Liverpool und Jürgen Klopp – das ist eine besondere Beziehung. Seit der deutsche Trainer bei den Reds anheuerte, habe ich immer wieder über ihn berichtet. Hier ein Text zum Sieg im Finale der Champions League 2019.
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Liverpool and Jürgen Klopp have formed a unique relationship since the German took over as manager. I have frequently reported about him and published this piece after the Reds were crowned Champions of Europe in 2019.

Erschienen in Focus Magazin

Was wir von Jürgen Klopp lernen können

Sport ist eine Schule fürs Leben. Und dieser Mann ist ein Meister seines Fachs: Jürgen Klopp hat mit dem Sieg seines FC Liverpool in der Champions League bewiesen, dass er mehr ist als ein begnadeter Menschenfänger. Klopps Triumph ist ein Lehrstück über Zielsetzung, Beharrlichkeit und moderne Führungskultur

Verdammt lässig saß er da oben auf der hinteren Kante des Busses, im Gesicht ein breites Grinsen, in der Hand eine Flasche Bier. Mit den Armen zappelte er zu den Gesängen, während ihm Tausende Fans am Straßenrand huldigten. Klopp wirkte glücklich, erschöpft, beschwipst. Und dann, oh Schreck, begann King Klopp zu wanken.

Für einen Moment taumelte Klopp, schien das Gleichgewicht zu verlieren, drohte vom Bus zu stürzen. Der Edel-Joker Xherdan Shaqiri blickte besorgt zum Trainer, legte schützend den Arm um die Hüften des Coachs. Klopp rutschte zurück, hob beschwichtigend die Hände. Dann grinste er noch breiter sein Partyvolk an.

Als das Video von dem Beinahe-Unfall in den sozialen Medien die Runde machte, brachte ein Fan auf den Punkt, was die meisten wohl dachten: „Dem betrunkenen Klopp beim Herumalbern zuschauen, allein dafür lohnt es sich zu leben. Was für eine Legende.“

Sie haben mit ihm gelitten, sie haben mit ihm magische Siege gefeiert. Und nach dem 2: 0 im Finale der Champions League gegen Tottenham ist geschehen, was schwer vorstellbar schien: Die Liebe der Liverpooler zu ihrem Kulttrainer ist noch mal gewachsen. Er hat die wichtigste Trophäe im Clubfußball geholt. Er hat dem sentimentalen LFC den Stolz zurückgebracht.

Als er bei den Reds anheuerte, gab er das messianische Versprechen, er wolle aus Zweiflern Gläubige machen. Und dass er in den nächsten vier Jahren einen Titel holen werde. Er hat Wort gehalten. Klopp, der König von Fußball-England. Ach was: Liverpools fünfter Beatle. They love him, yeah, yeah, yeah!

Auch eine Woche nach der gigantischen Siegesfeier, bei der 750000 Menschen an der Merseyside tanzten, sind der Club, die Stadt, das Land berauscht von Jürgen Klopp und dem FC Liverpool. Und selbst die Berichte gestandener Sportreporter über Klopps Triumph lesen sich wie schmalzige Liebesbriefe verknallter Teenager: „Und nun, nachdem er triumphierend Liverpools Seele restauriert hat und Anfield in einen heiter blühenden Niagarafall aus Optimismus getränkt hat, schenkt Klopp seiner Wahlheimat ein Schmuckstück für die Ewigkeit.“

Nachdem Klopp zuvor sechs Endspiele in Folge verloren hat, ist das Erringen dieses „Blumentopfs“, wie Klopp Pokale nennt, eine Genugtuung und Ansporn zu mehr. Er sagt: „Jetzt haben wir etwas gewonnen. Und das ist erst der Anfang.“ Mit dem Triumph von Madrid ist er den Makel des ewigen Zweiten los und will eine Ära einläuten, die viele weitere Trophäen in den kommenden drei Jahren bringen soll – so lange läuft sein Vertrag. Klopps Biograf Raphael Honigstein hat für das Magazin „Red Bulletin“ die Mechanismen beschrieben, mit denen der Schwabe seine Reds an der Spitze halten will.

Klopp ist ein Menschenfänger und Motivator, seine wichtigste Regel ist: Erfolg kommt von innen. Maximaler Erfolg ist sein Antrieb, das imponiert seinen Spielern. Bei jeder Trainingseinheit vermittelt er: Wer gewinnen will, muss es selbst wollen. Und nicht zum Wollen getrieben werden. Klopp gilt als lockerer Typ, der seine Spieler liebevoll „meine Jungs“ nennt. Doch sein Stil hat auch autoritäre Züge – er fordert bedingungslose Unterwerfung unter das gemeinsame Ziel ein.

„Wer sich auf seinen Job konzentriert und motiviert ist, den empfange ich mit offenen Armen“, sagte Klopp nach seiner Ankunft in Liverpool. Ungemütlich werde es für jene, die nicht die richtige Einstellung mitbringen. „Mit solchen Spielern zusammenzuarbeiten ist für mich verschwendete Zeit“, sagt Klopp. Als BVB-Trainer drückte er es noch härter aus: „Arschlöcher werden bei uns sofort verkauft, da kann einer noch so überragend kicken.“

Klopp verlangt Leidenschaft, Gier, Willen. „Einen guten Tag hat jeder mal. Aber an einem schlechten Tag musst du können. Dafür lebst du als Sportler, da musst du dich zur Wehr setzen“, sagt er. Mit dem spektakulären Comeback gegen Barcelona im Halbfinale haben die Reds bewiesen, was Klopp als „wichtige Erfahrung für Herz und Kopf“ beschreibt – das Bestehen gegen einen zumindest zeitweise besseren Gegner und die Einsicht: „Es geht auch ein bisschen mehr.“

Als er die 0:3-Niederlage aus dem Hinspiel mit einem sagenhaften 4:0 gedreht hatte und Arm in Arm mit den Spielern vor der Stehplatztribüne stand und „You’ll Never Walk Alone“ sang, war die Essenz des Klopp-Fußballs spürbar: Wunder sind möglich, wenn wir leidenschaftlich daran glauben. Auch weil Klopp das Credo des „Alles-Raushauens“ vorlebt.

In Dortmund tat er das mit Jubelsprüngen, manchmal ließ er auch nur den Unterkiefer hervorspringen. Heute verausgabt er sich seltener an der Seitenlinie, er hat sich sogar sein legendäres Zähnefletschen abtrainiert. Eigentlich schade.

Als er mit Dortmund 2011 erstmals wieder seit 2002 Meister wurde, hatte er vor der Saison jeden Spieler einen sieben Punkte umfassenden Treueschwur unterschreiben lassen: bedingungsloser Einsatz, leidenschaftliche Besessenheit, Zielstrebigkeit, vom Spielverlauf unabhängige Bereitschaft, jeden zu unterstützen, sich helfen zu lassen, seine Qualität zu 100 Prozent in den Dienst der Mannschaft zu stellen und individuelle Verantwortung zu übernehmen.

Klopps sieben Versprechen sind mittlerweile Stoff für Management-Seminare. Das Kollektiv steht für Klopp über allem. Es macht seine Liebe zum Fußball aus. Dem „Independent“ sagte er neulich: „Ich habe Fußball vom ersten Tag an geliebt, weil ich ihn mit meinen Freunden spielen konnte, gemeinsam. Die Fähigkeiten deiner Freunde zu nutzen, um das bestmögliche Team zu sein – das mochte ich.“ Über seine Arbeit sagt er: „Ich will nicht der Beste sein. Das ist nicht mein Ziel. Ich will helfen, dass mein Team das beste ist.“

Dennoch gilt für Klopp: Nimm jeden Einzelnen als Individuum wahr. Er will alles über die Spieler wissen, ihre Hoffnungen und Ängste erfahren. Als er den sensiblen Mo Salah vom AS Rom nach England lockte, traf er auf einen verunsicherten, unterschätzten Spieler, der zuvor unter Mourinho bei Chelsea enttäuscht hatte. Salah, heute einer der besten Stürmer der Welt, sagt über Klopp: „Er hat mich in vielen Gesprächen aufgebaut, er ist für mich ein guter Freund geworden.“

Legendär ist die Geschichte, wie Klopp in Dortmund persönlich im Autohaus den teuren Wagen eines Jungprofis abbestellte, weil der sich mit dem ersten Gehalt den Luxus gar nicht leisten konnte. Doch als er einen anderen Profi im Silvesterurlaub mit einer Flasche Wodka erwischte, wünschte er ihm lächelnd einen tollen Abend.

Er umarmt den einen, straft den anderen mit Missachtung, verteilt auch mal Ohrfeigen, um einen Jungprofi zu erden. Klopp weiß, wie jeder Einzelne tickt, und die Stars schätzen diese Empathie. Das schweißt zusammen, stärkt Loyalität und gegenseitige Wertschätzung. Der 22-jährige Joe Gomez, eines der größten Talente im Team, sagt: „Wir alle fühlen große Dankbarkeit, ihn als Trainer zu haben. Für mich persönlich hat er so viel getan, und allen anderen Jungs geht’s genauso.“

Nachwuchsspielern wie Gomez hält Klopp nicht vor, was ihre Schwächen sind, überhaupt spielen Fehleranalysen keine große Rolle im Training. Seine Idee ist: Man darf dem Spieler keinesfalls sagen, was er alles nicht kann. Sondern muss ihm zutrauen, sich zu verbessern und zu entwickeln. Klopp: „Dann glaubt er zunächst mir und dann sich selbst.“ Eine Feedback-Kultur, die sich Chefs auch abseits des Fußballs abschauen könnten. Klopp hätte ja gern Medizin studiert. Nun agiert er wie ein Therapeut. Er hat schwächelnden Clubs Hoffnung, Zuversicht, neuen Lebenssinn gegeben – und Erfolg gebracht.

Als Klopp 2008 in Dortmund begann, lag der Club in Trümmern, nachdem er gerade noch Insolvenz und Zwangsabstieg hatte abwenden können. Klopp nahm sich bescheidene Ziele vor, streichelte die Malocherseele des Ruhrpottvereins, versprach Spaß mit den berühmten „Vollgas“-Veranstaltungen. Von Spiel zu Spiel denken – eigentlich eine Phrase, aber bei Klopp ein Grundsatz: „Es gibt Menschen, die behaupten, wenn man große Ziele nicht deutlich formuliert, ist man auch nicht richtig ambitioniert. Diese Menschen haben keine Ahnung, wie man Ziele erreicht“, findet Klopp.

In kleinen Schritten führte er den BVB aus dem Tief zu zwei Meistertiteln und holte den DFB-Pokal. Es war beinahe eine Wachablösung im deutschen Fußball, das Ende der Dominanz des FC Bayern. Doch dazu kam es nicht. Seine siebenjährige Ära beim BVB endete nach einem rätselhaften Leistungsabsturz des Teams.

Klopp zweifelte an sich und seinen Methoden, bewahrte sich aber die Lockerheit. Später sagte er: „Krisen gehören im Fußball dazu. In ihnen lernt man, den Erfolg wertzuschätzen. Man kann verlieren. Man kann noch mal verlieren. Und noch mal. Aber das nächste Spiel kann man schon wieder gewinnen. Das ist das Geile.“

Doch Geduld und Gelassenheit sind das Privileg des Underdogs. Und nachdem Klopp die Reds therapiert und aus ihnen die wohl beste Mannschaft der Welt geformt hat, steigen die Ansprüche. „Diese Liebesbeziehung zwischen Fans und Klopp ist vielleicht deshalb so eng geworden, weil er vor Madrid noch nichts gewonnen hatte, weil man diesen gemeinsamen Traum hatte. Jetzt sind die Erwartungen natürlich sehr hoch“, sagt Didi Hamann, der mit Liverpool 2005 gegen den AC Milan die Champions League gewann. Danach sollte bei Liverpool ebenfalls eine Erfolgsära beginnen, doch außer einem FA-Pokal holte der LFC unter Trainer Rafa Benitez nichts mehr. Nach chaotischen Besitzerwechseln versank der Club in der Mittelmäßigkeit. Hamann sagt allerdings: „Die Qualität von Klopps Mannschaft ist viel höher, als sie bei uns damals war.“

Damit es auch künftig Siegesparaden in Liverpool geben kann, müssten die Eigentümer von der Fenway Sports Group (FSG) schnell reagieren und Klopp in „Geiselhaft“ nehmen, fordert Chris Bascombe, Liverpool-Reporter beim „Daily Telegraph“. Klopp sei viel mehr wert als sein aktuelles Gehalt von sieben Millionen Pfund im Jahr – Pep Guardiola verdient bei Manchester City mehr als das Doppelte.

„Klopp mit einem neuen Vertrag zu belohnen würde eine starke Botschaft an alle Rivalen senden, dass Liverpool nicht nur in den nächsten drei Jahren um alle Titel kämpft, sondern die nächste Generation.“ Doch womöglich hat Klopp andere Pläne.

FSG würde seinen Vertrag gern verlängern, inklusive deutlicher Gehaltserhöhung, doch der Trainer zögert wohl. Angeblich liebäugelt Klopp damit, nach Ende seines Vertrags 2022 eine lange Auszeit einzulegen. Mindestens ein Jahr Pause von den „sehr intensiven“ Anforderungen des Trainerjobs wolle er sich gönnen. Diese Idee soll er bereits mit seiner Frau Ulla besprochen haben und ein Sabbatical einer Vertragsverlängerung vorziehen.

2022 wäre er dann sieben Jahre bei Liverpool, so lange wie zuvor in Mainz und beim BVB. Das Thema könnte in den kommenden Monaten brisant werden: Die Liverpool-Bosse wollen den Star-Trainer binden, ihn aber nicht unter Druck setzen und ihn so zu einer Absage zwingen.

„Das Leben ist ein Geschenk, man muss achtsam damit umgehen und Spaß dabei haben“, sagt Klopp. Wer ihn bei der Parade erlebt hat, kann sich schwer vorstellen, dass es für ihn spaßiger sein könnte, faul am Strand von Formby, seinem Heimatort an der englischen Westküste, zu liegen. Dann lieber im Partybus die Merseyside rocken. Als fünfter Beatle, ganz lässig, mit einem Bierchen in der Hand.