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  • Sport: King Klopp – Champion of England

    Liverpool und Jürgen Klopp – das ist eine besondere Beziehung. Seit der deutsche Trainer bei den Reds anheuerte, habe ich immer wieder über ihn berichtet. Hier ein Text zum Sieg im Finale der Champions League 2019.
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    Liverpool and Jürgen Klopp have formed a unique relationship since the German took over as manager. I have frequently reported about him and published this piece after the Reds were crowned Champions of Europe in 2019.

    Was wir von Jürgen Klopp lernen können

    Sport ist eine Schule fürs Leben. Und dieser Mann ist ein Meister seines Fachs: Jürgen Klopp hat mit dem Sieg seines FC Liverpool in der Champions League bewiesen, dass er mehr ist als ein begnadeter Menschenfänger. Klopps Triumph ist ein Lehrstück über Zielsetzung, Beharrlichkeit und moderne Führungskultur

    Verdammt lässig saß er da oben auf der hinteren Kante des Busses, im Gesicht ein breites Grinsen, in der Hand eine Flasche Bier. Mit den Armen zappelte er zu den Gesängen, während ihm Tausende Fans am Straßenrand huldigten. Klopp wirkte glücklich, erschöpft, beschwipst. Und dann, oh Schreck, begann King Klopp zu wanken.

    Für einen Moment taumelte Klopp, schien das Gleichgewicht zu verlieren, drohte vom Bus zu stürzen. Der Edel-Joker Xherdan Shaqiri blickte besorgt zum Trainer, legte schützend den Arm um die Hüften des Coachs. Klopp rutschte zurück, hob beschwichtigend die Hände. Dann grinste er noch breiter sein Partyvolk an.

    Als das Video von dem Beinahe-Unfall in den sozialen Medien die Runde machte, brachte ein Fan auf den Punkt, was die meisten wohl dachten: „Dem betrunkenen Klopp beim Herumalbern zuschauen, allein dafür lohnt es sich zu leben. Was für eine Legende.“

    Sie haben mit ihm gelitten, sie haben mit ihm magische Siege gefeiert. Und nach dem 2: 0 im Finale der Champions League gegen Tottenham ist geschehen, was schwer vorstellbar schien: Die Liebe der Liverpooler zu ihrem Kulttrainer ist noch mal gewachsen. Er hat die wichtigste Trophäe im Clubfußball geholt. Er hat dem sentimentalen LFC den Stolz zurückgebracht.

    Als er bei den Reds anheuerte, gab er das messianische Versprechen, er wolle aus Zweiflern Gläubige machen. Und dass er in den nächsten vier Jahren einen Titel holen werde. Er hat Wort gehalten. Klopp, der König von Fußball-England. Ach was: Liverpools fünfter Beatle. They love him, yeah, yeah, yeah!

    Auch eine Woche nach der gigantischen Siegesfeier, bei der 750000 Menschen an der Merseyside tanzten, sind der Club, die Stadt, das Land berauscht von Jürgen Klopp und dem FC Liverpool. Und selbst die Berichte gestandener Sportreporter über Klopps Triumph lesen sich wie schmalzige Liebesbriefe verknallter Teenager: „Und nun, nachdem er triumphierend Liverpools Seele restauriert hat und Anfield in einen heiter blühenden Niagarafall aus Optimismus getränkt hat, schenkt Klopp seiner Wahlheimat ein Schmuckstück für die Ewigkeit.“

    Nachdem Klopp zuvor sechs Endspiele in Folge verloren hat, ist das Erringen dieses „Blumentopfs“, wie Klopp Pokale nennt, eine Genugtuung und Ansporn zu mehr. Er sagt: „Jetzt haben wir etwas gewonnen. Und das ist erst der Anfang.“ Mit dem Triumph von Madrid ist er den Makel des ewigen Zweiten los und will eine Ära einläuten, die viele weitere Trophäen in den kommenden drei Jahren bringen soll – so lange läuft sein Vertrag. Klopps Biograf Raphael Honigstein hat für das Magazin „Red Bulletin“ die Mechanismen beschrieben, mit denen der Schwabe seine Reds an der Spitze halten will.

    Klopp ist ein Menschenfänger und Motivator, seine wichtigste Regel ist: Erfolg kommt von innen. Maximaler Erfolg ist sein Antrieb, das imponiert seinen Spielern. Bei jeder Trainingseinheit vermittelt er: Wer gewinnen will, muss es selbst wollen. Und nicht zum Wollen getrieben werden. Klopp gilt als lockerer Typ, der seine Spieler liebevoll „meine Jungs“ nennt. Doch sein Stil hat auch autoritäre Züge – er fordert bedingungslose Unterwerfung unter das gemeinsame Ziel ein.

    „Wer sich auf seinen Job konzentriert und motiviert ist, den empfange ich mit offenen Armen“, sagte Klopp nach seiner Ankunft in Liverpool. Ungemütlich werde es für jene, die nicht die richtige Einstellung mitbringen. „Mit solchen Spielern zusammenzuarbeiten ist für mich verschwendete Zeit“, sagt Klopp. Als BVB-Trainer drückte er es noch härter aus: „Arschlöcher werden bei uns sofort verkauft, da kann einer noch so überragend kicken.“

    Klopp verlangt Leidenschaft, Gier, Willen. „Einen guten Tag hat jeder mal. Aber an einem schlechten Tag musst du können. Dafür lebst du als Sportler, da musst du dich zur Wehr setzen“, sagt er. Mit dem spektakulären Comeback gegen Barcelona im Halbfinale haben die Reds bewiesen, was Klopp als „wichtige Erfahrung für Herz und Kopf“ beschreibt – das Bestehen gegen einen zumindest zeitweise besseren Gegner und die Einsicht: „Es geht auch ein bisschen mehr.“

    Als er die 0:3-Niederlage aus dem Hinspiel mit einem sagenhaften 4:0 gedreht hatte und Arm in Arm mit den Spielern vor der Stehplatztribüne stand und „You’ll Never Walk Alone“ sang, war die Essenz des Klopp-Fußballs spürbar: Wunder sind möglich, wenn wir leidenschaftlich daran glauben. Auch weil Klopp das Credo des „Alles-Raushauens“ vorlebt.

    In Dortmund tat er das mit Jubelsprüngen, manchmal ließ er auch nur den Unterkiefer hervorspringen. Heute verausgabt er sich seltener an der Seitenlinie, er hat sich sogar sein legendäres Zähnefletschen abtrainiert. Eigentlich schade.

    Als er mit Dortmund 2011 erstmals wieder seit 2002 Meister wurde, hatte er vor der Saison jeden Spieler einen sieben Punkte umfassenden Treueschwur unterschreiben lassen: bedingungsloser Einsatz, leidenschaftliche Besessenheit, Zielstrebigkeit, vom Spielverlauf unabhängige Bereitschaft, jeden zu unterstützen, sich helfen zu lassen, seine Qualität zu 100 Prozent in den Dienst der Mannschaft zu stellen und individuelle Verantwortung zu übernehmen.

    Klopps sieben Versprechen sind mittlerweile Stoff für Management-Seminare. Das Kollektiv steht für Klopp über allem. Es macht seine Liebe zum Fußball aus. Dem „Independent“ sagte er neulich: „Ich habe Fußball vom ersten Tag an geliebt, weil ich ihn mit meinen Freunden spielen konnte, gemeinsam. Die Fähigkeiten deiner Freunde zu nutzen, um das bestmögliche Team zu sein – das mochte ich.“ Über seine Arbeit sagt er: „Ich will nicht der Beste sein. Das ist nicht mein Ziel. Ich will helfen, dass mein Team das beste ist.“

    Dennoch gilt für Klopp: Nimm jeden Einzelnen als Individuum wahr. Er will alles über die Spieler wissen, ihre Hoffnungen und Ängste erfahren. Als er den sensiblen Mo Salah vom AS Rom nach England lockte, traf er auf einen verunsicherten, unterschätzten Spieler, der zuvor unter Mourinho bei Chelsea enttäuscht hatte. Salah, heute einer der besten Stürmer der Welt, sagt über Klopp: „Er hat mich in vielen Gesprächen aufgebaut, er ist für mich ein guter Freund geworden.“

    Legendär ist die Geschichte, wie Klopp in Dortmund persönlich im Autohaus den teuren Wagen eines Jungprofis abbestellte, weil der sich mit dem ersten Gehalt den Luxus gar nicht leisten konnte. Doch als er einen anderen Profi im Silvesterurlaub mit einer Flasche Wodka erwischte, wünschte er ihm lächelnd einen tollen Abend.

    Er umarmt den einen, straft den anderen mit Missachtung, verteilt auch mal Ohrfeigen, um einen Jungprofi zu erden. Klopp weiß, wie jeder Einzelne tickt, und die Stars schätzen diese Empathie. Das schweißt zusammen, stärkt Loyalität und gegenseitige Wertschätzung. Der 22-jährige Joe Gomez, eines der größten Talente im Team, sagt: „Wir alle fühlen große Dankbarkeit, ihn als Trainer zu haben. Für mich persönlich hat er so viel getan, und allen anderen Jungs geht’s genauso.“

    Nachwuchsspielern wie Gomez hält Klopp nicht vor, was ihre Schwächen sind, überhaupt spielen Fehleranalysen keine große Rolle im Training. Seine Idee ist: Man darf dem Spieler keinesfalls sagen, was er alles nicht kann. Sondern muss ihm zutrauen, sich zu verbessern und zu entwickeln. Klopp: „Dann glaubt er zunächst mir und dann sich selbst.“ Eine Feedback-Kultur, die sich Chefs auch abseits des Fußballs abschauen könnten. Klopp hätte ja gern Medizin studiert. Nun agiert er wie ein Therapeut. Er hat schwächelnden Clubs Hoffnung, Zuversicht, neuen Lebenssinn gegeben – und Erfolg gebracht.

    Als Klopp 2008 in Dortmund begann, lag der Club in Trümmern, nachdem er gerade noch Insolvenz und Zwangsabstieg hatte abwenden können. Klopp nahm sich bescheidene Ziele vor, streichelte die Malocherseele des Ruhrpottvereins, versprach Spaß mit den berühmten „Vollgas“-Veranstaltungen. Von Spiel zu Spiel denken – eigentlich eine Phrase, aber bei Klopp ein Grundsatz: „Es gibt Menschen, die behaupten, wenn man große Ziele nicht deutlich formuliert, ist man auch nicht richtig ambitioniert. Diese Menschen haben keine Ahnung, wie man Ziele erreicht“, findet Klopp.

    In kleinen Schritten führte er den BVB aus dem Tief zu zwei Meistertiteln und holte den DFB-Pokal. Es war beinahe eine Wachablösung im deutschen Fußball, das Ende der Dominanz des FC Bayern. Doch dazu kam es nicht. Seine siebenjährige Ära beim BVB endete nach einem rätselhaften Leistungsabsturz des Teams.

    Klopp zweifelte an sich und seinen Methoden, bewahrte sich aber die Lockerheit. Später sagte er: „Krisen gehören im Fußball dazu. In ihnen lernt man, den Erfolg wertzuschätzen. Man kann verlieren. Man kann noch mal verlieren. Und noch mal. Aber das nächste Spiel kann man schon wieder gewinnen. Das ist das Geile.“

    Doch Geduld und Gelassenheit sind das Privileg des Underdogs. Und nachdem Klopp die Reds therapiert und aus ihnen die wohl beste Mannschaft der Welt geformt hat, steigen die Ansprüche. „Diese Liebesbeziehung zwischen Fans und Klopp ist vielleicht deshalb so eng geworden, weil er vor Madrid noch nichts gewonnen hatte, weil man diesen gemeinsamen Traum hatte. Jetzt sind die Erwartungen natürlich sehr hoch“, sagt Didi Hamann, der mit Liverpool 2005 gegen den AC Milan die Champions League gewann. Danach sollte bei Liverpool ebenfalls eine Erfolgsära beginnen, doch außer einem FA-Pokal holte der LFC unter Trainer Rafa Benitez nichts mehr. Nach chaotischen Besitzerwechseln versank der Club in der Mittelmäßigkeit. Hamann sagt allerdings: „Die Qualität von Klopps Mannschaft ist viel höher, als sie bei uns damals war.“

    Damit es auch künftig Siegesparaden in Liverpool geben kann, müssten die Eigentümer von der Fenway Sports Group (FSG) schnell reagieren und Klopp in „Geiselhaft“ nehmen, fordert Chris Bascombe, Liverpool-Reporter beim „Daily Telegraph“. Klopp sei viel mehr wert als sein aktuelles Gehalt von sieben Millionen Pfund im Jahr – Pep Guardiola verdient bei Manchester City mehr als das Doppelte.

    „Klopp mit einem neuen Vertrag zu belohnen würde eine starke Botschaft an alle Rivalen senden, dass Liverpool nicht nur in den nächsten drei Jahren um alle Titel kämpft, sondern die nächste Generation.“ Doch womöglich hat Klopp andere Pläne.

    FSG würde seinen Vertrag gern verlängern, inklusive deutlicher Gehaltserhöhung, doch der Trainer zögert wohl. Angeblich liebäugelt Klopp damit, nach Ende seines Vertrags 2022 eine lange Auszeit einzulegen. Mindestens ein Jahr Pause von den „sehr intensiven“ Anforderungen des Trainerjobs wolle er sich gönnen. Diese Idee soll er bereits mit seiner Frau Ulla besprochen haben und ein Sabbatical einer Vertragsverlängerung vorziehen.

    2022 wäre er dann sieben Jahre bei Liverpool, so lange wie zuvor in Mainz und beim BVB. Das Thema könnte in den kommenden Monaten brisant werden: Die Liverpool-Bosse wollen den Star-Trainer binden, ihn aber nicht unter Druck setzen und ihn so zu einer Absage zwingen.

    „Das Leben ist ein Geschenk, man muss achtsam damit umgehen und Spaß dabei haben“, sagt Klopp. Wer ihn bei der Parade erlebt hat, kann sich schwer vorstellen, dass es für ihn spaßiger sein könnte, faul am Strand von Formby, seinem Heimatort an der englischen Westküste, zu liegen. Dann lieber im Partybus die Merseyside rocken. Als fünfter Beatle, ganz lässig, mit einem Bierchen in der Hand.

  • Podcasting: Monocle24

    Für den Radiosender und die Podcasts von Monocle24 gebe ich Einblicke in News, Politik, Medien und Gesellschaft aus einer deutschen Perspektive.

    Listen to me contributing insights on news, politics, media and current affairs from a German perspective to Monocle24 and its related podcast.

    https://soundcloud.com/monocle-24-the-globalist/the-globalist-thursday-7-may-1

    https://soundcloud.com/monocle-24-the-globalist/the-globalist-edition-2299

  • Reportage: Ukraine

    Im Sommer 2015 reiste ich durch die Ukraine, von Kiew bis ans Asowsche Meer, nahe der russischen Grenze. Wie steht es um das Land, nach dem Schock der Maidan-Revolution? Um das herauszufinden, traf ich Aktivisten, Rentner, Soldaten, Liebespaare und Freischärler. Die Reportage erschien in Bild am Sonntag.

    In summer 2015 I traveled through Ukraine, from the capital Kiev all the way to the Russian border. I wanted to find out: How does the country deal with the aftershock of the Maidan revolution? To find answers I met people from all walks of life: activists, soldiers, pensioners, lovers, vigilantes. My report was published and commissioned by Bild am Sonntag.

    Der vergessene Krieg

    Seit fast zwei Jahren tobt in der Ukraine ein blutiger Konflikt. Tausende Menschen sind umgekommen, Millionen wurden vertrieben. Ein Roadtrip durch ein verstörtes Land

    Der Weg in den Krieg führt direkt am Meer entlang, vorbei an einem Strand mit weißem Sand und klarem Wasser. Friedlich wirkt die verlassene Badebucht, doch unsere Begleiter macht der Anblick nervös: „Scharfschützen!“ knurrt einer. „Weg hier“, sagt der Fahrer und gibt Gas.

    Gemeinsam mit Kämpfern einer ukrainischen Bürgerwehr brettern wir in einem alten VW-Bus über eine Schotterpiste Richtung Front. Wir fahren in das idyllisch gelegene Dorf Schirokino am Asowschen Meer, im äußersten Osten der Ukraine.

    Seit Monaten kämpfen ukrainische Truppen und prorussische Separatisten um den Ort. Schirokino ist nur ein Kriegsschauplatz von vielen in der Ukraine. 6500 Menschen sind seit dem Ausbruch des Konflikts vor anderthalb Jahren gestorben, zwei Millionen sind aus ihrer Heimat geflüchtet. Separatisten halten weiter Teile des Landes besetzt.

    Dennoch ist der Konflikt aus den Schlagzeilen verschwunden. Griechenland-Krise und ISIS-Extremisten bestimmten zuletzt die Schlagzeilen. Dabei bezeichnen Politiker und Sicherheitsexperten den Brandherd in der Ukraine noch immer als größte Gefahr für Frieden und Stabilität in Europa.

    Wie erleben die Menschen den Alltag und das Chaos im Jahr eins nach der Maidan-Revolution?

    Um das herauszufinden, sind wir durch die Ukraine gereist: Von West nach Ost, vom Maidan-Platz über die Südküste bis an die Front. Die Fahrt in das umkämpfte Dorf Schirokino war die letzte Etappe unserer Reise in den Krieg. Begonnen hatte der Trip einige Tage vorher in der Hauptstadt Kiew.

    Fitnessclub „Kachalka“ in Kiew: 800 km bis zur Front

    Goldbraune Körper glänzen in der Abendsonne. Muskeln beben, Zähne knirschen: Das „Kachalka“ ist ein riesiges Fitnessstudio unter freiem Himmel, ein „Muscle Beach“ am Ufer des Dnepr-Flusses. Hier pumpt Kiew Kraft, jeden Tag, seit 60 Jahren schon.

    Auch Sasha (58) hält sich fit und stemmt eine mit Autoreifen beschwerte Eisenstange. Der pensionierte Fabrikarbeiter klagt: „Es ist alles teurer und schwieriger geworden. Ich bin enttäuscht.“

    Tatsächlich steckt die Ukraine in einer schweren Wirtschaftskrise: Arbeitslosigkeit, Gas- und Benzinpreise steigen, der Wert der Landeswährung Hrywna hat seit Ausbruch der Krise zwei Drittel an Wert verloren. Das trifft besonders Rentner wie Sasha. Für ihn hat die Maidan-Revolte vor allem Ernüchterung gebracht.

    Anton (29) sieht das anders, er arbeitet als Tontechniker beim Fernsehen. Wir treffen ihn am Abend auf der Truchaniw-Insel, einem Stadtstrand, auf dem jeden Abend Sommerfeste steigen. Anton hat am Maidan seinen Zeigefinger verloren, als er eine Gasgranate wegwerfen wollte.

    „Unser Kampf darf nicht umsonst gewesen sein“, meint er. „Wir wollen in Freiheit leben und zu Europa gehören. Dafür brauchen wir Kraft und Geduld.“

    Später spazieren wir zum Maidan-Platz. Eine Limousine braust heran, Mädchen lehnen aus den Autofenstern, schwenken Champagner-Gläser und jubeln uns zu. An diesem Abend erscheint die Ukraine lebensfroh: Ein Land zwischen Krise, Krieg und Sommer- Party.

    Plattenbau-Siedlung in Saporischschja: 230 km bis zur Front

    Endlich zu Hause. Yura (35) umarmt seine Frau Tatjana und küsst sie im Schein der Parkplatz-Laterne. Yura ist Scharfschütze beim „Freiwilligen-Bataillon Donbass“. Jeden Samstag trampt er nach Hause, in die Industriemetropole Saporischschja, wo Frau und Tochter auf ihn warten.

    Heute haben wir ihn ein paar Kilometer mitgenommen. Eigentlich ist Yura Schreiner, dass er in den Krieg gezogen ist, daran ist auch Ehefrau Tatjana schuld. Sie sagte, er solle auf den Maidan gehen und gegen die Polizei kämpfen, statt vor dem Fernseher herumzuhängen.

    „Und das hatte ich dann davon“, sagt Yura scherzend, krempelt seine Hose hoch und zeigt eine faustgroße Narbe: „Eine Granate ging direkt neben mir hoch.“

    Mittlerweile würde Tatjana den Patriotismus ihres Mannes lieber etwas bremsen. Doch Yura will sein Vaterland jetzt erst recht verteidigen, auch gegen die Widerstände seiner Eltern: „Mein Vater ist Kommunist. Er unterstützt Russland und die Separatisten. Seit einem Jahr haben wir keinen Kontakt mehr.“

    Der Konflikt, er treibt nicht nur einen Keil durch das Land, er spaltet auch Familien. Ob sie irgendwann wieder Frieden schließen?

    Yura sagt: „Was an der Front passiert, wird uns verändern. Wir werden nicht einfach in unser altes Leben zurück können.“

    Strand von Berdjansk: 110 km bis zur Front

    Den ganzen Tag lag Viktoria (27) in der Sonne, ihre Haut ist tief gebräunt. Vor einigen Wochen flüchtete sie aus der von russischen Rebellen besetzten Stadt Donezk, nun liegt sie am Strand und genießt den Sommer. „Jeder Moment des Friedens ist kostbar in diesen Zeiten“, sagt sie.

    Nur ihr Bruder ist zurückgeblieben er kämpft jetzt für die Separatisten. Für Scharfschütze Yura und seine Kameraden ist er damit ein „Kreml- Söldner“, ein „Putin-Scherge“ und Verräter. Viktoria aber fürchtet um das Leben ihres Bruders, sie hatte schon lange keinen Kontakt mehr mit ihm.

    „Ich habe Angst, dass wir uns nie wiedersehen werden“, sagt sie.

    Wohngebiet in Kramatorsk: 84 km bis zur Front

    Alina Wassilina kommen die Tränen, wenn sie auf ihren Balkon schaut. Sie kann noch immer nicht fassen, wie knapp es war, wie viel Glück sie hatte. Im Februar trafen völlig unerwartet Raketen ihren Wohnblock, abgeschossen aus den Rebellen-Gebieten.

    13 Menschen starben, doch die Rakete, die in Alinas Balkon und Wohnzimmer einschlug, hatte einen defekten Zünder. Fast sechs Monate später ist die ehemalige Aeroflot-Mitarbeiterin trotzdem frustriert.

    Die Schäden wurden immer noch nicht beseitigt, die Schuld gibt sie der Regierung in Kiew: „Wir müssen wie Heimatlose bei Bekannten leben. Dabei hat Kiew versprochen, Geld für die Reparaturen von Kriegsschäden zu schicken. Doch es passiert nichts.“

    Ein Nachbar klagt: „Das alte System haben sie verjagt. Doch die Korruption ist geblieben.“

    Mülldeponie in Slowjansk: 75 km bis zur Front

    Der große Kommunisten-Führer liegt mit dem Gesicht im Gras, am Rande einer Mülldeponie.

    Anfang Juni hatten Andreij (31) und seine Mitstreiter im Morgengrauen die alte Lenin-Statue vor dem Rathaus abgesägt und weggeschafft. Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion, man wollte die Russland-Freunde nicht provozieren.

    Der Plan ging auf: „Nur ein paar Babuschkas kamen und haben Radau gemacht“, erklärt der Geschäftsmann zufrieden. Seit Kurzem gilt in der Ukraine ein Anti-Kommunismus-Gesetz: Es verbietet nicht nur Sowjet-Symbole, auch Filme, in denen Russland positiv dargestellt wird.

    Das empört viele Ostukrainer, die Russisch sprechen und sich dem Nachbarn verbunden fühlen. Andrej findet diese Art der Vergangenheitsbewältigung „nicht tragisch“. Er hält sie sogar für lukrativ: Die aus hundert Prozent Bronze bestehende Statue des Kommunisten-Führers bietet er zum Verkauf an. „Für 150 000 Euro gehört sie dir“, sagt er.

    Checkpoint in Mariupol: 26 km bis zur Front

    Warum gibt man einen gut bezahlten Job als Projektmanager auf, verlässt Frau, Kind, Haus und Heimat, um für 61 Euro Sold im Monat sein Leben zu riskieren?

    Es ist eine Frage, die sich vielleicht nur Außenstehende stellen können. Andrej (31) jedenfalls hat sofort eine Antwort parat: „Lieber kämpfe ich hier und jetzt gegen die Terroristen, bevor sie vor meinem eigenen Haus stehen.“

    Der Computerfachmann sitzt an einem Checkpoint direkt am Strand nahe der Hafenstadt Mariupol und beobachtet, wie seine Kameraden vom „Bataillon Donbass“ im Meer planschen. Stolz präsentieren die Kämpfer ihre Tätowierungen: Einer hat sich die Umrisse der Ukraine auf den Rücken stechen lassen, ein anderer hat einen brennenden Molotow-Cocktail auf den Bauch.

    Ein paar Meter weiter haben sie Schützengräben am Strand ausgehoben und Schilder aufgestellt, die vor „Minen“ warnen. Mariupol liegt zwischen der von Russland besetzten Halbinsel Krim und dem Separatisten- Gebiet – schon lange fürchtet man daher eine Invasion. Doch nicht alle haben Angst: Eine Frau im Bikini breitet neben einer Panzersperre ihr Badetuch aus, und ein Kind baut neben dem Stacheldrahtzaun unbekümmert eine Sandburg.

    Zerstörte Jugendherberge in Schirokino, 0 km bis zur Front

    Zurück im Dorf Schirokino: Unser VW-Bus biegt um eine scharfe Linkskurve, vom Traumstrand ist nichts mehr zu sehen, stattdessen eine Landschaft aus Ruinen, zerstörten Häusern, Bombenkratern und Bergen aus Schutt und Trümmern.

    Die Scharfschützen des „Bataillon Donbass“ blicken durch Löcher in der Mauer einer alten Jugendherberge auf die Stellungen der Separatisten. Sie sind nur ein paar Hundert Meter entfernt. Ein Kämpfer mit dem Spitznamen „Drakoscha“ („kleiner Drache“) erklärt: „Die Waffenruhe, die sie mit Putin vereinbart haben, das ist ein Witz. Die gab es hier nie.“

    Über die Beobachter der OSZE spottet ein Milizionär namens „Douglas“: „Die sind so überflüssig wie eine Nonne im Puff.“

    Vor wenigen Tagen haben die Rebellen das zerstörte Dorf einseitig zur „entmilitarisierten Zone“ erklärt. Nun belauern sich die feindlichen Lager. Keiner will zurückweichen. Man verschanzt sich, holt Luft und wartet ab – bis wieder einer anfängt zu schießen.

    Ein Sinnbild für die Lage an den anderen Fronten im Land. Der Konflikt zersplittert Volk und Gesellschaft: Patrioten gegen Terroristen, Enttäuschte gegen Regierende, Russland-Hasser gegen Kommunisten, Vergangenheit gegen Zukunft, Väter gegen Söhne.

    Wen man auch fragt, jeder kann ein Feindbild benennen. Doch wie dieser Irrsinn beendet werden soll, dazu scheint niemandem etwas einzufallen, außer vielleicht: geduldig sein, weiterkämpfen.

    „Schnell, ins Haus“, ruft plötzlich ein Kämpfer. Irgendjemand hat einen feindlichen Funkspruch belauscht und schlägt Alarm. Alle greifen zu den Waffen und setzen die Helme auf. Gespanntes Warten. Doch nichts passiert.

    Eine halbe Stunde später ist ein Donnerschlag zu hören, doch nun bleiben die Kämpfer gelassen. „Sommergewitter“, sagt Drakoscha. Dann greift er nach dem Maskottchen der Truppe, einem Katzenbaby, das erschrocken unter einen Tisch gesprungen ist.

    „Gewöhn dich dran, Kleines“, flüstert der Kämpfer dem Tier ins Ohr: „Das Schlimmste kommt vielleicht erst noch.“

  • Interview: Alex Honnold

    Der Amerikaner Alex Honnold ist der bekannteste Freikletterer der Welt und eine beeindruckende Persönlichkeit. Dass die Dokumentation “Free Solo” über seine Besteigung des Gipfels El Capitan im Yosemite Park 2019 den Oscar gewann, hat mich sehr gefreut. Einige Jahre zuvor traf ich Honnold in Sacramento, wir sprachen über die Jagd nach Rekorden, über seine Träume und Ängste. Das Interview erschien in dem Lifestyle-Magazin GALAMen.

    American Alex Honnold ist the wold’s most famous free climber. When I met this impressive guy in his home town Sacramento he told me about his dreams, fears and the perils of his passion. I was glad to see the documentary Free Solo about Alex’ record-breaking ascent of Yosemite’s El Capitan win an Oscar in 2019.

    “Der Tod kommt immer zu früh”

    Wer fällt, stirbt – so einfach ist das Prinzip des Free-Solo-Kletterns. Der Amerikaner Alex Honnold ist mit 29 Jahren die Ikone der wohl gefährlichsten Sportart überhaupt. Er klettert bis zu eintausend Meter hohe Bergwände hinauf, ohne Seil, ohne Sicherung – nur ausgerüstet mit Kletterschuhen, Magnesiapulver und Müsliriegeln.

    Alex Honnold, in Ihrer amerikanischen Heimat nennt man Sie gerne den „Mann, der keine Angst kennt“. Stimmt das denn?
    Blödsinn. Erst neulich hatte ich ziemlich Schiss.
    Beim Bergsteigen?
    Nein, nein, das war auf einer Party.
    Ihr Ernst? Was war passiert?
    Jemand kam auf die Idee, spontan einen Karaoke-Wettbewerb zu starten. Allein die Vorstellung, vor einer Gruppe von Menschen ein albernes Lied trällern zu müssen – ich stand kurz vor einer Panikattacke.
    So cool wie beim Klettern sind Sie also nicht in jeder Situation.
    Leider nein. Ich bin eher schüchtern.
    In den Bergen verwandeln Sie sich hingegen in einen Draufgänger. Sie klettern Free Solo, verzichten auf jede Art der Sicherung. Ein loser Stein, ein falscher Griff, ein Ausrutscher – und Sie stürzen in den Tod. Wie halten Sie diesen unglaublichen mentalen Druck aus?
    Jeder Mensch hat eine besondere Begabung. Ich habe wohl das Talent, meine Emotionen dann kontrollieren zu können, wenn andere durchdrehen würden. Ich bin beim Klettern meist total fokussiert, meine Sinne sind angespannt und konzentriert. Vielleicht ist es das, was Langstreckenläufer ein Runner’s High nennen. Im Idealfall ist es der perfekte Flow.
    Und spüren Sie den Kick des Adrenalins?
    Eher nicht. Ich bin kein rücksichtsloser Adrenalin-Junkie, falls Sie darauf anspielen. Ich bin nicht süchtig oder krank. Wie jeder andere, sehne ich mich nach Erlebnissen, die mir Genugtuung und Freude bringen. Nur dass Sie sich dafür einem extremen Risiko aussetzen. Es gibt zwei Arten von Risiko: Anfänger sind oft extrem risikofreudig, weil sie überhaupt nicht wissen, was sie tun. Bei mir wäre das tödlich. Bevor ich eine Route Free Solo klettere, habe ich sie genau studiert und immer wieder mit Sicherung geklettert. Ich kenne jeden Griff, jedes winzige Loch im Felsen, jede Bewegung. Und oft sind die Routen, rein technisch gesehen, nicht super schwer. Ich bin sicher ein sehr guter Kletterer, werde aber niemals der Beste sein.


    Dafür sind Sie der Rockstar der Szene.
    Das liegt an meiner Disziplin. Der Nervenkitzel ist beim Free Solo für den Betrachter natürlich riesig, es ist dramatisch.
    Ihr Freund, der Kletterer Tommy Caldwell, sagte einmal, Free-Solo-Begehungen seien egoistisch, rücksichtslos und dumm. Der deutsche Kletterer Stefan Glowacz urteilt, Free Solo sei wie russisches Roulette – der Zufall entscheidet über Leben und Tod.
    Jeder von uns setzt sich täglich einem Risiko aus – allein mit dem Lebensstil, etwa mit falscher Ernährung. Ich war 19 als mein Vater im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Er war ein College-Lehrer und führte ein in jeder Hinsicht risikofreies und scheinbar rücksichtsvolles Leben. Allerdings war er übergewichtig, und Herzkrankheiten liegen bei uns in der Familie. Egal welche Art von Risiken wir im Leben auf uns nehmen, der Tod kommt immer zu früh. Erst recht wenn es darum geht, was für ein Leben wir führen wollen, ist die Qualität doch viel wichtiger als die Quantität der Jahre.
    Ganz ähnlich hat das der berühmte FreeSolo-Kletterer Dean Potter gesehen, ein weiterer Freund von Ihnen. Er starb im Mai 2015 beim Base-Jumping im Yosemite Park.
    Dean war jemand, zu dem ich als Teenager aufgeschaut habe. Später wurden wir Konkurrenten und schließlich Freunde. Dean hat alle Risiken in seinem Leben genau gekannt und er nahm sie in Kauf, weil er seinen Traum gelebt hat. Ich bin überzeugt: Dean ist als glücklicher Mensch von uns gegangen. Sprechen wir über Ihre Anfänge. Im Jahr 2004 starb Ihr leiblicher Vater, kurz zuvor hatten sich Ihre Mutter und Ihr Stiefvater getrennt. Sie schmissen Ihr Ingenieursstudium in Berkeley – und begannen mit dem Free-SoloKlettern.
    In jenem Sommer lieh ich mir von meiner Mutter den Familien-Van und fuhr einfach kreuz und quer durch Kalifornien. Ich war traurig und deprimiert, ich wollte nichts machen, außer klettern. Ich hatte bis dahin fast immer nur in Kletterhallen trainiert, selten in der Natur. Bei einem Zwischenstopp am Lake Tahoe wagte ich dann meinen ersten Free-Solo-Aufstieg, an einer sehr einfachen Wand.
    Begannen Sie wegen Ihrer depressiven Gefühle mit dem gefährlichen Sport?
    Es waren vielmehr die Umstände. Ich war ja allein unterwegs und hatte keinen Partner, der mich über ein Seil hätte sichern können – wie das beim Klettern üblich ist. Ich war auch viel zu schüchtern um Fremde anzusprechen, geschweige denn andere echte Kletterer. Also kletterte ich immer öfter Free Solo und wurde langsam besser.
    Vier Jahre später kletterten Sie die 1475 Meter hohe Felswand des Half Dome im Yosemite Valley in nur zwei Stunden und 50 Minuten hinauf – und wurden zur Legende. Kamen Sie dabei an Ihre Grenzen?
    Dreißig Meter unter dem Gipfel erreichte ich einen Felsvorsprung, den man „Thanks God Ledge“ nennt. Er sieht aus wie eine einzelne Treppenstufe und ist nur zwölf Zentimeter breit. Meist habe ich diese mentale Rüstung, die mich davor schützt, zu viel nachzudenken. Doch man kann unmöglich länger als zwei Stunden total fokussiert sein – und diesmal zerbrach meine Rüstung kurz vor dem Ziel. 500 Meter ging es unter mir in den Abgrund. Plötzlich kamen diese Gedanken auf: Wo bin ich? Was mache ich hier eigentlich? Ich war wie gelähmt.
    Wie haben Sie die Situation gelöst?
    Die größte Gefahr beim Free-Solo-Klettern ist der Zweifel. Sobald du anfängst zu zögern war’s das. Ich hatte vorher noch nie etwas Vergleichbares erlebt. Ich war ein Gefangener in meinem eigenen Gedanken-Knast. Nach etwa fünf Minuten konnte ich mich zusammenreißen, fand Mut und Gelassenheit, um weiter hochzusteigen. Als ich oben ankam, traf ich ein paar Yosemite-Touristen, sie waren gemütlich auf den Gipfel gewandert und genossen die Aussicht. Sie dachten wohl, ich sei ein erschöpfter, verlorener Tagesausflügler. Ein Teil von mir wünschte in diesem Moment, jemand wüsste, dass ich gerade etwas ziemlich Einzigartiges gepackt hatte.
    Heute erwartet man von Ihnen ausschließlich Spektakuläres. Spüren Sie Druck von Sponsoren und der Öffentlichkeit?Mein Hauptsponsor rief mich nach Deans Tod an und sagte: „Alex, wir haben dieses schöne Haus in San Diego, direkt am Meer. Du kannst dort wohnen und einfach Urlaub machen, so lange du willst. Glaube nicht, dass du für uns irgendwas Gefährliches wagen musst.“ Will sagen: Nein, niemand macht mir Druck. Ich klettere, weil es meine Leidenschaft ist. Nicht um Geld zu verdienen. Wenn ich am Fuße einer tausend Meter hohen Felswand stehe und nach oben blicke, sind meine Sponsoren das Letzte, woran ich denke. Trotzdem sind Sie Teil einer ExtremsportIndustrie. Klar, und manchmal erinnert die an eine Tretmühle: Der eine klettert eine Route zum ersten Mal, der nächste überbietet sie, indem er sie schneller klettert, öfter oder eben Free Solo. So mache ich das ja auch. Vielleicht ist das auch gut so, weil es uns alle pusht.
    Haben Sie mehr Neider, seit Sie berühmt sind?
    Ich führe kein abgeschirmtes Leben. Aber klar, ich stehe heute natürlich mehr unter Beobachtung. Neulich hat mich jemand in Colorado in der Kletterhalle gefilmt, wie ich bei einer leichten Route blöd abgerutscht bin. Den Clip hat er dann auf Instagram gepostet, nach dem Motto: „Haha, ich lasse den berühmten Alex mal dumm aussehen.“ Eine miese Aktion.
    Dafür haben Sie auch viele Fans. Wie das Mädchen vorhin, das Sie auf der Straße erkannt hat und eine Selfie mit Ihnen wollte.
    Ich sollte sogar schon weiblichen Fans auf den Brüsten unterschreiben. Das gehört natürlich zur angenehmen Seite des Jobs – vor allem für einen schüchternen Typen wie mich.
    Stimmt es, dass Sie Ihre erste ernsthafte Beziehung mit einem Fan hatten?
    Ja, das war vor fünf Jahren, als die Dokumentation „Alone On The Wall“ über mein Half-Dome-Abenteuer herauskam. Ein Mädchen schrieb mir auf Facebook, dass sie mich im Kino gesehen hätte. Ich dachte: Wow, macht mich dieses Chick gerade an? Ich schickte ihr einen Smiley, sie schickte ein zwinkerndes Emoji, und so ging es dann los.
    Sie leben in einem Ford Econoline Van wie ein Vagabund.
    Seit ich mit 18 die Uni geschmissen habe, um mich nur noch aufs Klettern zu konzentrieren, ist der Van mein Zuhause. Das Vagabundieren ist bis heute mein Lebensstil. Früher habe ich mir dadurch die Miete gespart und konnte von 300 Dollar im Monat leben. Lange Zeit war meine Waisenrente mein einziges Einkommen. Ich gab vielleicht sieben Dollar pro Woche für Pasta und Tomatensoße aus. Dann kam noch der Sprit für das Auto dazu. So zog ich durchs Land.
    Ist ein „normales“ Leben mit Häuschen, Frau und Kindern für Sie überhaupt denkbar?
    Ich muss zugeben, das ist schon ein seltsamer Gedanke. Ich kann mir nicht vorstellen, ewig zu machen, was ich heute mache. Doch ich kann mir auch nicht vorstellen, damit aufzuhören. Vielleicht hätte ich deshalb am Liebsten direkt Enkelkinder. Die müsste ich nicht erziehen, mit denen könnte ich nur Spaß haben: wandern, die Natur genießen oder Karten spielen – wie mein Grandpa früher mit mir.
    Ein Leben als gemütlicher Opa – auch das muss doch für einen Abenteurer wie Sie eine furchtbare Vorstellung sein.
    Okay, es ist zumindest ein abstrakter Gedanke, ein alter Mann zu sein. Man muss realistisch bleiben: Es kann so viel schiefgehen, bei dem was ich mache.
    Würden Sie als Familienvater Ihren Extremsport aufgeben?Ich würde vielleicht nicht mehr die gefährlichsten Routen klettern. Und vielleicht wäre es auch der passende Anlass, mich aus der ExtremsportIndustrie zu verabschieden.
    Kennen Sie den Begriff Gipfelglück?
    Gippel… was? Das klingt für mich nach einem ziemlich unaussprechlichen deutschen Wort.
    So bezeichnen Bergsteiger in den Alpen das Gefühl aus Stolz und Freude, das sich einstellt, wenn man endlich ganz oben auf dem Berg angekommen ist.
    Das muss ich mir merken – ich habe immer nach einem passenden Ausdruck für dieses Gefühl gesucht.
    Gibt es für Sie überhaupt so etwas wie ein vollkommenes Gipfelglück?
    Wahrscheinlich nicht. Wenn ich eine große Herausforderung geschafft habe, für die ich lange Zeit trainiert hatte, fühle ich mich eher leer und bin sogar etwas sentimental.
    Das klingt tragisch: Sie riskieren Ihr Leben, doch statt Glücksgefühlen überkommt Sie am Ende der Blues.
    Lassen Sie es mich so sagen: Eine Bergwand Free Solo zu klettern, ist manchmal wie eine Affäre mit einem süßen Mädchen. Du kannst an nichts anderes denken, es ist super aufregend, und wenn es dann plötzlich vorbei ist, fällst du erst mal in ein Loch – bis du das nächste schöne Mädchen triffst.
    Ich dachte Sie sind zu schüchtern, um Mädchen anzusprechen.
    Nur wenn Sie mit mir Karaoke singen wollen.

  • Reportage: Kamerun

    Journalistin bekommen selten die Möglichkeit, aus Kamerun zu berichten, zumal wenn es um den Konflikt mit Boko Haram geht. 2015 konnte ich in den äußersten Norden des Landes reisen und mit Menschen sprechen, die den Terror der Sekte erlebt haben.

    It’s hard to get access to report from Cameroon, especially when you want to cover the conflict with Boko Haram. In 2015 I had the rare chance to travel to the remote far North of the country to tell the stories of those who survived the terror.

    Die Krake

    Fast täglich verübt Boko Haram Attentate in Nigeria und den angrenzenden Staaten. Der Westen hilft mit Ausrüstung und Beratern im Kampf gegen die Terrorsekte – doch selbst Militärs geben zu: Mit Waffen allein sind die Extremisten nicht zu besiegen. Ein Bericht aus Maroua im Norden Kameruns

    Die Angreifer kamen kurz nach dem Abendessen. Der Lamido, seine beiden Frauen und seine acht Kinder, saßen im Wohnzimmer, sie feierten gemeinsam den Ramadan, und brachen das Fasten mit Fladenbrot, Hühnchen und Reis.

    Dann plötzlich Schüsse und “Allahu Akbar”-Rufe. Männer mit Kalaschnikows stürmten ins Zimmer, zerrten Seini Boukar Lamine, den “Lamido” genannten Bürgermeister, und seine Familie nach draußen, auf die Ladefläche eines wartenden Geländewagens. In Sekunden verschwanden die Angreifer mit ihren Geiseln in der Nacht. Zurück blieben die Leichen von drei erschossenen Wachmännern.

    Die sunnitischen Islamisten bekamen 400.000 Dollar Lösegeld

    Der 50-jährige Lamido erinnert sich genau an die Todesangst, die er spürte, als ihn im Juli vergangenen Jahres die Extremisten von Boko Haram aus seinem Haus in Kolofata, im Norden Kameruns, verschleppten. Dass er und seine Familie heute noch am Leben sind, hat wohl zwei Gründe: Als islamischer Würdenträger des Stammes der Kanuri, wurde er sogar von Boko-Haram-Kämpfern mit Respekt behandelt. Außerdem bekamen die Extremisten ein Lösegeld von 400.000 Dollar bezahlt, für den Lamido und die Frau des kamerunischen Vizepräsidenten, die zeitgleich entführt wurde. 

    Auch im Norden Kameruns wütet die Sekte

    Auch hier, im äußersten Norden Kameruns, an der Grenze zu Nigeria, tobt der Krieg gegen die Terror-Sekte Boko Haram. Seit fünf Jahren ziehen die Kämpfer und ihr Anführer Abubakar Shekau eine Spur des Terrors und der Verwüstung durch den Nordosten Nigerias. Zwar musste Boko Haram zuletzt militärische Rückschläge hinnehmen. Doch nun eskaliert die Gewalt wieder: Allein in den vergangenen Wochen kamen bei Selbstmordattentaten in Nigeria hunderte Zivilisten ums Leben. Und in Kamerun sprengten sich vergangenen Mittwoch zwei Attentäterinnen auf einem Markt in der Stadt Fotokol in die Luft. Die Angreiferinnen hatten Sprengstoffgürtel offenbar unter ihren Burkas versteckt. Zwei Soldaten aus dem Chad und zehn Zivilisten starben. Die Sicherheitsbehörden reagierten mit einem Verbot von Ganzkörperschleiern und untersagten “größere Versammlungen” von Muslimen.

    Der Lamido ist zwei Meter groß, ein Mann von mächtiger Statur, der nicht aussieht, als könne man ihm schnell Angst einjagen. Er lässt sich von Besuchern mit “Eure Majestät” ansprechen, seine Stirn und Wangen sind von Narben zerfurcht. Die Wundmahle sind das traditionelle Erkennungszeichen der Kanuri. Die Eskalation der Gewalt besorgt auch den Bürgermeister: “Boko Haram ist eine Gefahr für uns alle, sie können immer und überall angreifen.” Auch weil die Terroristen zunehmend unter den Mitgliedern seines eigenen Stammes rekrutieren. Zweieinhalb Monate wurde der Lamido im Sambisa-Forest, dem Versteck von Boko Haram in Nigeria, festgehalten. Dort sah er auch einige junge Kanuri-Kämpfer, die sich von der Sekte hatten anwerben lassen. “Ihre Augen waren von Drogen getrübt, sie waren aggressiv und unberechenbar”, erinnert sich die ehemalige Geisel.

    Die einfachen Botschaften der Terroristen kommen bei vielen Armen gut an

    Viele Kanuri, die in der Grenzregion zwischen Kamerun, Tschad und Nigeria leben, schließen sich der Sekte an. “Sie ködern unsere jungen Männer mit falschen Versprechen. Sie sagen: Bei uns bekommt ihr Geld für ein großen Haus und eine schöne Braut”, erklärt der Lamido. Einfache Botschaften, die auf fruchtbaren Boden fallen: 60 Prozent der Bevölkerung in Kameruns “Extreme Nord”-Provinz leben in Armut. 

    “Boko Haram ist wie eine Krake, man schlägt ihr eine Tentakel ab, doch anderswo wächst eine neue nach”, sagt Hauptmann Dieudonne Bea-Hob. Der 33-Jährige ist Kommandant der kamerunischen Spezialeinheit BIR, die von Israel und den USA unterstützt wird, mit Ausrüstung und militärischem Training. Auch die Kommunikation der Truppe klingt nach Pentagon-Sprech: “Wir müssen die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen”, sagt Bea, der an der US-Militärakademie Westpoint studiert hat und mit amerikanischem Akzent spricht.

    7500 Soldaten einer multinationalen Truppe kämpfen gegen Boko Haram

    Täglich ist Bea in der Grenzregion zu Nigeria unterwegs – auf der Suche nach dem unsichtbaren Feind. Bislang starben in dem Konflikt 30 BIR-Soldaten, 90 wurden verwundet. Insgesamt 7500 Soldaten einer von Nigeria, Tschad, Niger und Benin aufgestellten Truppe kämpfen in der Region gegen die Extremisten.

    Amnesty schätzt, dass seit 2009 mehr als 17.000 Menschen getötet wurden

    Die sunnitische Terrorsekte führt einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten islamischen Gottesstaats. In diesem Kalifat soll dann einzig und allein eine radikale Auslegung der islamischen Rechtsprechung (Scharia) gelten. Amnesty International schätzt, dass dabei seit 2009 bereits mehr als 17.000 Menschen getötet wurden. Die Gruppe soll auch mehr als 2000 Frauen und Mädchen entführt haben, darunter die seit über einem Jahr vermissten 200 Schülerinnen aus dem Ort Chibok. Die Gewalttaten haben mehr als 1,5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. 

    Die USA wollen ihre militärische Unterstützung weiter ausbauen: Diese Woche beraten sie mit Nigerias Präsidenten Muhammadu Buhari über weitere Hilfen. Bereits nach der Entführung der Schulmädchen aus Chibok hatten die USA im Tschad einen Stützpunkt mit Drohnen eingerichtet.

    Auch Kamerun setzte Drohnen im Kampf gegen Boko Haram ein, gibt Kommandant Bea zu, doch woher die Waffen stammen, dazu will er sich nicht äußern. Man überwache damit die etwa 400 Kilometer lange Grenze zwischen Kamerun und Nigeria. Doch er gibt auch zu: “Mit Waffen alleine können wir Boko Haram niemals besiegen.”

    Die Spezialkräfte wollen mit Comicheften aufklären

    Darum setzten er und seine Kameraden bei den Besuchen in den Dörfern auf Information und Aufklärung. Die Spezialkräfte verteilen Comic-Hefte, in denen grimmige, bewaffnete Figuren zu sehen sind, die Bomben an einer Straße vergraben. Und aufrichtige junge Männer, die Verdächtige den BIR-Soldaten melden und dafür mit Anerkennung von ihren Nachbarn belohnt werden.

    Doch ob Drohnen und Cartoons genügen, um die eskalierende Gewalt einzudämmen? “Wir richten uns auf einen langen Kampf ein”, sagt Bea. “Vielleicht wird er noch Jahrzehnte dauern.”

    Die Terrortaten haben die Probleme der Region in den Fokus gerückt

    Immerhin haben die Attacken von Boko Haram auch die Probleme der Region in den Fokus gerückt. Die Regierung Kameruns will den nördlichen Bundesstaat nicht länger vernachlässigen: 135 Millionen Dollar sollen in den kommenden Jahren in eine Region investiert werden, in der es keine Jobs gibt und in der 70 Prozent der Kinder unterernährt sind. 

    Vorerst bleibt die Lage jedoch prekär. Selbst der Lamido ist noch nicht in seine Heimatstadt Kolofata zurückgekehrt. Er wolle warten, bis sich die Sicherheitslage gebessert habe. Derzeit lebt er mit seinen Frauen und Kindern in einem Haus in Maroua, weit weg von der Front. Den Ramadan haben sie in diesem Jahr an einem geheimen Ort gefeiert.