Der Amerikaner Alex Honnold ist der bekannteste Freikletterer der Welt und eine beeindruckende Persönlichkeit. Dass die Dokumentation “Free Solo” über seine Besteigung des Gipfels El Capitan im Yosemite Park 2019 den Oscar gewann, hat mich sehr gefreut. Einige Jahre zuvor traf ich Honnold in Sacramento, wir sprachen über die Jagd nach Rekorden, über seine Träume und Ängste. Das Interview erschien in dem Lifestyle-Magazin GALAMen.

American Alex Honnold ist the wold’s most famous free climber. When I met this impressive guy in his home town Sacramento he told me about his dreams, fears and the perils of his passion. I was glad to see the documentary Free Solo about Alex’ record-breaking ascent of Yosemite’s El Capitan win an Oscar in 2019.

Erschienen in GALAMen (2015)

“Der Tod kommt immer zu früh”

Wer fällt, stirbt – so einfach ist das Prinzip des Free-Solo-Kletterns. Der Amerikaner Alex Honnold ist mit 29 Jahren die Ikone der wohl gefährlichsten Sportart überhaupt. Er klettert bis zu eintausend Meter hohe Bergwände hinauf, ohne Seil, ohne Sicherung – nur ausgerüstet mit Kletterschuhen, Magnesiapulver und Müsliriegeln.

Alex Honnold, in Ihrer amerikanischen Heimat nennt man Sie gerne den „Mann, der keine Angst kennt“. Stimmt das denn?
Blödsinn. Erst neulich hatte ich ziemlich Schiss.
Beim Bergsteigen?
Nein, nein, das war auf einer Party.
Ihr Ernst? Was war passiert?
Jemand kam auf die Idee, spontan einen Karaoke-Wettbewerb zu starten. Allein die Vorstellung, vor einer Gruppe von Menschen ein albernes Lied trällern zu müssen – ich stand kurz vor einer Panikattacke.
So cool wie beim Klettern sind Sie also nicht in jeder Situation.
Leider nein. Ich bin eher schüchtern.
In den Bergen verwandeln Sie sich hingegen in einen Draufgänger. Sie klettern Free Solo, verzichten auf jede Art der Sicherung. Ein loser Stein, ein falscher Griff, ein Ausrutscher – und Sie stürzen in den Tod. Wie halten Sie diesen unglaublichen mentalen Druck aus?
Jeder Mensch hat eine besondere Begabung. Ich habe wohl das Talent, meine Emotionen dann kontrollieren zu können, wenn andere durchdrehen würden. Ich bin beim Klettern meist total fokussiert, meine Sinne sind angespannt und konzentriert. Vielleicht ist es das, was Langstreckenläufer ein Runner’s High nennen. Im Idealfall ist es der perfekte Flow.
Und spüren Sie den Kick des Adrenalins?
Eher nicht. Ich bin kein rücksichtsloser Adrenalin-Junkie, falls Sie darauf anspielen. Ich bin nicht süchtig oder krank. Wie jeder andere, sehne ich mich nach Erlebnissen, die mir Genugtuung und Freude bringen. Nur dass Sie sich dafür einem extremen Risiko aussetzen. Es gibt zwei Arten von Risiko: Anfänger sind oft extrem risikofreudig, weil sie überhaupt nicht wissen, was sie tun. Bei mir wäre das tödlich. Bevor ich eine Route Free Solo klettere, habe ich sie genau studiert und immer wieder mit Sicherung geklettert. Ich kenne jeden Griff, jedes winzige Loch im Felsen, jede Bewegung. Und oft sind die Routen, rein technisch gesehen, nicht super schwer. Ich bin sicher ein sehr guter Kletterer, werde aber niemals der Beste sein.

Man im Van: Nach dem Gespräch zeigte mir Alex sein mobiles Zuhause.


Dafür sind Sie der Rockstar der Szene.
Das liegt an meiner Disziplin. Der Nervenkitzel ist beim Free Solo für den Betrachter natürlich riesig, es ist dramatisch.
Ihr Freund, der Kletterer Tommy Caldwell, sagte einmal, Free-Solo-Begehungen seien egoistisch, rücksichtslos und dumm. Der deutsche Kletterer Stefan Glowacz urteilt, Free Solo sei wie russisches Roulette – der Zufall entscheidet über Leben und Tod.
Jeder von uns setzt sich täglich einem Risiko aus – allein mit dem Lebensstil, etwa mit falscher Ernährung. Ich war 19 als mein Vater im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Er war ein College-Lehrer und führte ein in jeder Hinsicht risikofreies und scheinbar rücksichtsvolles Leben. Allerdings war er übergewichtig, und Herzkrankheiten liegen bei uns in der Familie. Egal welche Art von Risiken wir im Leben auf uns nehmen, der Tod kommt immer zu früh. Erst recht wenn es darum geht, was für ein Leben wir führen wollen, ist die Qualität doch viel wichtiger als die Quantität der Jahre.
Ganz ähnlich hat das der berühmte FreeSolo-Kletterer Dean Potter gesehen, ein weiterer Freund von Ihnen. Er starb im Mai 2015 beim Base-Jumping im Yosemite Park.
Dean war jemand, zu dem ich als Teenager aufgeschaut habe. Später wurden wir Konkurrenten und schließlich Freunde. Dean hat alle Risiken in seinem Leben genau gekannt und er nahm sie in Kauf, weil er seinen Traum gelebt hat. Ich bin überzeugt: Dean ist als glücklicher Mensch von uns gegangen. Sprechen wir über Ihre Anfänge. Im Jahr 2004 starb Ihr leiblicher Vater, kurz zuvor hatten sich Ihre Mutter und Ihr Stiefvater getrennt. Sie schmissen Ihr Ingenieursstudium in Berkeley – und begannen mit dem Free-SoloKlettern.
In jenem Sommer lieh ich mir von meiner Mutter den Familien-Van und fuhr einfach kreuz und quer durch Kalifornien. Ich war traurig und deprimiert, ich wollte nichts machen, außer klettern. Ich hatte bis dahin fast immer nur in Kletterhallen trainiert, selten in der Natur. Bei einem Zwischenstopp am Lake Tahoe wagte ich dann meinen ersten Free-Solo-Aufstieg, an einer sehr einfachen Wand.
Begannen Sie wegen Ihrer depressiven Gefühle mit dem gefährlichen Sport?
Es waren vielmehr die Umstände. Ich war ja allein unterwegs und hatte keinen Partner, der mich über ein Seil hätte sichern können – wie das beim Klettern üblich ist. Ich war auch viel zu schüchtern um Fremde anzusprechen, geschweige denn andere echte Kletterer. Also kletterte ich immer öfter Free Solo und wurde langsam besser.
Vier Jahre später kletterten Sie die 1475 Meter hohe Felswand des Half Dome im Yosemite Valley in nur zwei Stunden und 50 Minuten hinauf – und wurden zur Legende. Kamen Sie dabei an Ihre Grenzen?
Dreißig Meter unter dem Gipfel erreichte ich einen Felsvorsprung, den man „Thanks God Ledge“ nennt. Er sieht aus wie eine einzelne Treppenstufe und ist nur zwölf Zentimeter breit. Meist habe ich diese mentale Rüstung, die mich davor schützt, zu viel nachzudenken. Doch man kann unmöglich länger als zwei Stunden total fokussiert sein – und diesmal zerbrach meine Rüstung kurz vor dem Ziel. 500 Meter ging es unter mir in den Abgrund. Plötzlich kamen diese Gedanken auf: Wo bin ich? Was mache ich hier eigentlich? Ich war wie gelähmt.
Wie haben Sie die Situation gelöst?
Die größte Gefahr beim Free-Solo-Klettern ist der Zweifel. Sobald du anfängst zu zögern war’s das. Ich hatte vorher noch nie etwas Vergleichbares erlebt. Ich war ein Gefangener in meinem eigenen Gedanken-Knast. Nach etwa fünf Minuten konnte ich mich zusammenreißen, fand Mut und Gelassenheit, um weiter hochzusteigen. Als ich oben ankam, traf ich ein paar Yosemite-Touristen, sie waren gemütlich auf den Gipfel gewandert und genossen die Aussicht. Sie dachten wohl, ich sei ein erschöpfter, verlorener Tagesausflügler. Ein Teil von mir wünschte in diesem Moment, jemand wüsste, dass ich gerade etwas ziemlich Einzigartiges gepackt hatte.
Heute erwartet man von Ihnen ausschließlich Spektakuläres. Spüren Sie Druck von Sponsoren und der Öffentlichkeit?Mein Hauptsponsor rief mich nach Deans Tod an und sagte: „Alex, wir haben dieses schöne Haus in San Diego, direkt am Meer. Du kannst dort wohnen und einfach Urlaub machen, so lange du willst. Glaube nicht, dass du für uns irgendwas Gefährliches wagen musst.“ Will sagen: Nein, niemand macht mir Druck. Ich klettere, weil es meine Leidenschaft ist. Nicht um Geld zu verdienen. Wenn ich am Fuße einer tausend Meter hohen Felswand stehe und nach oben blicke, sind meine Sponsoren das Letzte, woran ich denke. Trotzdem sind Sie Teil einer ExtremsportIndustrie. Klar, und manchmal erinnert die an eine Tretmühle: Der eine klettert eine Route zum ersten Mal, der nächste überbietet sie, indem er sie schneller klettert, öfter oder eben Free Solo. So mache ich das ja auch. Vielleicht ist das auch gut so, weil es uns alle pusht.
Haben Sie mehr Neider, seit Sie berühmt sind?
Ich führe kein abgeschirmtes Leben. Aber klar, ich stehe heute natürlich mehr unter Beobachtung. Neulich hat mich jemand in Colorado in der Kletterhalle gefilmt, wie ich bei einer leichten Route blöd abgerutscht bin. Den Clip hat er dann auf Instagram gepostet, nach dem Motto: „Haha, ich lasse den berühmten Alex mal dumm aussehen.“ Eine miese Aktion.
Dafür haben Sie auch viele Fans. Wie das Mädchen vorhin, das Sie auf der Straße erkannt hat und eine Selfie mit Ihnen wollte.
Ich sollte sogar schon weiblichen Fans auf den Brüsten unterschreiben. Das gehört natürlich zur angenehmen Seite des Jobs – vor allem für einen schüchternen Typen wie mich.
Stimmt es, dass Sie Ihre erste ernsthafte Beziehung mit einem Fan hatten?
Ja, das war vor fünf Jahren, als die Dokumentation „Alone On The Wall“ über mein Half-Dome-Abenteuer herauskam. Ein Mädchen schrieb mir auf Facebook, dass sie mich im Kino gesehen hätte. Ich dachte: Wow, macht mich dieses Chick gerade an? Ich schickte ihr einen Smiley, sie schickte ein zwinkerndes Emoji, und so ging es dann los.
Sie leben in einem Ford Econoline Van wie ein Vagabund.
Seit ich mit 18 die Uni geschmissen habe, um mich nur noch aufs Klettern zu konzentrieren, ist der Van mein Zuhause. Das Vagabundieren ist bis heute mein Lebensstil. Früher habe ich mir dadurch die Miete gespart und konnte von 300 Dollar im Monat leben. Lange Zeit war meine Waisenrente mein einziges Einkommen. Ich gab vielleicht sieben Dollar pro Woche für Pasta und Tomatensoße aus. Dann kam noch der Sprit für das Auto dazu. So zog ich durchs Land.
Ist ein „normales“ Leben mit Häuschen, Frau und Kindern für Sie überhaupt denkbar?
Ich muss zugeben, das ist schon ein seltsamer Gedanke. Ich kann mir nicht vorstellen, ewig zu machen, was ich heute mache. Doch ich kann mir auch nicht vorstellen, damit aufzuhören. Vielleicht hätte ich deshalb am Liebsten direkt Enkelkinder. Die müsste ich nicht erziehen, mit denen könnte ich nur Spaß haben: wandern, die Natur genießen oder Karten spielen – wie mein Grandpa früher mit mir.
Ein Leben als gemütlicher Opa – auch das muss doch für einen Abenteurer wie Sie eine furchtbare Vorstellung sein.
Okay, es ist zumindest ein abstrakter Gedanke, ein alter Mann zu sein. Man muss realistisch bleiben: Es kann so viel schiefgehen, bei dem was ich mache.
Würden Sie als Familienvater Ihren Extremsport aufgeben?Ich würde vielleicht nicht mehr die gefährlichsten Routen klettern. Und vielleicht wäre es auch der passende Anlass, mich aus der ExtremsportIndustrie zu verabschieden.
Kennen Sie den Begriff Gipfelglück?
Gippel… was? Das klingt für mich nach einem ziemlich unaussprechlichen deutschen Wort.
So bezeichnen Bergsteiger in den Alpen das Gefühl aus Stolz und Freude, das sich einstellt, wenn man endlich ganz oben auf dem Berg angekommen ist.
Das muss ich mir merken – ich habe immer nach einem passenden Ausdruck für dieses Gefühl gesucht.
Gibt es für Sie überhaupt so etwas wie ein vollkommenes Gipfelglück?
Wahrscheinlich nicht. Wenn ich eine große Herausforderung geschafft habe, für die ich lange Zeit trainiert hatte, fühle ich mich eher leer und bin sogar etwas sentimental.
Das klingt tragisch: Sie riskieren Ihr Leben, doch statt Glücksgefühlen überkommt Sie am Ende der Blues.
Lassen Sie es mich so sagen: Eine Bergwand Free Solo zu klettern, ist manchmal wie eine Affäre mit einem süßen Mädchen. Du kannst an nichts anderes denken, es ist super aufregend, und wenn es dann plötzlich vorbei ist, fällst du erst mal in ein Loch – bis du das nächste schöne Mädchen triffst.
Ich dachte Sie sind zu schüchtern, um Mädchen anzusprechen.
Nur wenn Sie mit mir Karaoke singen wollen.