (Focus Magazin) (focus.de)

    Großbritannien will Julian Assange an die US-Justiz übergeben, die Saga um den WikiLeaks-Gründer spitzt sich zu. Allein um das Schicksal eines verschrobenen Nerds geht es dabei längst nicht mehr. Sondern um die Frage: Leben wir die Werte, die wir predigen? Unser Autor begleitet das Schicksal des Antihelden seit 2010 und traf nun seine Frau, Stella Assange, in London

    An einem frostigen Dezembertag kurz vor Heiligabend wartete ich vor einem englischen Anwesen auf ein Phantom. Es war das Jahr 2010, und in jenen Tagen hielt ein Computerfreak die Welt in Atem. Ein Mann, der Amerikas schmutzige Geheimnisse und Kriegsverbrechen offenbart hatte. Wie ein Geist schien dieser Enthüller durch die digitale und analoge Welt zu spuken. Sein Name: Julian Assange.

    Ich war ein junger Reporter, musste mir einen Namen machen – und hier war meine Gelegenheit. Der Auftrag des Chefredakteurs an mich und den Fotografen war eindeutig: Findet, fotografiert und sprecht mit diesem WikiLeaks-Kerl. Die Suche führte uns nach Ellingham Hall in der Grafschaft Norfolk. Dort war der Chef der Enthüllungsplattform auf dem Landsitz eines britischen Journalisten untergeschlüpft.

    Mit uns war die Weltpresse in den Ort eingefallen, um diesen obskuren Publizisten, Blogger, Journalisten – ja, was eigentlich? – aufzuspüren. Schwedens Staatsanwälte forderten die Auslieferung des Australiers, denn dort wurde wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung gegen ihn ermittelt. Assange war auf Kaution freigekommen, er musste eine elektronische Fußfessel tragen. Es war ein globaler Spionagethriller um Sex und Verrat. Es war eine Riesenstory.

    Kaum hatten wir angeklopft, erschien zunächst Assanges genervter Gastgeber. Er wollte uns vom Hof jagen, er hatte den Trubel wirklich satt – doch die Kollegenehre gebot es, dass er den Gast für ein Interview auslieferte. Und so erschien im Hof ein Schlaks im Tweed-Jacket, das Haar schneeweiß, die Nase vom Frost gerötet. Ein (vermeintlicher) Spion, der aus der Kälte kam.

    Assange schlug vor, einen Spaziergang über das Anwesen zu machen und zu plaudern. Er wirkte gleichzeitig hellwach und entrückt. An seinen Händedruck erinnere ich mich genau: Der war seltsam weich, und es knackte etwas in seinem Unterarm – als trage er einen Fake-Arm. Ein Typ, der in jeder Hinsicht schwer zu fassen ist, dachte ich.

    Assange erzählte ausführlich von einer „Verschwörung“ gegen ihn und dass er mächtige Feinde im Weißen Haus und bei der CIA habe. Zweifellos hatte er sich mit gewaltigen Mächten angelegt. Er hatte Kriegsverbrechen und Verstöße gegen die Menschenrechte im Irak und Afghanistan öffentlich gemacht. Die Beweise fanden sich in den Hunderttausenden Dokumenten, die ihm die inzwischen begnadigte Whistleblowerin Chelsea Manning zugespielt hatte.

    Die Flucht in die englische Provinz mit der Fußfessel am Bein war für Assange der Beginn einer Reise in die Finsternis, die bis heute andauert. Sie führte ihn über Ellingham Hall bis in Ecuadors Botschaft in London, wohin er flüchtete, um seine Auslieferung zu verhindern. Dort harrte er bis 2019 aus. Nun sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh. Dabei geht es nur mehr um ein Auslieferungsverfahren. Die Ermittlungen wegen Vergewaltigung sind längst eingestellt.

    Vor zwei Wochen erließ die britische Innenministerin nach langem Hin und Her den Auslieferungsbefehl. In den USA drohen Assange wegen Geheimnisverrats und Spionage 175 Jahre Haft. Assanges Anwälte wollen notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen, um eine Auslieferung zu verhindern. Der Prozess könnte sich also noch Monate hinziehen.

    Der Fall des inzwischen 51-Jährigen Julian Assange ist komplex. Er ist ein Drama um Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe und die wohl erste Ikone des anarchischen Informationszeitalters. Wobei nicht klar ist: Was genau ist die Schuld? Und was rechtfertigt die Strafe?

    Für seine Feinde ist Assange ein „feindlicher Agent“ (Ex-US-Außenminister Mike Pompeo), der „wie Osama bin Laden gejagt werden sollte“ (Alaskas Ex-Gouverneurin Sarah Palin). Seine Unterstützer sehen in Assange einen Verfechter freiheitlicher Grundwerte. Sein Vater John Shipton erklärt: „Wenn Julian untergeht, geht auch der Journalismus unter.“

    Der Fall Assange zwingt den Westen, in die eigenen moralischen Abgründe zu blicken. Denn dieser Fall ist größer und wichtiger als der Mensch vor der Anklagebank. An dessen Schicksal entscheidet sich auch, ob wir die Werte leben, die wir predigen.

    Das Interview damals war mein erster bescheidener Scoop. Kollegen sprachen mich Jahre später noch auf die Geschichte an, selbst als ich Assanges Schicksal kaum noch begleitete. Ich interviewte seinen Vater und seine glamouröse Anwältin Jennifer Robinson. Doch der WikiLeaks-Vogel galt zunehmend als wenig zuverlässiger, nerviger Unsympath. Auch für jene Medien, mit denen er kooperiert und Dokumente geteilt hatte.

    Doch selbst viele Journalisten, die ihn verachten, machen sich aus Prinzip für ihn stark. Ob er ein „richtiger Journalist“ ist oder nicht. Spielt keine Rolle. Er veröffentlichte anhand von Geheimdokumenten Beweise für Verbrechen. Er brachte im öffentlichen Interesse die Wahrheit ans Licht. Darum sollte es jedem Journalisten gehen. Und das muss in einer Demokratie ohne Angst möglich sein.

    Als wichtigsten Beweis führen Assanges Unterstützer das WikiLeaks-Video „Collateral Murder“ von 2010 an. Es zeigt, wie die Besatzung eines US-Helikopters brutal und mit zynischem Jubel zwei Reuters-Journalisten und mehr als ein Dutzend irakische Zivilisten tötet. Bis heute wurde keiner der Täter belangt.

    Doch WikiLeaks enthüllte nicht nur Kriminelles. 2016 veröffentlichte die Plattform E-Mails aus Hillary Clintons Wahlkampagne, die höchstwahrscheinlich vom russischen Geheimdienst beschafft wurden. Donald Trump soll Assange eine Begnadigung angeboten haben – sofern der sich politisch nützlich mache. Ein Deal, auf den Assange nicht einging, wie seine Anwältin vor Gericht sagte.

    „Die mentale Last ist enorm. Er muss verarbeiten, was im Prinzip ein Todesurteil ist“

    Stella Assange Ehefrau von Julian Assange

    Trumps Regierung verfolgte Assange übrigens noch härter als Vorgänger Barack Obama. 2017 enthüllte Wiki-Leaks „Vault 7“, ein von der CIA verwendetes Tool, das Browser, Fernseher, die Systeme von Smartphones, Computern und sogar Autos hacken kann. Die Veröffentlichung war ein empfindlicher Schlag für die US-Spione. Laut Recherchen von Yahoo News ließ Ex-CIA-Chef Mike Pompeo prüfen, wie man Assange in der Botschaft entführen oder ihn dort vergiften könnte.

    Ermittlungen in Madrid offenbaren, wie CIA-Helfer einer spanischen Sicherheitsfirma den Flüchtigen dort jahrelang illegal überwachten und belauschten. Gespräche mit Anwälten wurden mitgeschnitten, es wurde sogar versucht, eine Windel zu stehlen, um an die DNA von Assanges Kindern zu kommen. Denn in der Botschaft hatte der WikiLeaks-Boss eine Familie gegründet.

    Es ist ein heißer Junitag in London, als ich Stella Assange treffe. Die 39-Jährige hat zu einer Pressekonferenz geladen, kurz zuvor wurde der Auslieferungsbefehl gemeldet. Assanges Ehefrau ist eine zierliche Person in weißen Turnschuhen. In ihren Augen glaubt man Schmerz und Entschlossenheit zu erkennen.

    Die in Oxford ausgebildete, gebürtige Südafrikanerin verliebte sich 2015 in ihren Mandanten. Das Paar fand trotz Überwachung Wege, die Söhne Gabriel, 5, und Max, 3, zu zeugen – genau genommen mithilfe eines Campingzelts als Sichtschutz, in dem romantische Lichter brannten, wie Stella im US-Fernsehen erklärte. Nachdem Assange von der Auslieferung erfahren hatte, habe man ihn im Belmarsh-Gefängnis ausgezogen, durchsucht und in eine kahle Zelle verlegt – wegen des Selbstmordrisikos: „Die mentale Last ist enorm, er muss verarbeiten, was im Prinzip ein Todesurteil ist.“

    Noch schlimmer sei aber ein Verschwinden ihres Mannes im System der amerikanischen Supermax-Gefängnisse. „Wir sind eine starke Familie, wir kämpfen weiter“, sagt sie mit brüchiger Stimme. Als Gesicht der Free-Assange-Kampagne kämpft sie unermüdlich. Die Hochzeit wurde ein Medienspektakel, in weißem Kleid schnitt sie vor den Knastmauern eine imposante Torte an. Das Treiben wirkte einen Tick zu schrill – immerhin kam der Fall wieder in die Schlagzeilen.

    Für den bislang wichtigsten Erfolg der Aktivisten sorgte allerdings Nils Melzer. Der Schweizer UN-Sonderberichterstatter für Folter beschäftigte sich mit dem Fall und stellte bei Assange Merkmale von „psychologischer Folter“ fest, wegen der Erniedrigungen und der Isolation in der Botschaft. Assange sah demnach kein Sonnenlicht. Drei Monate bevor ihn die Polizei aus dem Gebäude schleppte, nahm man ihm das Rasierzeug weg – damit er einen besonders derangierten Eindruck machte.

    „Wenn der Westen nicht bereit ist, seinen Werten zu folgen, entsteht ein Legitimationsproblem“

    Sigmar Gabriel Ex-Vizekanzler

    Für den Schweizer ist der Fall Assange einer der „größten Justizskandale aller Zeiten“. Es handle sich um eine „Kollusion zur systematischen Verfolgung, Knebelung und Zerstörung eines unbequemen politischen Dissidenten“, schreibt Melzer in seinem Buch zum Fall. Die Missbrauchsopfer in Schweden bezeichnet der Jurist als unglaubwürdig. Eines der Opfer hat ein Buch über ihre Begegnungen mit Assange geschrieben. Sie wirft Melzer vor, er verbreite eine „Konspirationstheorie“.

    Melzers Aussagen zu gelenkter Justiz und devoten Medien passen in die Narrative rechter Zirkel. Auch das gehört zum Drama um Assange: dass es Demokratieverfechter und -feinde gleichermaßen fasziniert. Rechten und Putin-Apologeten dient er als Kronzeuge für die angebliche Verlogenheit des Westens; Corona-Leugner verehren ihn als Ikone des Freiheitskampfes; Verschwörungstheoretiker feiern ihn als Rebellen gegen eine totalitäre Wirtschafts- und Politelite.

    Doch auch aus der Mitte der Gesellschaft kommt eine bunte Schar an Unterstützern: „Baywatch“-Star Pamela Anderson, Fashion-Ikone Vivienne Westwood, auch Annalena Baerbock prangerte schwerwiegende Verstöße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention an. Ein prominenter Fürsprecher ist auch der frühere Vizekanzler Sigmar Gabriel.

    Melzers Bericht zu Assange sei weitgehend ignoriert worden – „das sollte nicht sein“, sagt mir der ehemalige Außenminister am Telefon. Der Westen verweise gern auf seine demokratischen Werte. Dass ausgerechnet hier eine Person, die Menschenrechtsverletzungen aufdeckt, mit Strafverfolgung rechnen müsse, sei absurd. Gabriel fürchtet: „Wenn der Westen nicht bereit ist, seinen Werten zu folgen, dann entsteht ein Legitimationsproblem. Und das wäre ein verheerendes Zeichen.“

    Ist der Fall Assange verhältnismäßig? Sollte nach einer angeblichen „Beihilfe zur Beschaffung von Geheiminformationen“ mehrfache lebenslange Haft drohen? Ist es nachvollziehbar, dass der Kronzeuge der US-Ankläger ein in Island verurteilter Betrüger und Päderast ist, dem gegen eine Aussage Straffreiheit zugesichert wird?

    Und auch mich treibt eine Frage um: Habe ich dem Fall, der so entscheidend ist für das Selbstverständnis meines Berufsstandes, stets die Aufmerksamkeit gegeben, die er verdient hätte? Vielleicht habe ich diese Frage in den zwölf Jahren nach meinem Treffen mit Assange allzu oft verdrängt.

    Anthony Albanese, Australiens Premierminister, könnte nun ein Licht auf Assanges Reise durch die Finsternis sein. Der will den inhaftierten Landsmann endlich nach Hause holen. Es sei an der Zeit, die Sache zu beenden, erklärte der Politiker. „Genug ist genug.“ Ich finde: Er hat recht.

  • Die Zukunft des Fußballs (sportsillustrated.de)

    Die Zukunft des Fußballs zwischen Kommerz, Korruption und Krieg – Oligarchen, Scheichs und Traditionalisten: Wie geht es mit der größten Sportart der Welt weiter? Wer profitiert? Und was bleibt im Milliarden-Geschäft auf der Strecke? Eine Analyse.

    SO SIEHT ES ALSO AUS, WENN EIN Fußballklub im Koma liegt. Der Fanshop ist geschlossen, im Vereinshotel nebenan brennt kaum ein Licht. Der Stadtrivale ist zum Derby angereist, doch an der Stamford Bridge sind viele Ränge leer. Die Auswärtsfans genießen die Schadenfreude und grölen in die Londoner Nacht: „Da ist ja keiner da!“

    Chelsea verliert an diesem Abend im April gegen den FC Arsenal 4:2. Wieder dürfen nur Dauerkartenbesitzer ins Stadion, Tagestickets können nicht verkauft werden. Seit dem Angriff auf die Ukraine ist Klubeigentümer Roman Abramowitsch wegen seiner Nähe zum Putin-Regime geächtet. Die Besitztümer des Oligarchen sind eingefroren, und der FC Chelski, Stolz von Londongrad, ist nur noch eingeschränkt geschäftsfähig. Der englisch-russische Patient wurde in einen künstlichen Schlaf versetzt, doch die überlebenswichtigen Organe sind intakt.

    Und so ist auch an diesem Abend zu spüren, was aus dem Klub geworden ist: ein Symbol für die Macht und Ohnmacht im Fußball. Denn kaum war der früher gern gesehene Tycoon von der Insel verbannt, stellte die britische Regierung klar: Abramowitschs Verein dürfe natürlich weiterspielen.

    Der Klub sei ein wichtiges „kulturelles Asset“, das es zu schützen gelte. Die (Schein-)Heiligkeit der Premier League – und des Fußballs insgesamt – darf keinesfalls befleckt werden: Auch das ist die Botschaft dieses Dramas. Und darum wird zügig der Verkauf des aktuellen Champions-League-Gewinners abgewickelt. Bis zu 4,5 Milliarden Euro werden politisch weniger bedenkliche Investoren bezahlen. Damit endet die Oligarchen-Ära. Und dann wäre ja alles wieder in Ordnung. Oder etwa nicht?

    Corona, Krieg und Klimakrise verändern die Welt und die globale Wirtschaft rasant. Unternehmen passen sich an, verpflichten sich zu nachhaltigem, sozialem und ethischem Wirtschaften. Und der Fußball? Das alte Mantra vom „unpolitischen Sport“ wirkt in diesen Zeiten umso absurder. Steht also auch die populärste Sportart der Welt vor einer Zeitenwende – und wie könnte diese aussehen? In der Spitze kennt der Fußball – trotz Pandemie – nur Wachstum, weltweit nimmt das Interesse zu. Für Spieler, Investoren, Funktionäre und Medien bleibt die Jagd nach dem Ball lukrativ und wertvoll. Nur was genau macht den Wert des Fußballs aus?

    Im Sport spiegelt sich die Gesellschaft – und umgekehrt. Ängste, Aktivismus und Individualismus prägen unsere Zeit. Gemeinschaft zersplittert, Mainstream gilt als Makel, lieber sucht man „eigene Wahrheiten“. Der Fußball könnte das vielleicht letzte soziale Netzwerk sein, das diesen Namen verdient. Dafür müsste er entscheiden, was er mit seiner Macht anfangen will – ob er mehr als ein Produkt sein könnte. Ob er jenseits von verbandlich genehmigten Lippenbekenntnissen seine Werte vertritt – und jene bestraft, die sie missachten (zur Erinnerung: Russland überfiel schon 2014 die Ukraine und wurde mit der WM 2018 trotzdem mit der global wertvollsten Werbeplattform beschenkt).

    Jeder Bolzplatzkicker kennt die Ideale seines Sports: Fairness (keine versteckten Fouls!); Diversität (ist entscheidend auf dem Platz – egal, wer du bist und woher du kommst); Inklusion (es gibt selbst unter Profis keinen idealtypischen Spieler). Was mal nach Kirchentag klang, diktiert heute der Diversity-Officer jedem mittelständischen Schraubenhersteller ins betriebliche Glaubensbekenntnis. Und auch die wichtigsten Akteure des Sports wollen längst mehr als nur spielen.

    DIE SPIELER: SUPER-AKTIVISTEN ODER MEGA-INFLUENCER?

    Es war ein kalter Februarabend, der FC Bayern gewann gegen Frankfurt 1:0, doch für Robert Lewandowski war das Nebensache. Er hatte sich eine Kapitänsbinde in den ukrainischen Nationalfarben Blau und Gelb über den Arm gezogen. Nach dem Spiel wurde er emotional. Eine Woche nach der russischen Invasion in der Ukraine sagt der Pole: „Wir sind alle gegen Krieg und haben nicht gedacht, dass es so weit kommt. Das zu sehen, tut weh.“

    Und: „Der Sport kann sich nicht rausnehmen.“ Dass Ruhm mit Verantwortung einhergeht, sieht nicht nur Lewandowski so. In England gilt der ManUnited-Star Marcus Rashford als Paradebeispiel des „mündigen Athleten“. Rashfords Engagement war es zu verdanken, dass vor zwei Jahren die Regierung von Boris Johnson einknickte und ein Programm zur Ernährung hilfsbedürftiger Schulkinder verlängerte. Rashfords Mutter war selbst zeitweise auf Essensausgaben angewiesen. Der Angreifer kämpft weiter für mehr soziale Gerechtigkeit, der „Financial Times“ sagte er: „Das System ist kaputt – wir brauchen Wandel.“

    Die Stimme erheben, für Wandel eintreten. Das klingt nach den Schlagworten der Generation Fridays for Future. Das linksliberale Magazin „New Statesman“ nennt das Phänomen sogar den „Aufstieg des Super-Aktivisten-Spielers“. Und zählt zu jenen auch Manchester Citys Raheem Sterling (Antirassismus), Tottenhams Eric Dier (Antibrexit), Aston Villas Tyrone Mings (Schutz für Obdachlose, weil früher selbst obdachlos) und Ex-Arsenal-Verteidiger und Birkenstock-Liebhaber Héctor Bellerín (Veganismus, Klimaschutz). In Deutschland mischt sich Toni Kroos regelmäßig in gesellschaftliche Fragen ein. Der Weltmeister rief zur Wahl auf – und sagte: Nur wer die AfD wählen wollte, der könne zu Hause bleiben.

    Doch gerade weil gesellschaftliches Bewusstsein immer relevanter wird, ist die Grenze zum Branding oft fließend. Auch beim DFB. Eine Aktion im vergangenen Jahr gegen Island fiel besonders negativ auf: Nationalspieler bemalten schwarze T-Shirts mit Buchstaben, was den Schriftzug „Human Rights“ ergab. Doch das Making-of-Video dazu wurde als „Marketing mit Menschenrechten“ wahrgenommen. Das ernste Thema wirkte wie Teil einer Imagekampagne. Sportliche Enttäuschungen, das Überangebot an letztlich belanglosen Spielen (Nations League) und der Streit um den abgeschmackten Slogan „Die Mannschaft“ habe zur Entfremdung von den Fans und zu leeren Stadien geführt.

    Der Sportmanager Jordan Wise spricht von einem neuen „kulturellen Phänomen“. In den USA werden Athleten als „viel mehr als nur Sportler“ wahrgenommen – durch Aktivismus, Wohltätigkeit oder Unternehmergeist. In der deutschen Start-up-Szene mischen etwa Ilkay Gündogan (Fitness-Start-up Terra) oder Mario Götze (Bildungs-Start-up Knowunity) als Angel-Investoren mit. Im Zeitalter des durch die sozialen Medien befeuerten Individualismus wollten auch Spieler „die Grenzen des Sports überwinden“, sagt Wise. Und vielschichtige Persönlichkeiten sein. Natürlich liegt in diesem Phänomen auch ein wirtschaftlicher Wert. Das britische Upper-Class-Modelabel Burberry schmückt sich mit Marcus Rashford auch dank seiner Strahlkraft und Relevanz. City-Star Jack Grealish, der bislang eher mit eigenwilligen Haarreifen statt durch gesellschaftskritische Äußerungen aufgefallen ist, verwandelt sich hingegen zum Beckham der Generation Z – und wurde dafür von Gucci mit einem Millionen-Deal belohnt.

    Ob durch ernsthaften Aktivismus oder Bling-Bling-Lifestyle – der Athlet transzendiert zum Mega-Influencer, der vielleicht mündiger, sicherlich mächtiger und in jedem Fall noch vermögender werden kann. Sportmanager Wise glaubt, dass die Superstars der Zukunft Deals und Partnerschaften in einer neuen Dimension abschließen werden, weil ihre Fans über sämtliche Plattformen und tiefgreifender mit den Idolen verbunden sind.

    Etwa mit Erling Haaland, der den BVB verlassen hat. Der 21-Jährige ist als größtes Talent aller Zeiten in die moderne Kommerz- und Vermarktungsmaschinerie hineingeboren worden – womöglich hat schon seine Hebamme eine Beteiligung an künftigen Transfers ausgehandelt, scherzt man in der Branche. Mehr als eine halbe Million Euro pro Woche soll der Norweger laut englischen Medien künftig bei Manchester City verdienen. Und diese Macht wollen auch die Entscheider nutzen.

    DIE FUNKTIONÄRE: SUPER-BOWL-TRÄUMER GEGEN BRATWURST-NOSTALGIKER

    In diesen Tagen ist die Stimmung trüb in der Guiollettstraße in Frankfurt am Main. Hier residiert in einem Glasbau die Deutsche Fußballliga (DFL) und deren CEO Donata Hopfen, 46. Die Digitalexpertin erklärt: „Wir erleben derzeit eine Zäsur. Die Zeit des nahezu selbstverständlichen Wachstums scheint vorüber.“

    In den vergangenen Spielzeiten, auf dem Höhepunkt der Pandemie, verloren die deutschen Topligen mehr als eine Milliarde Euro an Umsatz. In England waren es fast zwei Milliarden, trotzdem herrscht dort beste Laune: Erstmals hat die Premier League einen Vermarktungsdeal besiegelt, bei dem das Ausland mehr Geld einbringt als der heimische Markt.

    Mehr als elf Milliarden Euro kassieren die Engländer insgesamt bis 2025. Die Auslandsvermarktung der Spanier ist pro Saison immerhin 700 Millionen Euro wert. Und die Bundesliga? Die kommt bei den TV-Auslandsrechten auf etwa 200 Millionen Euro. Ein Betrag dieser Größenordnung wird künftig in England allein an den Tabellenletzten ausgeschüttet, aktuell an Norwich City. FC-Bayern-Boss Oliver Kahn nennt das ein „erdrutschartiges Missverhältnis“. Und Hopfen formuliert im schönsten Manager-Sprech: Die Auslandsvermarktung sei „zweifellos eine der großen Herausforderungen“.

    Im Fußball wächst durch die Pandemie die Kluft zwischen Geldelite und Geringverdienern. Die Konzentration von Vermögen an der Spitze (wie in der globalen Wirtschaft) nimmt auch durch die angestrebten UEFA- Reformen zu, glauben Ökonomen. Ab 2024 soll die Champions League über eine aufgeblähte Vorrundenliga und Play-off-Phase die Teilnehmer der K.-o.-Runde ausspielen. Das schafft hundert zusätzliche Partien – und mehr Einnahmen. Nicht qualifizierte Klubs können sich dank des UEFA-Klub-Koeffizienten in den Wettbewerb mogeln – und dessen Geldtöpfe anzapfen. Die Idee hebelt vor allem den sportlichen Reiz der Bundesliga weiter aus. Dass die Meisterschaftsdominanz des FC Bayern durchbrochen wird, scheint – in den aktuellen Strukturen – immer unwahrscheinlicher. Für Spannung sorgte immerhin die Qualifikation für Europa, die durch eine Wildcard verwässert würde.

    Fans und Ligaverbände kritisieren den Plan. Denn auch die UEFA-Regel zur „finanziellen Nachhaltigkeit“ nutzt vor allem den Großen. Kaderkosten dürfen 70Prozent der Einnahmen nicht übersteigen – wer also mehr einnimmt, kann mehr an Gehältern bezahlen, kann größere Stars verpflichten. Was die UEFA als Nachhaltigkeit verkauft, wird die Ungleichheit zementieren. Zumal die Scheichklubs ohnehin machen, was sie wollen.

    Manchester City, das einem Mitglied der Herrscherfamilie Abu Dhabis gehört, umgeht laut Recherchen des „Spiegel“ seit Jahren regelmäßig mit versteckten Zahlungen die Kostenkontrollen der Regelhüter. UEFA und englische Liga ermitteln, schon die Berichterstattung dazu versucht, aggressive Anwälte zu verhindern. Zwar rücken durch die Abramowitsch-Sanktionen Sportwashing und staatlicher Einfluss auf den Fußball in den Fokus. Doch auch die Aufregung um die Übernahme von Newcastle United durch den saudi-arabischen Staatsfond hat sich längst gelegt – trotz Protesten von Menschenrechtlern.

    Anfang April, im „Hilton“ in Wien. Es tagt die Europäische Club-Vereinigung (ECA), die Entscheider der Branche treffen sich zum Brainstorming. Experten der Harvard Business School dozieren: niemals den Blick aufs große Ganze verlieren. Genau das predigt auch der katarische Geschäftsmann Nasser Al-Khelaifi. Er fragt: Wie kann es sein, dass sich der Super Bowl größer anfühlt als das Champions-League-Finale? Der Präsident von Paris Saint-Germain sagt: „Jedes Match muss ein Ereignis und Unterhaltung sein.“ Es gehe um „neue Spielorte, neue Märkte, neue Formate“. Er wolle den Status quo hinterfragen. Warum also tanzt Beyoncé für Footballer, aber nicht für Fußballer? In Deutschland ging der Versuch mit Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale grandios schief. Überhaupt tickt das Land der Fußballpuristen ganz speziell.

    Als Donata Hopfen sagte, man könne keine Maßnahme ausschließen, die mehr Geld bringe – sie bezog sich auf die Austragung des spanischen und italienischen Supercups in Saudi-Arabien –, führte das zu Empörung. Bei Hopfen und der DFL ist seitdem noch öfter von Tradition und Werten die Rede als bei jedem oberbayerischen Trachtenverein. Doch Purismus kann schnell zur Ideologie werden. Ein Ende der 50+1-Regel steht weiterhin nicht zur Debatte. In Klubs aus Spanien und Italien kaufen sich derweil Private-Equity-Firmen ein, und in den spanischen und französischen Ligaverband pumpen Finanzinvestoren Milliarden.

    Wir sprechen mit einer Person, die einen Topverein und das Business seit Jahrzehnten von innen kennt. Sie sagt: Wenn ich Tradition will, gehe ich zu Lautern oder Sechzig, da gibt es Bier und Bratwurst. Aber erwarte ich das auch bei einem Premium-Produkt wie der ersten Liga? Wie kann es sein, dass ein DAZN-Abo für Neukunden immer teurer wird, aber der Wettbewerb immer reizloser ist – während die Engländer jede Woche mindestens ein Kracherspiel haben? Warum haben wir in Deutschland so viel Angst vor Veränderung?

    Das klingt nach Ratlosigkeit, dieses Gefühl kennen Traditionalisten und Reformer. Weil sich der Spitzenfußball zu einer Oligarchie wandelt. Und die Bundesliga, abgesehen von Dortmund und Bayern, weiter zurückfällt. Zumindest wenn Erlöse, und langfristig wohl auch sportliche Qualität, die Maßstäbe sind.

    Ex-St.-Pauli-Manager Andreas Rettig hatte mal die Idee, man könne die Bundesliga doch bewusst abgrenzen – und zur sozialsten und nachhaltigsten Liga der Welt machen. Wo Vereine Öko-Punkte sammeln, als Ergänzung zur Fair-Play-Tabelle. Könnte der Rückzug in den behaglichen Bundesliga-Biedermeier eine Lösung sein? Sogar BVB-Boss Watzke sagte in einem „Welt“- Interview: „Wir als Liga müssen den Menschen in Europa und der ganzen Welt vor allem klarmachen: Die Bundesliga ist politisch korrekt und sauber.“ Und dass man hier auf Nachhaltigkeitsthemen setze.

    Donata Hopfen will vor allem durch die Digitalisierung im globalen Wettbewerb erfolgreicher werden. Es ist der Versuch eines Spagats: Laptop und Lederhose, Bits und Stadionbier. Doch auch dabei ist man auf der Insel schon viel weiter. Manchester City baut mit Sony das Etihad-Stadion ins Metaversum. Fußball als immersive Erfahrung für eine globale Anhängerschaft – es wäre ein gigantischer Zukunftsmarkt. Die Bratwurst gäbe es dort zwar nicht. Nur vermisst die in der schönen neuen Medienwelt vielleicht ohnehin keiner mehr.

    DIE MEDIEN: NETFLIX ODER NIX?

    Im Sommer 1992 staunten britische Fernsehzuschauer über einen TV-Spot, der „einen ganz neuen Ballsport“ versprach. Der Clip war eine popkulturelle Melange der 90er: Trikots wie das Gefieder von Kanarienvögeln. Goldkettchen auf nackter Brust im Dampf von Kabine und Mannschaftsdusche. Vor dem Stadion hebt der Bobby ein Kind aufs Pferd, statt Hooligans zu jagen. Und dazu singen die Simple Minds „Alive and Kicking“.

    Nur vom neuen Ballsport war nicht mehr als kurzer Torjubel zu sehen. Das war also die neu geschaffene Premier League, die erstmals auf Rupert Murdochs Sky Sport zu sehen war. Und tatsächlich nahm die Werbung alles vorweg, was den Fußball künftig ausmachen sollte: Stars, Unterhaltung, Emotionen – und ein bisschen Sport. Mit einem massentauglichen Unterhaltungsprodukt wollte der Medienmogul sein Abo-TV-Modell profitabel machen. Doch vorher musste Fußball sauber werden. Wegen Gewaltexzessen und den Tragödien im Heysel-Stadion und in Hillsborough galt der Sport als Schande. Murdochs Kalkül ging auf: Der englische Fußball ließ seine dunkelste Zeit hinter sich, sein Pay-TV-Sender hatte mehr zahlende Zuschauer und die Vereine mehr Geld. Die Symbiose aus Ball und Bildschirm revolutionierte den Sport. Und bereitet den Weg für dessen totale Kommerzialisierung.

    Anruf bei Wolff Fuss, 46, Sky-Kommentator, seit über 20 Jahren die emotionalste Stimme des deutschen Fußballs. Er sagt: „Die Premier League hat früh begriffen, was wir in Deutschland lange verschlafen haben: Der Trubel rund um die Spiele hat eine ähnliche Relevanz für die Aufmerksamkeit wie das Spiel selbst.“ „Ran“ auf Sat.1 ließ diesen Gedanken in die Berichterstattung einfließen. Doch Fuss erinnert sich an Kritik: Zeigt nicht so viele Promis auf der Tribüne, klagten manche Zuschauer. Dabei taten die Engländer genau das.

    Für den Trubel sorgt inzwischen auch die Clickbait-Gier in einem mehrheitlich übellaunigen Social-Media- Kosmos. Fuss erinnert an die Posse um Bayern-Trainer Julian Nagelsmann und die Freiwillige Feuerwehr Süd-Giesing: „Da wurde leider unnötig ein Konflikt konstruiert.“ Man solle sich nicht wundern, wenn Vereine künftig nur noch „chemisch gereinigte Videos“ verschicken. Eine weitere mögliche Konsequenz: Meinungsstarke Akteure wie Nagelsmann ziehen sich auf maximal ungefährliche Floskeln zurück.

    Das ist bedauerlich, denn hier könnte man sich von Amerikanern und Briten etwas abschauen. In den USA wie in der Premier League gilt für Spieler und Trainer weitgehend: Sei, wie du bist. Die Engländer lieben Jürgen Klopp gerade wegen seiner in jeder Hinsicht großformatigen Klappe. Auch ihm verrutscht mal ein Satz, doch das ist okay. Gerade das macht ihn menschlich und sympathisch – und diese Lockerheit wirkt ansteckend.

    Auch Fuss redet „wie mir der Schnabel gewachsen ist“, obwohl der Klimawandel im Umgang miteinander den Shitstorm wahrscheinlicher macht. Er fordert: „Lasst die Synagoge im Dorf“, wenn Bayern mühelos bei Maccabi Haifa gewinnt; er vergleicht einen schwachen FC Barcelona mit „Barfuß Bethlehem“; und bei zu vielen Fehlschüssen wird auch mal „der Hund in der Pfanne verrückt“. Doch auch Fuss’ Medium, das essenziell ist für die Fußballfolklore, verliert an Macht. Die Premier League arbeitet an einem Plan, ihr Produkt direkt an den Konsumenten zu verkaufen mittels einer eigenen Streamingplattform. In der NBA gibt es ähnliche Modelle. Noch ist die Idee Druckmittel, um in den Verhandlungen mit Sendern, Streaminganbietern und Techkonzernen wie Amazon den Preis hochzutreiben.

    DIE KONSUMENTEN: WIE WÄRE ES, WENN WIR ES GANZ ANDERS MACHTEN?

    Auch mit Bundesliga-Fußball stillt Amazon den enormen Content-Hunger seines Streamingangebots. DAZN wächst ebenso, macht aber eine Milliarde Verlust und kann sich die teuren Rechte nur leisten, weil der schwerreiche Unternehmer Len Blavatnik als Investor weiter Geld zuschießt. Um weniger abhängig zu sein, werden wohl auch Bestandskunden bald mehr für das Abo bezahlen müssen. Der Markt wird immer heftiger umkämpft. Zumal die FIFA auf ihrer werbefinanzierten eigenen Streamingplattform FIFA+ bereits Tausende Livespiele zeigt – und den Trubel drum herum.

    Entscheidend ist: auf dem Platz – und auf der Plattform? „In Deutschland wird noch Wert darauf gelegt, dass die Berichterstattung unabhängig ist – und das sollte so bleiben“, sagt Fuss. Trotzdem glauben Experten, dass Ligen und Verbände langfristig den Zwischenhändler gern aus dem Geschäft nehmen würden. Und direkt beim Konsumenten kassieren. Also beim „Fan“.

    Ein Hauch von Revolte lag Mitte März über dem Prinzenpark in Paris: Neymar und Messi filetierten die Abwehr von Bordeaux so meisterhaft wie Sterneköche ein Entrecote. Doch das 3:0 konnte die PSG-Anhänger nicht besänftigen. Gnadenlos buhten sie die Superstars aus. Nicht nur das Champions-League-Aus gegen Real brachte die Fans auf. Der Frust saß viel tiefer. „Zu viele nutzlose Köpfe! Robespierre, wo bist du?“, hieß es auf einem Banner der Fanvereinigung Collectif Ultras Paris.

    Sie fordert schon lange den Abschied von Präsident Al-Khelaifi. Er solle zurücktreten, im Interesse „keiner Marke, keines Marketingprodukts – sondern unseres Klubs!“
    Wut und Protest kennen auch andere Großklubs: Bei Manchester United begehren die Fans gegen die visionslosen US-Besitzer auf. Der FC Bayern geht gerichtlich gegen Anhänger vor, um eine Debatte über das umstrittene Katar-Sponsoring zu vermeiden. Auch hier wieder ein Gefühl der Ohnmacht. Sind wir austauschbare Figuren auf einem globalen Monopoly-Brett? Sind unsere „Eyeballs“, die Maßeinheit für mediale Aufmerksamkeit, wichtiger als unsere Liebe und Loyalität?

    Harald Lange, 53, von der Universität Würzburg kennt diese Fragen. Der Professor mit den karierten Hemden und ausgebeulten Jeans passt nicht in die Glitzerwelt des Fußball-Biz. Er hinterfragt den Status quo. Lange beschreibt einen Teufelskreis: Wir laden Fußball auf mit Werten wie Treue, Fair Play, Loyalität und Solidarität. Vor allem das macht Fußball wirtschaftlich so interessant. Doch je mehr diese Bedeutung kommerziell ausgeschlachtet wird, desto mehr wird sie ausgehöhlt.

    Lange arbeitet derzeit an einer Studie zur Stimmung hinsichtlich der Winter-WM in Katar. In diesem Turnier spiegelt sich alles, was den Fußball der Gegenwart und wohl auch der Zukunft so frustrierend macht: seine Aushöhlung und Kälte. Die Studie zeigt, dass mehr als 80 Prozent der befragten Fans keine Vorfreude auf das Turnier spüren. Nicht einmal ein Drittel der Fußballfans will Spiele im TV anschauen. Auch weil dort Tausende asiatische Arbeiter beim Bau von Stadien zu Tode kamen. Und die Rechte von Menschen und Minderheiten nicht in dem Maße geachtet werden, wie es in Paris, München oder London selbstverständlich ist.

    Dann stellt Lange die Frage aller Träumer: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die WM-Vergabe eine Belohnung für jene Staaten wäre, die freiheitlich-demokratische Werte hochhalten? Und wenn Bewerber, die diese Werte missachten, offensiv scheiterten? Wäre auch der kommerzielle Wert des Fußballs nicht viel größer, wenn sich Sponsoren mit einer ethischen und nachhaltigen Plattform schmücken könnten? Hauptgeldgeber für die WM in Katar sind ein chinesischer Molkerei-Konzern und eine Kryptobörse. Die scheinen mit dem miesen Ruf der FIFA und ihrem Turnier kein Problem zu haben – sie haben ja selbst nicht den besten. Lange fragt: „Wie weit wollen wir das wirtschaftliche Wachstum des Fußballs noch treiben, bis wohin ergibt das noch Sinn?“

    Es geht wohl noch sehr viel weiter. Fans lieben, verzweifeln und verzeihen. Und kommen wieder. Selbst jene, die nur mit dem Insta-Herzchen dabei sind. Das macht den Fußball krisensicher und so wertvoll, zumindest als Geschäft. Und darum haben wir Fans wohl genau den Sport, den wir verdienen. Auch in Zukunft.

    Schade. Es wäre mehr drin gewesen.

  • Karl Ove Knausgård: «Ich kann meine alten Bücher nicht mehr lesen” (nzz.ch)

    Der norwegische Literatur-Superstar Karl Ove Knausgård über verschossene Elfmeter, Putins Krieg, die Schrecken des Klimawandels und warum er sein Werk für ein Desaster hält, das ihn nicht einmal finanziell ganz unabhängig gemacht hat.

    Hither Green, Süd-London, neun Uhr früh. Karl Ove Knausgård, 53, erscheint am Treffpunkt nahe dem Bahnhof. Solider Händedruck, scheues Lächeln. Mühsamer Small Talk über die Unberechenbarkeit des britischen Sommers, der schnell versandet. Knausgård – Literatur-Megastar und Idol der Intellektuellen – lebt hier mit seiner dritten Frau und sieben Kindern. Weltberühmt wurde der Norweger mit seiner brutal persönlichen Ich-Beschau im siebenbändigen Erzählzyklus «Mein Kampf», mit dem er Millionen Leser in den Bann zog. Nun ist sein neues Buch «Der Morgenstern» erschienen, der Auftakt zu einer Reihe von fiktionalen Romanen. Der Fotograf schlägt vor, zunächst Porträts in Knausgårds Nachbarschaft zu machen. Mit dem silber-weissen Haarschopf und den Skinny-Jeans wirkt der Hüne wie eine Birke, die durch ein fremdes Terrain aus Backstein, Barber-Shops und Billig-Cafés stakst. Seine Stimme ist weich. Er raucht Kette. Vielleicht bricht ja Small Talk über Fussball das Eis.

    Ihr Landsmann Erling Håland wechselt zu Manchester City. Haben Sie dem Fussballstar schon Tipps für das Leben in England gegeben?
    Karl Ove Knausgård
    : Leider nein. In Norwegen kennt man sich eigentlich. Doch Håland wuchs in einer eigenen, abgeschirmten Welt auf. Schade, ich würde ihn liebend gern treffen und über ihn schreiben.

    Was interessiert Sie besonders?
    Vor allem, wie er mit Druck umgeht. Ich bewundere Typen wie ihn. Karim Benzema von Real Madrid ist auch so einer. Der legt in der Nachspielzeit den Ball auf den Elfmeterpunkt und haut ihn rein – als wäre es die leichteste Sache der Welt.

    Wie ist es um Ihre Nervenstärke bestellt?
    Vor einiger Zeit war ich auf einer Kulturveranstaltung eingeladen. Die Gäste sollten bei einem spassigen Elfmeterschiessen mitmachen. Ich konnte nicht Nein sagen. Kaum hatte ich den Ball, spürte ich das Blut im Kopf rauschen. Alle schauten mich an. Mein Schuss ging vorbei, es war kläglich und furchtbar peinlich.

    Man trifft kaum noch Kettenraucher wie Sie. Treiben Sie Sport, spielen Sie selbst Fussball?
    Dafür fehlt mir die Zeit. Ich gehe hin und wieder ins Stadion, manchmal mit den Kindern. Ich mag diese ur-britische Erfahrung, den altmodischen, etwas ranzigen Selhurst Park von Crystal Palace, der mitten im Wohngebiet liegt. Es ist gleichzeitig furchtbar und schön. Aber ich habe auch nichts gegen die Arenen von Arsenal und Tottenham, die eher an Multiplexkinos erinnern.

    Funktionäre in Norwegen machen besonders offensiv Stimmung gegen die WM in Katar. Einer klagte, das Turnier finde auf einem Friedhof statt, in dem Tausende Stadionarbeiter begraben sind.

    So ist es wohl. Dieses Turnier fühlt sich falsch an. Es findet im Winter statt, das Land Katar hat keine Fussballkultur, hinzu kommt die Menschenrechtsproblematik. Die WM ist ein wichtiges Ereignis im Leben vieler Menschen. Furchtbar, dass das Leben aus dem Turnier gesaugt wird – wegen Gier und Korruption.

    Aber einmal ehrlich: Werden Sie die WM deshalb boykottieren und keine Spiele anschauen?
    Wahrscheinlich nicht. Die WM nicht zu verfolgen, wäre sehr hart für mich. Es ist dumm, aber so ist es.

    Auch Ihr neuer Roman «Der Morgenstern» ist düster. Dämmert der westlichen, liberalen Mittelschicht gerade, dass es mit dem angenehmen Leben endgültig vorbei ist?
    Das ist eine grosse Frage. Ich bin ja auch nur Teil eines Netzes, in dem alles mit allem verbunden ist. Wenn ich schreibe, spüre ich, wie die Welt gerade erschüttert wird. Früher war das nicht so, jetzt schon.

    Wie kommt das?
    Ich versuche in der Flut an Nachrichten zu verstehen, was wichtig ist. Das Buch nach «Der Morgenstern», das in Norwegen schon erschienen ist, spielt in Russland. Kaum war es veröffentlicht, begann der Krieg. Ich fühlte mich, als wäre ich persönlich betroffen. Es war furchtbar. Ich habe ein Event organisiert, auf dem Schriftsteller ukrainische Literatur lesen, um den Betroffenen eine Stimme zu geben. Ich dachte, ich muss etwas tun gegen das Gefühl der Hilflosigkeit. Vielleicht habe ich damit aber nur versucht, mich selbst zu trösten.

    Russland übt einen starken Reiz auf Sie aus. Sie haben einmal geschrieben, dass Wladimir Putins Aufstieg gelang, indem er die Geschichten der Vergangenheit so erzählt hat, dass sie das heutige Russland rechtfertigen.
    Russlands Literatur und seine Erzählungen haben mich früh fasziniert. 2018 war ich für eine Reisegeschichte für das Magazin der «New York Times» im Land unterwegs. Ich erlebte auch Demonstrationen, und schon damals spürte man, wie das Regime die Schrauben immer fester anzog. Aber ich verstehe auch, was Kissinger meint, wenn er sagt, es müsse für Putin einen Ausweg aus dem Konflikt in der Ukraine geben. Das klingt schrecklich, aber vielleicht müssen Politiker so unemotional auf die Lage schauen.

    Krieg, Atomangst, Klimawandel, Inflation, Ende der Globalisierung – was verbindet diese Krisen der Gegenwart?

    Sie interviewen leider keinen Philosophen. Ich bin überhaupt nicht qualifiziert, mich dazu zu äussern. Ich weiss nur, dass heute alles präsenter und schneller ist. Das steigert das Gefühl der Dringlichkeit. Und das ist etwas Künstliches. Wenn irgendwo eine Terrorattacke passiert, dann kannst du live zuschauen, aber es hat nichts mit dir zu tun. Trotzdem kriecht dir der Horror unter die Haut. Es ist eine neue Welt, und man muss lernen, mit ihr klarzukommen.

    Was ist Ihre grösste Furcht?
    Wahrscheinlich der Klimawandel. Er löst ein Gefühl der Hilflosigkeit aus. Wälder verschwinden. Pflanzen- und Tierarten gehen verloren. Und wir können nichts dagegen tun. Hinzu kommen neuen Technologien. Sie beherrschen alle Aspekte unseres Lebens. Und wir haben dabei nichts zu melden, niemand hat uns gefragt, ob das okay ist. Aber das ist die Struktur des Kapita- lismus, er muss immer wachsen und weitermachen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass auch viel Gutes vor sich geht. Wir können nicht abstreiten, dass wir nach wie vor in fast makellosen Zeiten leben.

    Plötzlich hat es Knausgård eilig. Sein Parkschein ist abgelaufen, er muss den Wagen umparkieren. Wir steigen in seinen blauen, mindestens zehn Jahre alten Citroën C3. Ein klappriger Kleinwagen, der schonungslos von seinem chaotischen Leben erzählt wie ein Kapitel aus «Mein Kampf»: zerknitterte Plastikflasche auf dem Boden, die Fussmatten vollgekrümelt, der Kindersitz befleckt mit Milch, Rotz und Tränen. Spuren des alltäglichen Gross- familienwahnsinns. Nach fünf Minuten Fahrt halten wir vor einem Doppelhaus im typisch viktorianischen Stil. Das Fenster im ersten Stock ist mit Büchern fast komplett zugemauert. Wir spazieren zu einem «Greasy Spoon», einem traditionellen Billig-Café nebenan. Drinnen trinken zwei Bobbys Tee, ein Bauarbeiter blättert in der «Sun». Knaus- gård holt pechschwarzen Kaffee und einen Aschenbecher.

    Einverstanden, dass niemand die Sorgen, Nöte und Phantasien des progressiven, mittelalten Mannes so treffend beschreibt wie Sie?
    So wird von aussen versucht, meine Arbeit zu definieren. Aber was ich beschreibe, kommt von innen, aus mir selbst. In «Mein Kampf» geht es um Identität und darum, was von dir als Mann und Vater erwartet wird. Zwangsläufig nimmt man damit eine Rolle an. Ja, natürlich bin ich ein mittelalter weisser Mann. Aber Identität ist eine soziale Konstruktion. Ich dachte, in «Mein Kampf» geht es nur um mich. Und dann – boom! – so viele Leute kamen und sagten: Du schreibst über mein Leben. Und das schafft nur Literatur: dass du etwas Intimes teilst, und andere fühlen sich dadurch an ihr eigenes Leben erinnert. Deshalb ist Gender und Geschlecht unwichtig. Ich kann eine Autorin lesen und mich selbst in ihrem Text fühlen. Das ist das Wunderbare an Literatur.

    Sie haben einmal geschrieben: «Ich lief durch Stockholms Strassen, modern und feminisiert, doch in mir tobte ein Mann des 19. Jahrhunderts.» Sind Sie das immer noch?Ja, sicher. Ich bin ein altmodischer Romantiker. Nicht, was die Liebe und Beziehungen betrifft, eher in meinem Schreiben. Oft kommt die Natur vor, und ich suche nach dem Edlen und Erhabenen.

    Sie führen mit Ihrer dritten Frau, Ihrer früheren Lektorin Micha Shivat, einen Haushalt mit sieben Kindern. Vier Kinder sind nach der Trennung von Ihrer zweiten Frau Linda Boström mit nach London gezogen. Zwei Kinder hat Ihre jetzige Frau. Mit ihr haben Sie noch einen dreijährigen Sohn. Ihr Tipp an alle Eltern einer Patchworkfamilie?
    Da habe ich keinen. Auch angehenden Schriftstellern kann ich keine Ratschläge geben. Die Wahrheit ist: Du musst deinen Weg selbst gehen. Ich kann dir keine Abkürzung aufzeigen.

    Haben Ihre Kinder die Trennung und den Umzug schnell verkraftet?
    Sie haben sich hier bald zurechtgefunden. In Schweden haben sie in einer sehr monokulturellen Gesellschaft gelebt. Hier ist alles multikulturell. Das gefällt mir. Als Kind in Norwegen war mein Horizont beschränkt. Meinen Kindern steht die Welt offen.

    Wie finden Ihre Kinder den Umstand, dass sie einen weltberühmten Vater haben?
    Sie haben keinen Bezug dazu. Berühmtheit ist ja relativ. Wenn wir in Schweden sind, sehen sie meine Bücher in den Läden, aber das war’s. Hier bin ich erst zweimal in einem Supermarkt erkannt worden. Ich kann ungestört leben. In Schweden wäre das anders, vor allem für meine Kinder. Jeder Lehrer, alle Mitschüler wüssten, wer ihr Vater ist.

    Sie haben in «Mein Kampf» die intimsten Momente Ihres Familienlebens fast schon ausgeschlachtet, sogar die Krankheit Ihrer manisch-depressiven Ex-Frau. Wie sollen Ihre Kinder das jemals verzeihen?
    Ich weiss es nicht. Mit Eltern umzugehen, ist von Natur aus schwer. Ich glaube, Thomas Manns Frau Katia hat gesagt: Du kannst dich über deine Eltern beschweren, bis du dreissig bist, aber danach kannst du ihnen für nichts mehr die Schuld geben. Ich werde die Reaktion meiner Kinder auf die Bücher akzeptieren und damit umgehen.

    Welche Reaktion würden Sie sich wünschen?
    Es ist eine grosse Last, dass meine Kinder in den Büchern vorkommen – und es wird ihr ganzes Leben lang eine Last sein. Aber vielleicht verändert sich ihre Wahrnehmung der Bücher im Laufe des Lebens. Ihre Reaktion wird anders sein, wenn sie als 19, 29 oder 39 Jahre alte Menschen darin lesen. Die Bücher sind voller Liebe für meine Kinder. Ich hoffe, dass sie auch das erkennen.

    Die liebliche Sommerhauswelt Schwedens haben Sie gegen ein Leben in der kalten Leistungsgesellschaft der Anglo-Sphäre getauscht. Ihr Fazit nach sieben Jahren?
    Was mich am meisten beeindruckt, ist das System der Klassengesellschaft. Und diese unglaubliche Kluft zwischen den Reichen, die so enorm viel haben, und den Armen, die so extrem wenig haben. Und dass dieser Umstand akzeptiert wird. Keine politische Bewegung hier fordert, das zu ändern. Es ist die Natur dieser Gesellschaft. Skandinavien ist viel egalitärer. Soziale Mobilität ist sehr wichtig und dass jeder dieselben Chancen hat. Freie Unis, kostenfreie Schulen, das steckt dort allen im Blut. Hier denkt man völlig anders. Ich mag, dass sich Gesellschaften so unterschiedlich organisieren können. Aber die Armut ist schockierend.

    Was ist das Beste an einem Dasein als Millionär?
    Ich bin nicht sehr reich. Nein, wirklich.

    Ach, kommen Sie, Sie haben Millionen Bücher verkauft.
    Ich habe eine Familie mit neun Mitgliedern zu versorgen. Ich habe ein Haus in London. Ich versuche einfach nur, den Kopf über Wasser zu halten.

    Ist Ihnen Geld wichtig?
    Ich wünschte, das wäre es. Dann würde ich vielleicht besser damit umgehen. Leider habe ich eine sorglose Beziehung zu Finanzen.

    Welchen Luxus gönnen Sie sich?
    Na ja, ein Besuch im Fussballstadion ist teuer. Und ich kaufe gern Kunst, nichts Extravagantes. Ich mag die Bilder von den schwedischen Malerinnen Mamma Andersson oder Anna Bjerge.

    Wann ist Ihr grandioser Erfolg eine Bürde?
    Nach meinen ersten beiden Büchern, die sehr erfolgreich waren, wartete ich fünf Jahre bis «Mein Kampf». Dann schrieb ich einfach drauflos, ohne nachzudenken, ohne Erwartungen. Aber selbst nach diesem Erfolg wurde ich nicht selbstbewusster. Ich muss jeden Tag aufs Neue dafür kämpfen. Zum Glück habe ich einen Lektor, mit dem ich schon meine gesamte Karriere zusammenarbeite. Ich schicke ihm am Nachmittag den Text, und am nächsten Morgen sagt er hoffentlich: Das ist gut, mach weiter.

    Lassen Sie sich von dem Rummel um Ihre Person noch immer blenden?
    Ich kann meine alten Bücher nicht mehr lesen. Manchmal glaube ich dem Hype und denke: Wow, das ist wirklich gut. Und dann schlage ich ein Buch auf, und ich muss erkennen: was für ein Desaster. Und beim Schreiben denke ich oft: Du bist am Arsch. Es ist hart, weil die Kritiker mir etwas einreden, aber ich sehe alle meine Schwächen – und so entsteht für mich dieses widersprüchliche Bild von mir selbst.

    Wann haben Sie zuletzt gedacht: Du bist am Arsch?
    Im Prinzip jeden Montag, wenn ich aus dem Wochenende komme. Ich brauche für das Schreiben den Flow, muss ganz im Augenblick leben. Wenn man die Erwartungen zu nahe an sich ranlässt, vermasselt man die Chance wie ein Torjäger, der einfach nicht trifft.

    Was ist das Beste am Älterwerden?
    Man ist weniger neurotisch. Alles ist leichter und entspannter.

    Was ist das letzte Tabu, über das Sie niemals schreiben würden?
    Es gibt viele. Wenn ich über lebende Menschen schreibe, gibt es Millionen Tabus.

    Wirklich?
    Ja, klar. Die Leute denken, ich war gnadenlos. Aber ich habe die Manuskripte an alle geschickt, die in den Büchern vorkamen. Viele haben gesagt: Das kannst du nicht schreiben. Aber es ging ja um mich. Wenn man Fiktion schreibt, sollte es allerdings keine Tabus geben.

    Sie sind auch Verleger und haben Christian Krachts Bücher in Norwegen herausgebracht. Tauschen Sie sich aus?
    An unser erstes Gespräch erinnere ich mich gut. Er rief mich an und fragte: Seid ihr rechts? Und ich sagte: Nein. Und er meinte: Okay, ihr könnt meine Bücher haben. Cooler Typ, dachte ich. Damals gab es ja die Debatte um angeblich rechtes Gedankengut in seinem Werk. Er hatte keine Lust, dass sich das wiederholt.

    Wo stehen Sie politisch?
    Ich bin unglaublich liberal, wenn es um Meinungsfreiheit geht. In Sachen Wirtschaft bin ich ein Kind der Sozialdemokratie. Der Wohlfahrtsstaat ist eine grossartige Erfindung.

    Welchen Betrag würden Sie darauf wetten, dass Sie irgendwann den Nobelpreis gewinnen?
    Ich weiss, dass ich auf diesen Wettlisten stehe. Ich werde aber niemals den Nobelpreis gewinnen. Das ist sicher. Ich habe nicht, was die Akademie sucht. Man sollte konstant gut sein. Wie Peter Handke. Er hätte ihn längst bekommen sollen. Auch Cormac McCarthy. Thomas Bernhard hätte ihn auch verdient.

    Jetzt wirken Sie unangenehm berührt.
    Ich mag Ihre Frage nicht. Es wirkt, als würde ich eine solche Debatte akzeptieren. Wahrscheinlicher als ein Nobelpreis für mich ist ein Weltmeistertitel im Fussball für Norwegen.

    Knausgård drückt die Zigarette aus. Die Sonne steht hoch, es ist fast Mittag. Um drei Uhr endet die Schule, dann holt er die Kinder ab. Er will jetzt schreiben, fünf Stunden lang, wie jeden Tag. Mittwochs läuft es meistens gut, das müsse man nutzen, meint er. Zum Abschied bittet er mich um einen Gefallen. Er hat zu Beginn unseres Gesprächs eine nette und belanglose Anekdote über ein Familienmitglied erzählt. Ich soll das bitte nicht erwähnen, sagt er. Natürlich nicht, verspreche ich. Es gibt also wieder Tabus – zumindest wenn es um seine neue Familie geht. Sein Gang federt, er stakst leicht nach vorn gebeugt hinein in die Londoner Suburbia. Bald hat ihn der Alltag verschlungen. ■