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  • Die Zukunft des Fußballs

    Die Zukunft des Fußballs

    Die Zukunft des Fußballs zwischen Kommerz, Korruption und Krieg – Oligarchen, Scheichs und Traditionalisten: Wie geht es mit der größten Sportart der Welt weiter? Wer profitiert? Und was bleibt im Milliarden-Geschäft auf der Strecke? Eine Analyse.

    Erschienen in Sports Illustrated 03/2022

    SO SIEHT ES ALSO AUS, WENN EIN Fußballklub im Koma liegt. Der Fanshop ist geschlossen, im Vereinshotel nebenan brennt kaum ein Licht. Der Stadtrivale ist zum Derby angereist, doch an der Stamford Bridge sind viele Ränge leer. Die Auswärtsfans genießen die Schadenfreude und grölen in die Londoner Nacht: „Da ist ja keiner da!“

    Chelsea verliert an diesem Abend im April gegen den FC Arsenal 4:2. Wieder dürfen nur Dauerkartenbesitzer ins Stadion, Tagestickets können nicht verkauft werden. Seit dem Angriff auf die Ukraine ist Klubeigentümer Roman Abramowitsch wegen seiner Nähe zum Putin-Regime geächtet. Die Besitztümer des Oligarchen sind eingefroren, und der FC Chelski, Stolz von Londongrad, ist nur noch eingeschränkt geschäftsfähig. Der englisch-russische Patient wurde in einen künstlichen Schlaf versetzt, doch die überlebenswichtigen Organe sind intakt.

    Und so ist auch an diesem Abend zu spüren, was aus dem Klub geworden ist: ein Symbol für die Macht und Ohnmacht im Fußball. Denn kaum war der früher gern gesehene Tycoon von der Insel verbannt, stellte die britische Regierung klar: Abramowitschs Verein dürfe natürlich weiterspielen.

    Der Klub sei ein wichtiges „kulturelles Asset“, das es zu schützen gelte. Die (Schein-)Heiligkeit der Premier League – und des Fußballs insgesamt – darf keinesfalls befleckt werden: Auch das ist die Botschaft dieses Dramas. Und darum wird zügig der Verkauf des aktuellen Champions-League-Gewinners abgewickelt. Bis zu 4,5 Milliarden Euro werden politisch weniger bedenkliche Investoren bezahlen. Damit endet die Oligarchen-Ära. Und dann wäre ja alles wieder in Ordnung. Oder etwa nicht?

    Corona, Krieg und Klimakrise verändern die Welt und die globale Wirtschaft rasant. Unternehmen passen sich an, verpflichten sich zu nachhaltigem, sozialem und ethischem Wirtschaften. Und der Fußball? Das alte Mantra vom „unpolitischen Sport“ wirkt in diesen Zeiten umso absurder. Steht also auch die populärste Sportart der Welt vor einer Zeitenwende – und wie könnte diese aussehen? In der Spitze kennt der Fußball – trotz Pandemie – nur Wachstum, weltweit nimmt das Interesse zu. Für Spieler, Investoren, Funktionäre und Medien bleibt die Jagd nach dem Ball lukrativ und wertvoll. Nur was genau macht den Wert des Fußballs aus?

    Im Sport spiegelt sich die Gesellschaft – und umgekehrt. Ängste, Aktivismus und Individualismus prägen unsere Zeit. Gemeinschaft zersplittert, Mainstream gilt als Makel, lieber sucht man „eigene Wahrheiten“. Der Fußball könnte das vielleicht letzte soziale Netzwerk sein, das diesen Namen verdient. Dafür müsste er entscheiden, was er mit seiner Macht anfangen will – ob er mehr als ein Produkt sein könnte. Ob er jenseits von verbandlich genehmigten Lippenbekenntnissen seine Werte vertritt – und jene bestraft, die sie missachten (zur Erinnerung: Russland überfiel schon 2014 die Ukraine und wurde mit der WM 2018 trotzdem mit der global wertvollsten Werbeplattform beschenkt).

    Jeder Bolzplatzkicker kennt die Ideale seines Sports: Fairness (keine versteckten Fouls!); Diversität (ist entscheidend auf dem Platz – egal, wer du bist und woher du kommst); Inklusion (es gibt selbst unter Profis keinen idealtypischen Spieler). Was mal nach Kirchentag klang, diktiert heute der Diversity-Officer jedem mittelständischen Schraubenhersteller ins betriebliche Glaubensbekenntnis. Und auch die wichtigsten Akteure des Sports wollen längst mehr als nur spielen.

    DIE SPIELER: SUPER-AKTIVISTEN ODER MEGA-INFLUENCER?

    Es war ein kalter Februarabend, der FC Bayern gewann gegen Frankfurt 1:0, doch für Robert Lewandowski war das Nebensache. Er hatte sich eine Kapitänsbinde in den ukrainischen Nationalfarben Blau und Gelb über den Arm gezogen. Nach dem Spiel wurde er emotional. Eine Woche nach der russischen Invasion in der Ukraine sagt der Pole: „Wir sind alle gegen Krieg und haben nicht gedacht, dass es so weit kommt. Das zu sehen, tut weh.“

    Und: „Der Sport kann sich nicht rausnehmen.“ Dass Ruhm mit Verantwortung einhergeht, sieht nicht nur Lewandowski so. In England gilt der ManUnited-Star Marcus Rashford als Paradebeispiel des „mündigen Athleten“. Rashfords Engagement war es zu verdanken, dass vor zwei Jahren die Regierung von Boris Johnson einknickte und ein Programm zur Ernährung hilfsbedürftiger Schulkinder verlängerte. Rashfords Mutter war selbst zeitweise auf Essensausgaben angewiesen. Der Angreifer kämpft weiter für mehr soziale Gerechtigkeit, der „Financial Times“ sagte er: „Das System ist kaputt – wir brauchen Wandel.“

    Die Stimme erheben, für Wandel eintreten. Das klingt nach den Schlagworten der Generation Fridays for Future. Das linksliberale Magazin „New Statesman“ nennt das Phänomen sogar den „Aufstieg des Super-Aktivisten-Spielers“. Und zählt zu jenen auch Manchester Citys Raheem Sterling (Antirassismus), Tottenhams Eric Dier (Antibrexit), Aston Villas Tyrone Mings (Schutz für Obdachlose, weil früher selbst obdachlos) und Ex-Arsenal-Verteidiger und Birkenstock-Liebhaber Héctor Bellerín (Veganismus, Klimaschutz). In Deutschland mischt sich Toni Kroos regelmäßig in gesellschaftliche Fragen ein. Der Weltmeister rief zur Wahl auf – und sagte: Nur wer die AfD wählen wollte, der könne zu Hause bleiben.

    Doch gerade weil gesellschaftliches Bewusstsein immer relevanter wird, ist die Grenze zum Branding oft fließend. Auch beim DFB. Eine Aktion im vergangenen Jahr gegen Island fiel besonders negativ auf: Nationalspieler bemalten schwarze T-Shirts mit Buchstaben, was den Schriftzug „Human Rights“ ergab. Doch das Making-of-Video dazu wurde als „Marketing mit Menschenrechten“ wahrgenommen. Das ernste Thema wirkte wie Teil einer Imagekampagne. Sportliche Enttäuschungen, das Überangebot an letztlich belanglosen Spielen (Nations League) und der Streit um den abgeschmackten Slogan „Die Mannschaft“ habe zur Entfremdung von den Fans und zu leeren Stadien geführt.

    Der Sportmanager Jordan Wise spricht von einem neuen „kulturellen Phänomen“. In den USA werden Athleten als „viel mehr als nur Sportler“ wahrgenommen – durch Aktivismus, Wohltätigkeit oder Unternehmergeist. In der deutschen Start-up-Szene mischen etwa Ilkay Gündogan (Fitness-Start-up Terra) oder Mario Götze (Bildungs-Start-up Knowunity) als Angel-Investoren mit. Im Zeitalter des durch die sozialen Medien befeuerten Individualismus wollten auch Spieler „die Grenzen des Sports überwinden“, sagt Wise. Und vielschichtige Persönlichkeiten sein. Natürlich liegt in diesem Phänomen auch ein wirtschaftlicher Wert. Das britische Upper-Class-Modelabel Burberry schmückt sich mit Marcus Rashford auch dank seiner Strahlkraft und Relevanz. City-Star Jack Grealish, der bislang eher mit eigenwilligen Haarreifen statt durch gesellschaftskritische Äußerungen aufgefallen ist, verwandelt sich hingegen zum Beckham der Generation Z – und wurde dafür von Gucci mit einem Millionen-Deal belohnt.

    Ob durch ernsthaften Aktivismus oder Bling-Bling-Lifestyle – der Athlet transzendiert zum Mega-Influencer, der vielleicht mündiger, sicherlich mächtiger und in jedem Fall noch vermögender werden kann. Sportmanager Wise glaubt, dass die Superstars der Zukunft Deals und Partnerschaften in einer neuen Dimension abschließen werden, weil ihre Fans über sämtliche Plattformen und tiefgreifender mit den Idolen verbunden sind.

    Etwa mit Erling Haaland, der den BVB verlassen hat. Der 21-Jährige ist als größtes Talent aller Zeiten in die moderne Kommerz- und Vermarktungsmaschinerie hineingeboren worden – womöglich hat schon seine Hebamme eine Beteiligung an künftigen Transfers ausgehandelt, scherzt man in der Branche. Mehr als eine halbe Million Euro pro Woche soll der Norweger laut englischen Medien künftig bei Manchester City verdienen. Und diese Macht wollen auch die Entscheider nutzen.

    DIE FUNKTIONÄRE: SUPER-BOWL-TRÄUMER GEGEN BRATWURST-NOSTALGIKER

    In diesen Tagen ist die Stimmung trüb in der Guiollettstraße in Frankfurt am Main. Hier residiert in einem Glasbau die Deutsche Fußballliga (DFL) und deren CEO Donata Hopfen, 46. Die Digitalexpertin erklärt: „Wir erleben derzeit eine Zäsur. Die Zeit des nahezu selbstverständlichen Wachstums scheint vorüber.“

    In den vergangenen Spielzeiten, auf dem Höhepunkt der Pandemie, verloren die deutschen Topligen mehr als eine Milliarde Euro an Umsatz. In England waren es fast zwei Milliarden, trotzdem herrscht dort beste Laune: Erstmals hat die Premier League einen Vermarktungsdeal besiegelt, bei dem das Ausland mehr Geld einbringt als der heimische Markt.

    Mehr als elf Milliarden Euro kassieren die Engländer insgesamt bis 2025. Die Auslandsvermarktung der Spanier ist pro Saison immerhin 700 Millionen Euro wert. Und die Bundesliga? Die kommt bei den TV-Auslandsrechten auf etwa 200 Millionen Euro. Ein Betrag dieser Größenordnung wird künftig in England allein an den Tabellenletzten ausgeschüttet, aktuell an Norwich City. FC-Bayern-Boss Oliver Kahn nennt das ein „erdrutschartiges Missverhältnis“. Und Hopfen formuliert im schönsten Manager-Sprech: Die Auslandsvermarktung sei „zweifellos eine der großen Herausforderungen“.

    Im Fußball wächst durch die Pandemie die Kluft zwischen Geldelite und Geringverdienern. Die Konzentration von Vermögen an der Spitze (wie in der globalen Wirtschaft) nimmt auch durch die angestrebten UEFA- Reformen zu, glauben Ökonomen. Ab 2024 soll die Champions League über eine aufgeblähte Vorrundenliga und Play-off-Phase die Teilnehmer der K.-o.-Runde ausspielen. Das schafft hundert zusätzliche Partien – und mehr Einnahmen. Nicht qualifizierte Klubs können sich dank des UEFA-Klub-Koeffizienten in den Wettbewerb mogeln – und dessen Geldtöpfe anzapfen. Die Idee hebelt vor allem den sportlichen Reiz der Bundesliga weiter aus. Dass die Meisterschaftsdominanz des FC Bayern durchbrochen wird, scheint – in den aktuellen Strukturen – immer unwahrscheinlicher. Für Spannung sorgte immerhin die Qualifikation für Europa, die durch eine Wildcard verwässert würde.

    Fans und Ligaverbände kritisieren den Plan. Denn auch die UEFA-Regel zur „finanziellen Nachhaltigkeit“ nutzt vor allem den Großen. Kaderkosten dürfen 70Prozent der Einnahmen nicht übersteigen – wer also mehr einnimmt, kann mehr an Gehältern bezahlen, kann größere Stars verpflichten. Was die UEFA als Nachhaltigkeit verkauft, wird die Ungleichheit zementieren. Zumal die Scheichklubs ohnehin machen, was sie wollen.

    Manchester City, das einem Mitglied der Herrscherfamilie Abu Dhabis gehört, umgeht laut Recherchen des „Spiegel“ seit Jahren regelmäßig mit versteckten Zahlungen die Kostenkontrollen der Regelhüter. UEFA und englische Liga ermitteln, schon die Berichterstattung dazu versucht, aggressive Anwälte zu verhindern. Zwar rücken durch die Abramowitsch-Sanktionen Sportwashing und staatlicher Einfluss auf den Fußball in den Fokus. Doch auch die Aufregung um die Übernahme von Newcastle United durch den saudi-arabischen Staatsfond hat sich längst gelegt – trotz Protesten von Menschenrechtlern.

    Anfang April, im „Hilton“ in Wien. Es tagt die Europäische Club-Vereinigung (ECA), die Entscheider der Branche treffen sich zum Brainstorming. Experten der Harvard Business School dozieren: niemals den Blick aufs große Ganze verlieren. Genau das predigt auch der katarische Geschäftsmann Nasser Al-Khelaifi. Er fragt: Wie kann es sein, dass sich der Super Bowl größer anfühlt als das Champions-League-Finale? Der Präsident von Paris Saint-Germain sagt: „Jedes Match muss ein Ereignis und Unterhaltung sein.“ Es gehe um „neue Spielorte, neue Märkte, neue Formate“. Er wolle den Status quo hinterfragen. Warum also tanzt Beyoncé für Footballer, aber nicht für Fußballer? In Deutschland ging der Versuch mit Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale grandios schief. Überhaupt tickt das Land der Fußballpuristen ganz speziell.

    Als Donata Hopfen sagte, man könne keine Maßnahme ausschließen, die mehr Geld bringe – sie bezog sich auf die Austragung des spanischen und italienischen Supercups in Saudi-Arabien –, führte das zu Empörung. Bei Hopfen und der DFL ist seitdem noch öfter von Tradition und Werten die Rede als bei jedem oberbayerischen Trachtenverein. Doch Purismus kann schnell zur Ideologie werden. Ein Ende der 50+1-Regel steht weiterhin nicht zur Debatte. In Klubs aus Spanien und Italien kaufen sich derweil Private-Equity-Firmen ein, und in den spanischen und französischen Ligaverband pumpen Finanzinvestoren Milliarden.

    Wir sprechen mit einer Person, die einen Topverein und das Business seit Jahrzehnten von innen kennt. Sie sagt: Wenn ich Tradition will, gehe ich zu Lautern oder Sechzig, da gibt es Bier und Bratwurst. Aber erwarte ich das auch bei einem Premium-Produkt wie der ersten Liga? Wie kann es sein, dass ein DAZN-Abo für Neukunden immer teurer wird, aber der Wettbewerb immer reizloser ist – während die Engländer jede Woche mindestens ein Kracherspiel haben? Warum haben wir in Deutschland so viel Angst vor Veränderung?

    Das klingt nach Ratlosigkeit, dieses Gefühl kennen Traditionalisten und Reformer. Weil sich der Spitzenfußball zu einer Oligarchie wandelt. Und die Bundesliga, abgesehen von Dortmund und Bayern, weiter zurückfällt. Zumindest wenn Erlöse, und langfristig wohl auch sportliche Qualität, die Maßstäbe sind.

    Ex-St.-Pauli-Manager Andreas Rettig hatte mal die Idee, man könne die Bundesliga doch bewusst abgrenzen – und zur sozialsten und nachhaltigsten Liga der Welt machen. Wo Vereine Öko-Punkte sammeln, als Ergänzung zur Fair-Play-Tabelle. Könnte der Rückzug in den behaglichen Bundesliga-Biedermeier eine Lösung sein? Sogar BVB-Boss Watzke sagte in einem „Welt“- Interview: „Wir als Liga müssen den Menschen in Europa und der ganzen Welt vor allem klarmachen: Die Bundesliga ist politisch korrekt und sauber.“ Und dass man hier auf Nachhaltigkeitsthemen setze.

    Donata Hopfen will vor allem durch die Digitalisierung im globalen Wettbewerb erfolgreicher werden. Es ist der Versuch eines Spagats: Laptop und Lederhose, Bits und Stadionbier. Doch auch dabei ist man auf der Insel schon viel weiter. Manchester City baut mit Sony das Etihad-Stadion ins Metaversum. Fußball als immersive Erfahrung für eine globale Anhängerschaft – es wäre ein gigantischer Zukunftsmarkt. Die Bratwurst gäbe es dort zwar nicht. Nur vermisst die in der schönen neuen Medienwelt vielleicht ohnehin keiner mehr.

    DIE MEDIEN: NETFLIX ODER NIX?

    Im Sommer 1992 staunten britische Fernsehzuschauer über einen TV-Spot, der „einen ganz neuen Ballsport“ versprach. Der Clip war eine popkulturelle Melange der 90er: Trikots wie das Gefieder von Kanarienvögeln. Goldkettchen auf nackter Brust im Dampf von Kabine und Mannschaftsdusche. Vor dem Stadion hebt der Bobby ein Kind aufs Pferd, statt Hooligans zu jagen. Und dazu singen die Simple Minds „Alive and Kicking“.

    Nur vom neuen Ballsport war nicht mehr als kurzer Torjubel zu sehen. Das war also die neu geschaffene Premier League, die erstmals auf Rupert Murdochs Sky Sport zu sehen war. Und tatsächlich nahm die Werbung alles vorweg, was den Fußball künftig ausmachen sollte: Stars, Unterhaltung, Emotionen – und ein bisschen Sport. Mit einem massentauglichen Unterhaltungsprodukt wollte der Medienmogul sein Abo-TV-Modell profitabel machen. Doch vorher musste Fußball sauber werden. Wegen Gewaltexzessen und den Tragödien im Heysel-Stadion und in Hillsborough galt der Sport als Schande. Murdochs Kalkül ging auf: Der englische Fußball ließ seine dunkelste Zeit hinter sich, sein Pay-TV-Sender hatte mehr zahlende Zuschauer und die Vereine mehr Geld. Die Symbiose aus Ball und Bildschirm revolutionierte den Sport. Und bereitet den Weg für dessen totale Kommerzialisierung.

    Anruf bei Wolff Fuss, 46, Sky-Kommentator, seit über 20 Jahren die emotionalste Stimme des deutschen Fußballs. Er sagt: „Die Premier League hat früh begriffen, was wir in Deutschland lange verschlafen haben: Der Trubel rund um die Spiele hat eine ähnliche Relevanz für die Aufmerksamkeit wie das Spiel selbst.“ „Ran“ auf Sat.1 ließ diesen Gedanken in die Berichterstattung einfließen. Doch Fuss erinnert sich an Kritik: Zeigt nicht so viele Promis auf der Tribüne, klagten manche Zuschauer. Dabei taten die Engländer genau das.

    Für den Trubel sorgt inzwischen auch die Clickbait-Gier in einem mehrheitlich übellaunigen Social-Media- Kosmos. Fuss erinnert an die Posse um Bayern-Trainer Julian Nagelsmann und die Freiwillige Feuerwehr Süd-Giesing: „Da wurde leider unnötig ein Konflikt konstruiert.“ Man solle sich nicht wundern, wenn Vereine künftig nur noch „chemisch gereinigte Videos“ verschicken. Eine weitere mögliche Konsequenz: Meinungsstarke Akteure wie Nagelsmann ziehen sich auf maximal ungefährliche Floskeln zurück.

    Das ist bedauerlich, denn hier könnte man sich von Amerikanern und Briten etwas abschauen. In den USA wie in der Premier League gilt für Spieler und Trainer weitgehend: Sei, wie du bist. Die Engländer lieben Jürgen Klopp gerade wegen seiner in jeder Hinsicht großformatigen Klappe. Auch ihm verrutscht mal ein Satz, doch das ist okay. Gerade das macht ihn menschlich und sympathisch – und diese Lockerheit wirkt ansteckend.

    Auch Fuss redet „wie mir der Schnabel gewachsen ist“, obwohl der Klimawandel im Umgang miteinander den Shitstorm wahrscheinlicher macht. Er fordert: „Lasst die Synagoge im Dorf“, wenn Bayern mühelos bei Maccabi Haifa gewinnt; er vergleicht einen schwachen FC Barcelona mit „Barfuß Bethlehem“; und bei zu vielen Fehlschüssen wird auch mal „der Hund in der Pfanne verrückt“. Doch auch Fuss’ Medium, das essenziell ist für die Fußballfolklore, verliert an Macht. Die Premier League arbeitet an einem Plan, ihr Produkt direkt an den Konsumenten zu verkaufen mittels einer eigenen Streamingplattform. In der NBA gibt es ähnliche Modelle. Noch ist die Idee Druckmittel, um in den Verhandlungen mit Sendern, Streaminganbietern und Techkonzernen wie Amazon den Preis hochzutreiben.

    DIE KONSUMENTEN: WIE WÄRE ES, WENN WIR ES GANZ ANDERS MACHTEN?

    Auch mit Bundesliga-Fußball stillt Amazon den enormen Content-Hunger seines Streamingangebots. DAZN wächst ebenso, macht aber eine Milliarde Verlust und kann sich die teuren Rechte nur leisten, weil der schwerreiche Unternehmer Len Blavatnik als Investor weiter Geld zuschießt. Um weniger abhängig zu sein, werden wohl auch Bestandskunden bald mehr für das Abo bezahlen müssen. Der Markt wird immer heftiger umkämpft. Zumal die FIFA auf ihrer werbefinanzierten eigenen Streamingplattform FIFA+ bereits Tausende Livespiele zeigt – und den Trubel drum herum.

    Entscheidend ist: auf dem Platz – und auf der Plattform? „In Deutschland wird noch Wert darauf gelegt, dass die Berichterstattung unabhängig ist – und das sollte so bleiben“, sagt Fuss. Trotzdem glauben Experten, dass Ligen und Verbände langfristig den Zwischenhändler gern aus dem Geschäft nehmen würden. Und direkt beim Konsumenten kassieren. Also beim „Fan“.

    Ein Hauch von Revolte lag Mitte März über dem Prinzenpark in Paris: Neymar und Messi filetierten die Abwehr von Bordeaux so meisterhaft wie Sterneköche ein Entrecote. Doch das 3:0 konnte die PSG-Anhänger nicht besänftigen. Gnadenlos buhten sie die Superstars aus. Nicht nur das Champions-League-Aus gegen Real brachte die Fans auf. Der Frust saß viel tiefer. „Zu viele nutzlose Köpfe! Robespierre, wo bist du?“, hieß es auf einem Banner der Fanvereinigung Collectif Ultras Paris.

    Sie fordert schon lange den Abschied von Präsident Al-Khelaifi. Er solle zurücktreten, im Interesse „keiner Marke, keines Marketingprodukts – sondern unseres Klubs!“
    Wut und Protest kennen auch andere Großklubs: Bei Manchester United begehren die Fans gegen die visionslosen US-Besitzer auf. Der FC Bayern geht gerichtlich gegen Anhänger vor, um eine Debatte über das umstrittene Katar-Sponsoring zu vermeiden. Auch hier wieder ein Gefühl der Ohnmacht. Sind wir austauschbare Figuren auf einem globalen Monopoly-Brett? Sind unsere „Eyeballs“, die Maßeinheit für mediale Aufmerksamkeit, wichtiger als unsere Liebe und Loyalität?

    Harald Lange, 53, von der Universität Würzburg kennt diese Fragen. Der Professor mit den karierten Hemden und ausgebeulten Jeans passt nicht in die Glitzerwelt des Fußball-Biz. Er hinterfragt den Status quo. Lange beschreibt einen Teufelskreis: Wir laden Fußball auf mit Werten wie Treue, Fair Play, Loyalität und Solidarität. Vor allem das macht Fußball wirtschaftlich so interessant. Doch je mehr diese Bedeutung kommerziell ausgeschlachtet wird, desto mehr wird sie ausgehöhlt.

    Lange arbeitet derzeit an einer Studie zur Stimmung hinsichtlich der Winter-WM in Katar. In diesem Turnier spiegelt sich alles, was den Fußball der Gegenwart und wohl auch der Zukunft so frustrierend macht: seine Aushöhlung und Kälte. Die Studie zeigt, dass mehr als 80 Prozent der befragten Fans keine Vorfreude auf das Turnier spüren. Nicht einmal ein Drittel der Fußballfans will Spiele im TV anschauen. Auch weil dort Tausende asiatische Arbeiter beim Bau von Stadien zu Tode kamen. Und die Rechte von Menschen und Minderheiten nicht in dem Maße geachtet werden, wie es in Paris, München oder London selbstverständlich ist.

    Dann stellt Lange die Frage aller Träumer: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die WM-Vergabe eine Belohnung für jene Staaten wäre, die freiheitlich-demokratische Werte hochhalten? Und wenn Bewerber, die diese Werte missachten, offensiv scheiterten? Wäre auch der kommerzielle Wert des Fußballs nicht viel größer, wenn sich Sponsoren mit einer ethischen und nachhaltigen Plattform schmücken könnten? Hauptgeldgeber für die WM in Katar sind ein chinesischer Molkerei-Konzern und eine Kryptobörse. Die scheinen mit dem miesen Ruf der FIFA und ihrem Turnier kein Problem zu haben – sie haben ja selbst nicht den besten. Lange fragt: „Wie weit wollen wir das wirtschaftliche Wachstum des Fußballs noch treiben, bis wohin ergibt das noch Sinn?“

    Es geht wohl noch sehr viel weiter. Fans lieben, verzweifeln und verzeihen. Und kommen wieder. Selbst jene, die nur mit dem Insta-Herzchen dabei sind. Das macht den Fußball krisensicher und so wertvoll, zumindest als Geschäft. Und darum haben wir Fans wohl genau den Sport, den wir verdienen. Auch in Zukunft.

    Schade. Es wäre mehr drin gewesen.


  • Karl Ove Knausgård: «Ich kann meine alten Bücher nicht mehr lesen”

    Karl Ove Knausgård: «Ich kann meine alten Bücher nicht mehr lesen”

    Der norwegische Literatur-Superstar Karl Ove Knausgård über verschossene Elfmeter, Putins Krieg, die Schrecken des Klimawandels und warum er sein Werk für ein Desaster hält, das ihn nicht einmal finanziell ganz unabhängig gemacht hat.

    Hither Green, Süd-London, neun Uhr früh. Karl Ove Knausgård, 53, erscheint am Treffpunkt nahe dem Bahnhof. Solider Händedruck, scheues Lächeln. Mühsamer Small Talk über die Unberechenbarkeit des britischen Sommers, der schnell versandet. Knausgård – Literatur-Megastar und Idol der Intellektuellen – lebt hier mit seiner dritten Frau und sieben Kindern. Weltberühmt wurde der Norweger mit seiner brutal persönlichen Ich-Beschau im siebenbändigen Erzählzyklus «Mein Kampf», mit dem er Millionen Leser in den Bann zog. Nun ist sein neues Buch «Der Morgenstern» erschienen, der Auftakt zu einer Reihe von fiktionalen Romanen. Der Fotograf schlägt vor, zunächst Porträts in Knausgårds Nachbarschaft zu machen. Mit dem silber-weissen Haarschopf und den Skinny-Jeans wirkt der Hüne wie eine Birke, die durch ein fremdes Terrain aus Backstein, Barber-Shops und Billig-Cafés stakst. Seine Stimme ist weich. Er raucht Kette. Vielleicht bricht ja Small Talk über Fussball das Eis.

    Ihr Landsmann Erling Håland wechselt zu Manchester City. Haben Sie dem Fussballstar schon Tipps für das Leben in England gegeben?
    Karl Ove Knausgård
    : Leider nein. In Norwegen kennt man sich eigentlich. Doch Håland wuchs in einer eigenen, abgeschirmten Welt auf. Schade, ich würde ihn liebend gern treffen und über ihn schreiben.

    Was interessiert Sie besonders?
    Vor allem, wie er mit Druck umgeht. Ich bewundere Typen wie ihn. Karim Benzema von Real Madrid ist auch so einer. Der legt in der Nachspielzeit den Ball auf den Elfmeterpunkt und haut ihn rein – als wäre es die leichteste Sache der Welt.

    Wie ist es um Ihre Nervenstärke bestellt?
    Vor einiger Zeit war ich auf einer Kulturveranstaltung eingeladen. Die Gäste sollten bei einem spassigen Elfmeterschiessen mitmachen. Ich konnte nicht Nein sagen. Kaum hatte ich den Ball, spürte ich das Blut im Kopf rauschen. Alle schauten mich an. Mein Schuss ging vorbei, es war kläglich und furchtbar peinlich.

    Man trifft kaum noch Kettenraucher wie Sie. Treiben Sie Sport, spielen Sie selbst Fussball?
    Dafür fehlt mir die Zeit. Ich gehe hin und wieder ins Stadion, manchmal mit den Kindern. Ich mag diese ur-britische Erfahrung, den altmodischen, etwas ranzigen Selhurst Park von Crystal Palace, der mitten im Wohngebiet liegt. Es ist gleichzeitig furchtbar und schön. Aber ich habe auch nichts gegen die Arenen von Arsenal und Tottenham, die eher an Multiplexkinos erinnern.

    Funktionäre in Norwegen machen besonders offensiv Stimmung gegen die WM in Katar. Einer klagte, das Turnier finde auf einem Friedhof statt, in dem Tausende Stadionarbeiter begraben sind.

    So ist es wohl. Dieses Turnier fühlt sich falsch an. Es findet im Winter statt, das Land Katar hat keine Fussballkultur, hinzu kommt die Menschenrechtsproblematik. Die WM ist ein wichtiges Ereignis im Leben vieler Menschen. Furchtbar, dass das Leben aus dem Turnier gesaugt wird – wegen Gier und Korruption.

    Aber einmal ehrlich: Werden Sie die WM deshalb boykottieren und keine Spiele anschauen?
    Wahrscheinlich nicht. Die WM nicht zu verfolgen, wäre sehr hart für mich. Es ist dumm, aber so ist es.

    Auch Ihr neuer Roman «Der Morgenstern» ist düster. Dämmert der westlichen, liberalen Mittelschicht gerade, dass es mit dem angenehmen Leben endgültig vorbei ist?
    Das ist eine grosse Frage. Ich bin ja auch nur Teil eines Netzes, in dem alles mit allem verbunden ist. Wenn ich schreibe, spüre ich, wie die Welt gerade erschüttert wird. Früher war das nicht so, jetzt schon.

    Wie kommt das?
    Ich versuche in der Flut an Nachrichten zu verstehen, was wichtig ist. Das Buch nach «Der Morgenstern», das in Norwegen schon erschienen ist, spielt in Russland. Kaum war es veröffentlicht, begann der Krieg. Ich fühlte mich, als wäre ich persönlich betroffen. Es war furchtbar. Ich habe ein Event organisiert, auf dem Schriftsteller ukrainische Literatur lesen, um den Betroffenen eine Stimme zu geben. Ich dachte, ich muss etwas tun gegen das Gefühl der Hilflosigkeit. Vielleicht habe ich damit aber nur versucht, mich selbst zu trösten.

    Russland übt einen starken Reiz auf Sie aus. Sie haben einmal geschrieben, dass Wladimir Putins Aufstieg gelang, indem er die Geschichten der Vergangenheit so erzählt hat, dass sie das heutige Russland rechtfertigen.
    Russlands Literatur und seine Erzählungen haben mich früh fasziniert. 2018 war ich für eine Reisegeschichte für das Magazin der «New York Times» im Land unterwegs. Ich erlebte auch Demonstrationen, und schon damals spürte man, wie das Regime die Schrauben immer fester anzog. Aber ich verstehe auch, was Kissinger meint, wenn er sagt, es müsse für Putin einen Ausweg aus dem Konflikt in der Ukraine geben. Das klingt schrecklich, aber vielleicht müssen Politiker so unemotional auf die Lage schauen.

    Krieg, Atomangst, Klimawandel, Inflation, Ende der Globalisierung – was verbindet diese Krisen der Gegenwart?

    Sie interviewen leider keinen Philosophen. Ich bin überhaupt nicht qualifiziert, mich dazu zu äussern. Ich weiss nur, dass heute alles präsenter und schneller ist. Das steigert das Gefühl der Dringlichkeit. Und das ist etwas Künstliches. Wenn irgendwo eine Terrorattacke passiert, dann kannst du live zuschauen, aber es hat nichts mit dir zu tun. Trotzdem kriecht dir der Horror unter die Haut. Es ist eine neue Welt, und man muss lernen, mit ihr klarzukommen.

    Interview in Süd-London: Mein Gespräch mit Karl Ove Knausgård im Mai 2022 in Hither Green.

    Was ist Ihre grösste Furcht?
    Wahrscheinlich der Klimawandel. Er löst ein Gefühl der Hilflosigkeit aus. Wälder verschwinden. Pflanzen- und Tierarten gehen verloren. Und wir können nichts dagegen tun. Hinzu kommen neuen Technologien. Sie beherrschen alle Aspekte unseres Lebens. Und wir haben dabei nichts zu melden, niemand hat uns gefragt, ob das okay ist. Aber das ist die Struktur des Kapita- lismus, er muss immer wachsen und weitermachen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass auch viel Gutes vor sich geht. Wir können nicht abstreiten, dass wir nach wie vor in fast makellosen Zeiten leben.

    Plötzlich hat es Knausgård eilig. Sein Parkschein ist abgelaufen, er muss den Wagen umparkieren. Wir steigen in seinen blauen, mindestens zehn Jahre alten Citroën C3. Ein klappriger Kleinwagen, der schonungslos von seinem chaotischen Leben erzählt wie ein Kapitel aus «Mein Kampf»: zerknitterte Plastikflasche auf dem Boden, die Fussmatten vollgekrümelt, der Kindersitz befleckt mit Milch, Rotz und Tränen. Spuren des alltäglichen Gross- familienwahnsinns. Nach fünf Minuten Fahrt halten wir vor einem Doppelhaus im typisch viktorianischen Stil. Das Fenster im ersten Stock ist mit Büchern fast komplett zugemauert. Wir spazieren zu einem «Greasy Spoon», einem traditionellen Billig-Café nebenan. Drinnen trinken zwei Bobbys Tee, ein Bauarbeiter blättert in der «Sun». Knaus- gård holt pechschwarzen Kaffee und einen Aschenbecher.

    Einverstanden, dass niemand die Sorgen, Nöte und Phantasien des progressiven, mittelalten Mannes so treffend beschreibt wie Sie?
    So wird von aussen versucht, meine Arbeit zu definieren. Aber was ich beschreibe, kommt von innen, aus mir selbst. In «Mein Kampf» geht es um Identität und darum, was von dir als Mann und Vater erwartet wird. Zwangsläufig nimmt man damit eine Rolle an. Ja, natürlich bin ich ein mittelalter weisser Mann. Aber Identität ist eine soziale Konstruktion. Ich dachte, in «Mein Kampf» geht es nur um mich. Und dann – boom! – so viele Leute kamen und sagten: Du schreibst über mein Leben. Und das schafft nur Literatur: dass du etwas Intimes teilst, und andere fühlen sich dadurch an ihr eigenes Leben erinnert. Deshalb ist Gender und Geschlecht unwichtig. Ich kann eine Autorin lesen und mich selbst in ihrem Text fühlen. Das ist das Wunderbare an Literatur.

    Sie haben einmal geschrieben: «Ich lief durch Stockholms Strassen, modern und feminisiert, doch in mir tobte ein Mann des 19. Jahrhunderts.» Sind Sie das immer noch?Ja, sicher. Ich bin ein altmodischer Romantiker. Nicht, was die Liebe und Beziehungen betrifft, eher in meinem Schreiben. Oft kommt die Natur vor, und ich suche nach dem Edlen und Erhabenen.

    Sie führen mit Ihrer dritten Frau, Ihrer früheren Lektorin Micha Shivat, einen Haushalt mit sieben Kindern. Vier Kinder sind nach der Trennung von Ihrer zweiten Frau Linda Boström mit nach London gezogen. Zwei Kinder hat Ihre jetzige Frau. Mit ihr haben Sie noch einen dreijährigen Sohn. Ihr Tipp an alle Eltern einer Patchworkfamilie?
    Da habe ich keinen. Auch angehenden Schriftstellern kann ich keine Ratschläge geben. Die Wahrheit ist: Du musst deinen Weg selbst gehen. Ich kann dir keine Abkürzung aufzeigen.

    Haben Ihre Kinder die Trennung und den Umzug schnell verkraftet?
    Sie haben sich hier bald zurechtgefunden. In Schweden haben sie in einer sehr monokulturellen Gesellschaft gelebt. Hier ist alles multikulturell. Das gefällt mir. Als Kind in Norwegen war mein Horizont beschränkt. Meinen Kindern steht die Welt offen.

    Wie finden Ihre Kinder den Umstand, dass sie einen weltberühmten Vater haben?
    Sie haben keinen Bezug dazu. Berühmtheit ist ja relativ. Wenn wir in Schweden sind, sehen sie meine Bücher in den Läden, aber das war’s. Hier bin ich erst zweimal in einem Supermarkt erkannt worden. Ich kann ungestört leben. In Schweden wäre das anders, vor allem für meine Kinder. Jeder Lehrer, alle Mitschüler wüssten, wer ihr Vater ist.

    Sie haben in «Mein Kampf» die intimsten Momente Ihres Familienlebens fast schon ausgeschlachtet, sogar die Krankheit Ihrer manisch-depressiven Ex-Frau. Wie sollen Ihre Kinder das jemals verzeihen?
    Ich weiss es nicht. Mit Eltern umzugehen, ist von Natur aus schwer. Ich glaube, Thomas Manns Frau Katia hat gesagt: Du kannst dich über deine Eltern beschweren, bis du dreissig bist, aber danach kannst du ihnen für nichts mehr die Schuld geben. Ich werde die Reaktion meiner Kinder auf die Bücher akzeptieren und damit umgehen.

    Welche Reaktion würden Sie sich wünschen?
    Es ist eine grosse Last, dass meine Kinder in den Büchern vorkommen – und es wird ihr ganzes Leben lang eine Last sein. Aber vielleicht verändert sich ihre Wahrnehmung der Bücher im Laufe des Lebens. Ihre Reaktion wird anders sein, wenn sie als 19, 29 oder 39 Jahre alte Menschen darin lesen. Die Bücher sind voller Liebe für meine Kinder. Ich hoffe, dass sie auch das erkennen.

    Die liebliche Sommerhauswelt Schwedens haben Sie gegen ein Leben in der kalten Leistungsgesellschaft der Anglo-Sphäre getauscht. Ihr Fazit nach sieben Jahren?
    Was mich am meisten beeindruckt, ist das System der Klassengesellschaft. Und diese unglaubliche Kluft zwischen den Reichen, die so enorm viel haben, und den Armen, die so extrem wenig haben. Und dass dieser Umstand akzeptiert wird. Keine politische Bewegung hier fordert, das zu ändern. Es ist die Natur dieser Gesellschaft. Skandinavien ist viel egalitärer. Soziale Mobilität ist sehr wichtig und dass jeder dieselben Chancen hat. Freie Unis, kostenfreie Schulen, das steckt dort allen im Blut. Hier denkt man völlig anders. Ich mag, dass sich Gesellschaften so unterschiedlich organisieren können. Aber die Armut ist schockierend.

    Was ist das Beste an einem Dasein als Millionär?
    Ich bin nicht sehr reich. Nein, wirklich.

    Ach, kommen Sie, Sie haben Millionen Bücher verkauft.
    Ich habe eine Familie mit neun Mitgliedern zu versorgen. Ich habe ein Haus in London. Ich versuche einfach nur, den Kopf über Wasser zu halten.

    Ist Ihnen Geld wichtig?
    Ich wünschte, das wäre es. Dann würde ich vielleicht besser damit umgehen. Leider habe ich eine sorglose Beziehung zu Finanzen.

    Welchen Luxus gönnen Sie sich?
    Na ja, ein Besuch im Fussballstadion ist teuer. Und ich kaufe gern Kunst, nichts Extravagantes. Ich mag die Bilder von den schwedischen Malerinnen Mamma Andersson oder Anna Bjerge.

    Wann ist Ihr grandioser Erfolg eine Bürde?
    Nach meinen ersten beiden Büchern, die sehr erfolgreich waren, wartete ich fünf Jahre bis «Mein Kampf». Dann schrieb ich einfach drauflos, ohne nachzudenken, ohne Erwartungen. Aber selbst nach diesem Erfolg wurde ich nicht selbstbewusster. Ich muss jeden Tag aufs Neue dafür kämpfen. Zum Glück habe ich einen Lektor, mit dem ich schon meine gesamte Karriere zusammenarbeite. Ich schicke ihm am Nachmittag den Text, und am nächsten Morgen sagt er hoffentlich: Das ist gut, mach weiter.

    Lassen Sie sich von dem Rummel um Ihre Person noch immer blenden?
    Ich kann meine alten Bücher nicht mehr lesen. Manchmal glaube ich dem Hype und denke: Wow, das ist wirklich gut. Und dann schlage ich ein Buch auf, und ich muss erkennen: was für ein Desaster. Und beim Schreiben denke ich oft: Du bist am Arsch. Es ist hart, weil die Kritiker mir etwas einreden, aber ich sehe alle meine Schwächen – und so entsteht für mich dieses widersprüchliche Bild von mir selbst.

    Wann haben Sie zuletzt gedacht: Du bist am Arsch?
    Im Prinzip jeden Montag, wenn ich aus dem Wochenende komme. Ich brauche für das Schreiben den Flow, muss ganz im Augenblick leben. Wenn man die Erwartungen zu nahe an sich ranlässt, vermasselt man die Chance wie ein Torjäger, der einfach nicht trifft.

    Was ist das Beste am Älterwerden?
    Man ist weniger neurotisch. Alles ist leichter und entspannter.

    Was ist das letzte Tabu, über das Sie niemals schreiben würden?
    Es gibt viele. Wenn ich über lebende Menschen schreibe, gibt es Millionen Tabus.

    Wirklich?
    Ja, klar. Die Leute denken, ich war gnadenlos. Aber ich habe die Manuskripte an alle geschickt, die in den Büchern vorkamen. Viele haben gesagt: Das kannst du nicht schreiben. Aber es ging ja um mich. Wenn man Fiktion schreibt, sollte es allerdings keine Tabus geben.

    Sie sind auch Verleger und haben Christian Krachts Bücher in Norwegen herausgebracht. Tauschen Sie sich aus?
    An unser erstes Gespräch erinnere ich mich gut. Er rief mich an und fragte: Seid ihr rechts? Und ich sagte: Nein. Und er meinte: Okay, ihr könnt meine Bücher haben. Cooler Typ, dachte ich. Damals gab es ja die Debatte um angeblich rechtes Gedankengut in seinem Werk. Er hatte keine Lust, dass sich das wiederholt.

    Wo stehen Sie politisch?
    Ich bin unglaublich liberal, wenn es um Meinungsfreiheit geht. In Sachen Wirtschaft bin ich ein Kind der Sozialdemokratie. Der Wohlfahrtsstaat ist eine grossartige Erfindung.

    Welchen Betrag würden Sie darauf wetten, dass Sie irgendwann den Nobelpreis gewinnen?
    Ich weiss, dass ich auf diesen Wettlisten stehe. Ich werde aber niemals den Nobelpreis gewinnen. Das ist sicher. Ich habe nicht, was die Akademie sucht. Man sollte konstant gut sein. Wie Peter Handke. Er hätte ihn längst bekommen sollen. Auch Cormac McCarthy. Thomas Bernhard hätte ihn auch verdient.

    Jetzt wirken Sie unangenehm berührt.
    Ich mag Ihre Frage nicht. Es wirkt, als würde ich eine solche Debatte akzeptieren. Wahrscheinlicher als ein Nobelpreis für mich ist ein Weltmeistertitel im Fussball für Norwegen.

    Knausgård drückt die Zigarette aus. Die Sonne steht hoch, es ist fast Mittag. Um drei Uhr endet die Schule, dann holt er die Kinder ab. Er will jetzt schreiben, fünf Stunden lang, wie jeden Tag. Mittwochs läuft es meistens gut, das müsse man nutzen, meint er. Zum Abschied bittet er mich um einen Gefallen. Er hat zu Beginn unseres Gesprächs eine nette und belanglose Anekdote über ein Familienmitglied erzählt. Ich soll das bitte nicht erwähnen, sagt er. Natürlich nicht, verspreche ich. Es gibt also wieder Tabus – zumindest wenn es um seine neue Familie geht. Sein Gang federt, er stakst leicht nach vorn gebeugt hinein in die Londoner Suburbia. Bald hat ihn der Alltag verschlungen. ■


  • Das Phänomen “CR7”

    Das Phänomen “CR7”

    Die meisten Tore, das meiste Geld, die meisten Follower auf Instagram: Cristiano Ronaldo ist der mächtigste Influencer der Welt. Seine Rückkehr zu ManUnited wird die Premier League noch wertvoller machen – vor allem bei den Fans der Zukunft

    Erschienen in Sports Illustrated (Januar /2022)

    ES IST DER 27. AUGUST 2021, 16.51 Uhr Ortszeit. Im Hauptquartier von Manchester United, im idyllischen Vorort Carrington, schickt das Social-Media-Team einen Tweet in die Welt, der Sensationelles verkündet: Welcome home, Cristiano. Im Sekundentakt sammelt der Post Tausende Likes. Bald sind es zwei Millionen, dazu eine halbe Million Retweets. Drüben, auf Instagram, ist die Aufregung noch gewaltiger. Unter der Meldung, dass Cristiano Ronaldo zu Manchester United und in die Premier League zurückkehrt, leuchten 12,9 Millionen Herzchen. 

    Nie hatte die Meldung eines Sportclubs eine vergleichbar gigantische Wirkung und Reichweite. Typisch Ronaldo: Wo dieser Mann auftaucht, werden Rekorde gebrochen. Selbst (oder erst recht) wenn er nur virtuell in Erscheinung tritt. Und dass die Marke CR7 die größte Nummer in der Welt der Unterhaltungsindustrie ist, lässt sich nun auch in Daten belegen. Durch den Hype crashte sogar die Homepage von Manchester United. Doch das dürfte nur die IT-Abteilung gestört haben. United-Chef Ed Woodward und die Kollegen vom Marketing waren hingegen sehr zufrieden. In den „Ronaldo- Effekt“ investierten sie mindestens 60 Millionen Pfund. 

    Viel Geld für einen Spieler, der im Februar 37 Jahre alt wird? Ach, was: CR7 wird jeden Penny wert sein! Daran haben Experten keinen Zweifel. Und das bemerkte auch der amerikanische Clubbesitzer Joel Glazer umgehend. An der New Yorker Börse sorgte der Transfer für einen Kurssprung der Aktie von Manchester United PLC. Glazers Club war auf einen Schlag fast 300 Millionen Dollar mehr wert. 

    „Der Transfer ist kommerziell schon jetzt eine Erfolgsgeschichte für ManU. Und auch die Premier League wird davon profitieren, dass sie mit Ronaldo das wertvollste Asset der gesamten Industrie in ihrem Portfolio hat“, sagt Dan Plumley, ein Sportökonom der Hallam University in Sheffield. Denn CR7 liefert viel mehr als Tore. Er bringt Reichweite und Aufmerksamkeit. Und dadurch sehr, sehr viel Geld. 

    NIEMAND HAT MEHR Follower auf Instagram als Ronaldo; Millionen mehr als Mega-Influencer wie Kylie Jenner oder der Filmstar The Rock. Über alle Netzwerke erreicht CR7 600 Millionen Fans – zweimal die Bevölkerung der USA. In der Social-Media-Ära beeinflusst diese Marktmacht das gesamte kommerzielle Ökosystem des „English Football“, eine der lukrativsten Sparten der globalen Unterhaltungsindustrie. Die Rückkehr des GOAT – des „Greatest Of All Time“ – ist somit auch eine Investition in die Zukunft der Premier League. Damit sie ihren Status als populärste Liga der Welt festigen kann.

    Doch wie genau funktioniert das Geschäft mit dem mächtigsten Influencer? Wie verändert der King of Bling die Machtverhältnisse seines Sports – vielleicht auch die in der Bundesliga? Und wer könnte Ronaldo als wertvollster Sportler aller Zeiten nachfolgen? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, sollte sich zunächst in Italien umhören. Bei jenem Club, der die Ronaldo-Economics genau studieren konnte.

    Juve-Präsident Andrea Agnelli, 45, ist ein Mann mit einem Oxford-Abschluss und einem Faible für schwarze Armani-Anzüge. Der Spross der berühmten Unternehmerfamilie Agnelli (Fiat) denkt immer ganz groß, wenn es um Sport und Business geht. Er war auch eine treibende Kraft der gescheiterten europäischen Superliga. Für mehr als 100 Millionen Euro holte er Ronaldo 2018 von Real Madrid zur „alten Dame“. Eine halbe Million Euro netto pro Woche bezahlte er seinem Mega-Star. Der lieferte zuverlässig Tore, es waren 101 in 134 Spielen – eine herausragende Quote. Das reichte für zwei nationale Meisterschaften, doch in der Champions League kam Juve nie über das Viertelfinale hinaus. Das Team konnte CR7 sportlich nicht nachhaltig inspirieren. War der Kauf also ein Flop?

    „Keineswegs“, sagt Agnelli, „ich würde ihn morgen sofort wieder holen.“ Trikotverkäufe, Follower auf Social-Media-Kanälen, Erlöse durch neue Sponsoren-Deals – die Zahlen konnten in diesen Geschäftsfeldern teilweise verdoppelt werden. Auch stärkte der italienische Traditionsclub seine globale Strahlkraft. Agnelli betont, er habe mit Ronaldo nicht nur Juventus, sondern der gesamten Serie A ein Geschenk gemacht. „Wir haben ihn nach Italien gebracht, und allein durch seine Präsenz konnten die anderen Clubs vier Millionen Euro mehr an Ticketverkäufen einnehmen.“

    Insofern war der Ronaldo-Transfer ein sehr gutes Geschäft. In der Kabine fällt die Bilanz weniger euphorisch aus. Dass sich der Eigenbrötler über Regeln hinwegsetze, hörte man auch bei Juve immer wieder. Europameister Leonardo Bonucci klagte, Ronaldos Anwesenheit habe die Mannschaft enorm beeinflusst. Man habe sich aber dadurch zu sehr auf ihn verlassen. „Es wäre besser gewesen, er wäre früher gegangen. Dann hätten wir uns darauf vorbereiten können.“

    Kaum ein Prominenter ist so präsent wie Ronaldo. Doch der menschliche Kern der Marke CR7 bleibt rätselhaft und kaum zu ergründen. Selbst langjährige Wegbegleiter können nur den Sportler beschreiben, sozusagen die Bühnenpersönlichkeit: Er hat totales Vertrauen in seine Fähigkeiten (Paul Clement, sein Ex-Co-Trainer bei Real). Er bringt mehr Opfer für den Erfolg als jeder andere (Rio Ferdinand). Totale Hingabe, totales Commitment, totale Plackerei (Nicky Butt). Man musste ihn zwingen, mit dem Training aufzuhören (Sir Alex Ferguson).

    Doch selbst für jene, die täglich mit ihm Kabine und Kantine teilten, ist Ronaldo mehr Phänomen als Person. Sami Khedira erinnert sich: Nach seiner Ankunft in Madrid habe er Ronaldo mal gefragt, ob er ein paar Restaurant-Tipps für ihn habe. Eher nicht, sagte der Portugiese. Er esse meistens zu Hause.

    Auch nach der Rückkehr zu seinem „Herzensclub“ United wurde deutlich, dass er anders tickt – und anders ticken darf. Es gehört in England zur Tradition, dass sich neue Spieler zum Gespött der Gruppe machen, indem sie der Mannschaft ein Lied vorträllern. So wird jedes Ego geerdet. Nicht so bei Ronaldo. Stattdessen hielt er nach seiner Rückkehr eine Motivationsrede wie ein Vertriebs-Guru. „Um der Beste zu sein, brauchst du die Besten um dich“, hat er einmal gesagt. Es dürfte auch das Motto seiner Antrittsrede gewesen sein.

    Mit 18 Jahren kam Ronaldo als schüchterner Schlaks von Sporting Lissabon nach England. Heute ist er ein muskelbepackter Modellathlet und mitunter eine Zumutung für die Kollegen. Stets verlange er nach Quinoa und Eiern, den Nachtisch rühre er aber nie an, hat ein ManU-Insider beobachtet. Durch die Anwesenheit des gnadenlosen Selbstoptimierers und Ernährungsfreaks sei den Spielern nun auch noch der Appetit auf den früher beliebten Sticky Toffee Pudding vergangen.

    Seine Mitspieler mag der Mann, der seinen Körper nach dem klassischen Ideal des griechischen Gottes modelliert hat, mitunter mächtig nerven. Doch nicht nur was seinen sportlichen, auch was seinen kommerziellen Ehrgeiz angeht, können die größten Stars noch von ihm lernen.

    Sonnenbrillen, Unterhosen, Parfüm, Mode, eine Hotelkette und Kliniken für Haartransplantationen werden unter dem Label CR7 geführt. Sogar eine ägyptische Stahlfabrik wirbt mit seinem Gesicht. Negative Schlagzeilen nach Vergewaltigungsvorwürfen und einer Strafe wegen Steuerhinterziehung konnten der Marke nicht schaden.

    Lionel Messi mag mehr Talent haben, doch Ronaldo hat mehr Hingabe bewiesen, um sein Potenzial auszuschöpfen. Messis Botschaft lautet: Auch du kannst Glück und Talent haben. Ronaldo verspricht: Du musst nur noch härter arbeiten, um so zu sein wie ich. Das ist der Markenkern von CR7. Und trifft offenbar den Zeitgeist.

    „Die Ära der sozialen Medien produziert neue Arten von Sportstars. Es sind Influencer, die durch ihre gesamte Persönlichkeit und Lebenswelt attraktiv wirken“, sagt Dan Plumley. Auch Maradona war ein Gigant, doch er war der „Pibe de Oro“, der Goldjunge, einer anderen Zeit. Die Verehrung war auch das Resultat dessen menschlichen Kampfes gegen die inneren Dämonen.

    Ronaldos Kosmos wirkt im Vergleich entrückt, makellos, glatt. Wie es Social-Media-Narzissmus und Influencer-Marketing verlangen. Auch die Instagram-Einblicke in das Familienleben mit Ehefrau Georgina Rodríguez und den vier Kindern sind so perfekt poliert wie die Kühlerhaube seines schneeweißen Monster-SUVs „Cullinan“ von Rolls-Royce. Vor allem sind die Online-Kanäle aber Schaufenster für die Produktpalette des CR7-Imperiums. Mit einem Instagram-Post verdient Ronaldo 1,6 Millionen Dollar, schätzen Experten. Wahrscheinlich wird nie ein Verein so viel kommerzielle Wucht erreichen. Nicht einmal Manchester United, und der Club gilt – zumindest was die globale Popularität angeht – bereits als größter Verein der Welt mit einer geschätzten Fan-Gemeinde von einer Milliarde Menschen. Doch das besitzt heute eher romantischen Wert. Spiegelt sich Popularität nicht in Online-Reichweite wider, lässt sich mit ihr kaum Geld verdienen – zumindest hat sich diese Ansicht bei United durchgesetzt. Wie bei Juve hat Ronaldos Strahlkraft auch United Millionen neue Follower gebracht. Und dem Club einen Trumpf beschert, wenn neue und bestehende Sponsoren-Deals – etwa mit dem Ausrüster Adidas – verhandelt werden.

    Vor allem sollen aber die Fans der Zukunft in den Wachstumsmärkten in China und Indien gewonnen werden. Und die können mit der fußballromantischen, europäischen Idee der „Vereinsliebe“ wenig anfangen. Studien sagen, dass in Fernost die Fans vielmehr Spielern als deren Vereinen folgen. Es sei das Modell NBA. Auch in Amerikas Basketball-Liga wechseln die Fans mit den Spielern die Clubs. Etwa wenn ein Superstar wie LeBron James von Miami Heat zu den Cleveland Cavaliers und dann weiter zu den Los Angeles Lakers zieht. „Wir sehen dasselbe bei immer mehr jungen Fans im Fußball. Sie verehren den individuellen Star, nicht den Club“, sagt auch Ehsen Shah, ein Sportmarketingexperte, dessen Agentur B-Engaged Fußballprofis berät.

    Und darum ist die Rückkehr Ronaldos nach England auch strategisch entscheidend. Erstmals wurden die nationalen TV-Verträge, mit denen sich Liga und Clubs hauptsächlich finanzieren, bis 2025 abgeschlossen. So will man langfristig Einnahmen absichern und finanzielle Risiken durch die Pandemie mindern. Das heißt aber auch: Zu Hause ist der Markt weitgehend ausgereizt.

    Doch Ronaldo begeistert auch in Mumbai und Shanghai. Nach seiner Ankunft bei Juventus stieg das Interesse an dem Verein in China um 70 Prozent. Manchester United und die Premier League hoffen auf einen ähnlichen Effekt, um neue Erlösquellen in Fernost auszuschöpfen. „Nachdem mit Messi, Neymar und Mbappé die anderen großen Weltstars in Frankreich spielten, war die Premier League im Zugzwang dagegenzuhalten“, sagt Sportökonom Plumley. Nun hat die Liga mindestens noch zwei Jahre ein Juwel, das Clubs und Liga noch mehr Glanz verleiht. Doch langfristig könnte der überdrehte Star-Kult ein Problem für das System werden.

    „Ronaldos Erfolg lässt sich nicht beliebig reproduzieren. Aber jeder angehende Superstar weiß, dass er heute viel wertvoller als sein Club werden kann“, sagt Experte Plumley. Und nennt Kylian Mbappé oder Erling Haaland als Kandidaten, die zu Ronaldo aufschließen oder ihn vom Olymp des Sportkommerzes verdrängen könnten. Doch wie blickt man in Deutschland auf das überdrehte Milliardenspiel um Tore, Dollars und Likes?

    Anruf bei Andreas Rettig, 58, dem ehemaligen Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga. Der Guru der Fußballromantiker ist auf dem Weg zu einer Schulung der Jugendmannschaften des 1. FC Köln. Es geht um Menschenrechte und die WM in Katar. Das Ziel: „Den jungen Menschen erklären, dass es nicht immer nur ums Gewinnen geht.“ Eine typische Rettig-Veranstaltung also.

    Die zunehmende kommerzielle Macht der Spieler betrachtet der Manager mit Sorge. „Immer mehr wollen größere Stücke vom Kuchen abhaben, neben den Vereinen auch die Spieler selbst und deren Berater und Anwälte. So wird das Stück für die Vereine immer kleiner.“

    Mehr noch: Spieler stünden wirtschaftlich zunehmend in Konkurrenz zu ihren Clubs. Dadurch werde den Vereinen Geld entzogen, das sie nicht anderswo investieren können: in Nachwuchsförderung und Infrastruktur etwa. Also in den Kern des Sports. „Spieler reinvestieren ja nichts“, sagt Rettig, „sie entziehen dem System das Geld.“ Langfristig könnte das die Basis aushöhlen.

    DASS RONALDO als Verkörperung des totalen Fußballkommerzes von Traditionalisten abgelehnt wird, hat den Star noch nie gestört. „Eure Liebe macht mich stark, euer Hass unaufhaltbar“, lautet seine Antwort auf Kritiker. Zumal jeder Influencer auch von Reiz, Lärm und Spaltung lebt. Und Ronaldo wird auch dafür zuverlässig sorgen.

    Bei Nike ist man deshalb sicher, dass CR7 ein Leben lang viele Millionen Menschen begeistern und viele Millionen Dollar erlösen wird. Selbst dann, wenn er nicht mehr spielt. Wie bei Michael Jordan wurde mit Ronaldo schon 2016 ein Vertrag abgeschlossen, der noch Jahrzehnte nach dem Karriereende Einnahmen bringen wird. Insgesamt soll der Deal eine Milliarde Dollar wert sein.

    Ronaldo hat einmal gesagt: „Ich lebe einen Traum, aus dem ich nie erwachen will.“ Dasselbe könnten auch United und die Premier League sagen. Und alle anderen, die Geschäfte mit dem „Größten aller Zeiten“ machen.


  • Putins Endspiel

    Putins Endspiel

    Die Hoffnungen waren vergebens: Russlands Präsident hat der Ukraine den Krieg erklärt. Russische Panzer rollen gen Westen. Es ist das Ende der europäischen Friedensordnung, wie wir sie kennen. Doch die Ukrainer wollen um ihre Freiheit kämpfen. Wie weit ist Putin bereit zu gehen?

    Erschienen in Focus Magazin (25/02/22)

    Es ist kurz vor Sonnenaufgang gegen vier Uhr, als ein lauter Knall die Stadt erschüttert. Eine Bombe ist nahe des Kiewer Flughafens Borispol eingeschlagen. Bis ins Zentrum ist die Detonation zu hören. Sie reißt die Bewohner der Millionenmetropole aus den Betten. Ohnehin haben nur wenige in den Schlaf finden können. Viele haben geahnt, was kommt: ein neuer, großer Krieg. In der Ukraine. Mitten in Europa.

    In den folgenden Stunden passiert, was viele bis zuletzt nicht glauben wollten: Russlands Präsident Wladimir Putin hat eine umfassende Invasion der Ukraine gestartet. Bomben fallen auf Städte im Süden und Osten des Landes. Panzer rollen in die Ostukraine, auch aus Belarus. In Kiew heulen die Sirenen. Auf der Stadtautobahn staut sich früh am Morgen, viel früher als üblich, der Verkehr. Tausende flüchten aus der Metropole. Andere suchen in Kellern Schutz.

    Putin hat es getan – die mutmaßlich größte Militärattacke in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Sanktionen und fieberhafte Diplomatie, nichts hat ihn davon abgehalten. Es ist die endgültige Zäsur in der europäischen Friedensordnung nach dem Ende des Kalten Krieges. Noch während der UN-Sicherheitsrat tagte, kündigte Putin in der Nacht mit blassem, grimmigem Gesicht eine „Spezialoperation“ in der Ukraine an, um einen angeblichen Genozid an Russen zu verhindern.

    „Wir streben deshalb die Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine an und werden diejenigen vor Gericht bringen, die sich der mannigfachen, blutigen Verbrechen an der friedlichen Bevölkerung schuldig gemacht haben, darunter auch an den Bürgern der Russischen Föderation.“ Es klang nach Rache, nach unbändiger Wut und nach weiteren, vielleicht vielen Opfern eines Krieges, der schon 13 000 Ukrainer das Leben gekostet hat.

    Menschen wie Anton Sidorow, der vorige Woche bei einem russischen Granatenangriff in der Ostukraine starb.

    Es ist der Montag vor dem russischen Einmarsch. Ein Nebel aus Weihrauch zieht durch die Kapelle. Ikonen glänzen im flackernden Kerzenlicht. In einem offenen, mit weißer Seide ausgekleideten Sarg ist der Leichnam Sidorows aufgebahrt. Er trägt eine Camouflage-Uniform, auf seiner Brust liegt der Militärausweis. Der Vater von drei Töchtern wurde 35 Jahre alt.

    In der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit neben dem Kiewer Olympiastadion nehmen Familie und Kameraden Abschied von dem Mann, den sie einen „Patrioten“ nennen. Und einen Helden, der im Kampf für die Heimat sein Leben gab. Frauen mit schwarzen Kopftüchern bekreuzigen sich vor dem Sarg. Ihre Augen sind von Tränen gerötet. Ein Chor singt eine letzte Fürbitte. Dann läuten Kirchenglocken. Soldaten in Paradeuniform schultern den Sarg und tragen ihn hinaus, ins Licht der Mittagssonne.

    „Anton war ein großer Mann“, sagt Witali Dowhan, 52. Auch Dowhan ist Soldat, in der Hand hält er einen Strauß roter Nelken. Gemeinsam harrte er mit Hauptmann Sidorow in den Schützengräben des Donbass aus. Seine Botschaft an den „Feind“: „Wir werden unser Land weiter beschützen. Wir haben keine Angst.“ Dowhan hat natürlich gehört, was Putin kurz zuvor fernsehöffentlich gesagt hatte: Er hat dem Nachbarland das Recht auf eine eigenständige Existenz abgesprochen und stattdessen die ostukrainischen Separatistengebiete Donezk und Luhansk als unabhängige Republiken anerkannt. Das Minsker Abkommen, in dem Deutsche und Franzosen mühseligst einen Waffenstillstand ausgehandelt hatten, wurde damit obsolet.

    Die Ukrainer, lange Zeit ihrer eigenen Identität gar nicht so gewiss, lässt Putins Vorgehen noch enger zusammenrücken. Als in Kiew der Sarg Sidorows in einem Jeep vor dem Verteidigungsministerium vorfährt, salutieren Hunderte Soldaten. Mächtige hellblau-gelbe Banner flattern im Wind. Das Sturmgewehr fest umgriffen, bewachen Soldaten das Ministerium. Ein Bild des Offiziers wird später die Mauer des Michaelsklosters schmücken. Dort erinnern Tausende Porträts an die „gefallenen Verteidiger der Ukraine im russisch-ukrainischen Krieg“. Es ist eine Wallfahrtsstätte der Trauer, an der die Ukrainer der Menschen gedenken, die seit 2014 im Konflikt mit Russland gestorben sind. Mehr als eine Million Menschen verloren ihre Heimat.

    Ich werde aber niemals zur Waffe greifen, schließlich bin ich ein Mann Gottes

    Priester Oleksandr Sorokin

    Nun droht vielleicht ein noch größeres Blutvergießen. Priester Oleksandr Sorokin, 43, blinzelt nach dem Trauergottesdienst in den frühlingshaften Himmel. Viele Menschen haben in den vergangenen Tagen Trost bei ihm gesucht. Hilft jetzt nur noch beten? „Natürlich sind wir besorgt. Ich werde aber niemals zur Waffe greifen, schließlich bin ich ein Mann Gottes“, sagt Sorokin und streicht über das goldene Kreuz auf seiner Brust. Der Geistliche zog kurz nach der russischen Annexion der Krim aus der Hafenstadt Cherson nach Kiew. Hier lernte er den gläubigen Hauptmann Sidorow kennen. Dieser wurde sogar landesweit bekannt, nachdem er in einer TV-Show traurige Soldatenlieder geschmettert und das Publikum damit zu Tränen gerührt hatte.

    Sorokin, der Priester, muss in diesen Tagen viel Trost spenden. Die Ungewissheit belaste die Menschen. „Mit Gottes Hilfe können wir das meistern“, glaubt er. Doch selbst ihm ist klar, dass Gottvertrauen allein nicht reicht. „Die Welt darf uns nicht im Stich lassen“, appelliert er. „Unsere Verbündeten müssen uns beistehen, sonst können wir uns nicht wehren.“

    Im Westen Kiews, im Viertel Schuljawska, macht sich Sergiy Welichanski, 50, bereit für den Kampf. Er hat eine Camouflage-Uniform angelegt. Der Business-Coach sieht müde aus, er hat kaum geschlafen. Er gehört zu einer Freiwilligenbrigade, die Kiew gemeinsam mit der Armee verteidigen soll. Am Morgen nach der Invasion wird er einberufen. Er hat eine Telegram-Nachricht erhalten von seinen Kommandeuren. Nun passiert, worauf er sich die vergangenen Monate vorbereitet hat. Er wird eine Waffe bekommen, um sein Viertel zu verteidigen. „Ich werde nicht zulassen, dass Russen ihre Stiefel auf die Straßen meiner Heimat setzen. Wir werden ihnen in ihre Ärsche treten.“

    Die nahe gelegene Metrostation hieß früher „Bolschewik“ und war ein kommunistisches Monument. Ein Mosaik aus Kacheln zeigt noch immer einen Arbeiter, der ein Atom in der Hand hält. Doch alle russischen Inschriften wurden herausgeschlagen. Die alten Parolen „Arbeit“, „Brüderlichkeit“ und „Frieden“ sind nur mehr auf Ukrainisch zu sehen. Ein Gesetz schreibt Ukrainisch als quasi einzige akzeptierte Sprache im öffentlichen Raum und im Schulunterricht fest – bei Verstößen droht ein Bußgeld.

    Die Bürgerwehren, erzählt Welichanski, bekamen zuletzt großen Zulauf. Sie sollen jetzt, im Kriegsfall, vor allem wichtige strategische Punkte verteidigen. Erst im Januar wurde ein Gesetz verabschiedet, das eine Freiwilligenarmee mit einer Stärke von 10 000 Männern und Frauen vorsieht. Oberster Kommandeur ist General Yuri Galuschkin, der 2014 in der Schlacht um den Flughafen von Donezk gegen die Separatisten kämpfte.

    Wenn ich kämpfe, bleibt es vielleicht meinem 23-jährigen Sohn erspart. Er hat doch noch sein ganzes Leben vor sich

    Sergiy Welichanski, Kämpfer der Territorialen Verteidigung

    Welichanski hat sich ein Armeemesser, eine Uniform und einen Magazingürtel zugelegt. Rund 700 Dollar hat er in seine Ausrüstung investiert. Dass Deutschland Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnt und nur gebrauchte Helme anbietet, regt ihn auf. „Das ist ja wohl ein schlechter Witz“, poltert er. Bei der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine arbeitete er als Talkshow-Host.

    In den vergangenen Wochen hat er auf einer Schießbahn das Feuern mit der Kalaschnikow trainiert. Jeden Samstag mit Hunderten anderen Freiwilligen, darunter Anwälte, Architekten und Marketingexperten, in einem verlassenen Fabrikgelände den Guerillakrieg geübt. Die Kommunikation läuft über geschlossene Telegram-Kanäle. Die Stimmung in der Truppe fasst er so zusammen: „Bei den Maidan-Protesten 2014 waren wir bereit, für unser Land zu kämpfen. 2022 sind wir bereit, für unser Land zu sterben.“ Seine Freundin schickte er vorsichtshalber in einen langen Urlaub nach Sri Lanka. Dass er sich für den Dienst an der Waffe meldete, hat auch einen persönlichen Grund: „Wenn ich kämpfe, bleibt es vielleicht meinem 23-jährigen Sohn erspart. Er hat doch noch sein ganzes Leben vor sich.“

    Kiew, das ist jetzt eine Metropole im Kriegszustand. Wo Anfang der Woche die Bars noch voll, von Panik nichts zu spüren war – am Donnerstagmorgen nach Putins Angriff stehen Menschen Schlange an Geldautomaten und Tankstellen. Am Mittwochabend schon verlassen die letzten Flüge die Stadt; Gerüchte machen die Runde, dass der Flugverkehr bald eingestellt werden könnte. In der Metro ist erstmals etwas von der Anspannung zu spüren. Niemand sagt auch nur ein Wort. Stattdessen starren die Passagiere auf ihre Smartphones und versinken in einer virtuellen Welt zwischen Panik und Pop: Der finstere Putin. Ein glühender Atompilz. Schmink-Tutorial von der Beauty-Influencerin.

    Am Maidan-Platz treffen wir den Reservisten Anton Goloborodko. Vor acht Jahren, im Februar 2014, erlebte Kiew hier den blutigsten Tag seines Aufstandes gegen die alten Sowjetstrukturen. Der von Putin gestützte Präsident Wiktor Janukowitsch jagte Spezialeinheiten auf die Protestler. Mehr als hundert starben, jedes Jahr, wird der „Himmlischen Hundert“ gedacht. Goloborodko kommandiert eine Freiwilligen-Brigade. Vor fünf Jahren kämpfte er im Donbass, und eigentlich will er nicht zurück in den Krieg. Doch kneifen werde er nicht, er sei ja kein Feigling. Er spricht aus, was viele seiner Landsleute über Putin denken: „Der Mann ist verrückt – ihm ist alles zuzutrauen.“

    Am nächsten Morgen wartet Alina Michailowa, eine Kiewer Stadträtin, auf einen Bus, der sie mit anderen Reservisten nach Awdijiwka bringt. Die Stadt liegt 18 Kilometer von Donezk entfernt, direkt an der Front. Seit Jahren tobt hier ein blutiger Stellungskrieg. In der Gegend starb auch Sidorow, der Hauptmann. Wie eine Kämpferin sieht Michailowa mit ihren langen schwarzen Haaren und dem gestylten Äußeren nicht aus. Bei der Sicherheitskonferenz in München hatte sie noch mehr Unterstützung für ihre Heimat gefordert – auch Waffen. Doch viele hätten nur zögerlich reagiert, klagt sie. Die 27-Jährige freut sich, ihren Ehemann an der Front zu sehen. Der ist eigentlich Maler und hört auf den Kampfnamen „Da Vinci“. Er kämpft als Kommandeur der ultranationalistischen Miliz „Prawyj Sektor“ (Rechter Sektor) gegen die Separatisten.

    Nun will Michailowa wie schon in den Jahren zuvor als Sanitäterin Verwundete versorgen. „Ich habe keine Angst“, sagt sie trotzig. „Ich würde niemals meine Brüder und Schwestern alleinlassen.“ Dann verschwindet ihr Bus im Stadtverkehr, auf der Fernstraße 03 Richtung Osten, in den Sonnenaufgang. In den Krieg.


  • The Taliban Influencer

    The Taliban Influencer

    Before they took Kabul, the Islamists took the internet. A jihadi social media star reveals how his smartphone has become mightier than the AK-47 

    Published in Focus Magazin (Germany) in October 2021

    He grins and waves at camera. “Peace be upon you!” greets the Talib in his local Pashto language, stroking his black beard. The noise of car horns and the calls of the muezzin blare in the background. It is just after midday in Kabul and the man who calls himself Uqab Afghan has finished his guard duty. Now he has time for a video call via Whatsapp.

    Uqab Afghan means “Afghan eagle” but the man’s real name is Mullah Muhamad Rasol. He is 28 years old, married and father of two daughters and a son. He was born and raised in a village in Parwan province, one hundred kilometers north of Kabul, and has been fighting as a ‘simple soldier’ for the Taliban since he was 18.

    Rasol has been policing the streets of Kabul since the Islamists took control of the country in mid-August. And he also works for the Taliban’s media department, which is becoming more important and professional. The new Islamic Emirate has been using a new weapon to great effect, a weapon that could be mightier than a Kalashnikov or a suicide bomber: the smartphone.

    Afghanistan is one of the poorest countries on earth, yet internet usage has surged in recent years. About 40 percent of Afghans have access to the Internet and 90 percent to a mobile phone, a study from 2018 found. ‘Social media, no longer merely a novelty or plaything of the rich, had become a pillar of Afghan civic life’, says a report by the Atlantic Council.     

    To secure their power the Taliban increasingly rely on digital propaganda distributed via social media. Therefore Rasol has been running Taliban accounts on Facebook, Instagram and Twitter long before they conquered the entire country. Some accounts were blocked when platforms took action against his propaganda, which cost him many thousands of followers, as he complains. But at the moment he can spread photos, YouTube videos and audio messages almost without restrictions.  

    The tweets he sends under his nom de guerre show the Taliban handing out candy in the streets or flying captured Black Hawk helicopters. There’s an image of schoolgirls sitting as faceless figures wrapped in black veils in a classroom and images. And he documented a visit of a Taliban delegation in Katar on Twitter. Rasol also puts himself into some pictures. In one shot he sits in a TV studio, in another he poses with an M4 assault rifle and tweets cheekily a smiley with the words “Let’s go!”

    Muhamad Rasol essentially runs a digital marketing campaign for the new Afghan Emirate. You could call him one of the first Taliban influencers. And the fact that he gives interviews to Western media is part of the Islamist’s rebranding campaign.

    There is a particular hardness in Rasol’s face. For most of his life he has only seen war, death and misery. But his demeanor also exhibits the vanity of the social media narcissist. ‘There is jihad with guns and jihad with words. The intellectual jihad is much more effective,’ he says. 

    Rasol sounds relaxed and clearly enjoys the attention. He seems to be flattered that journalists from all over the world want to speak to him. In his eyes that makes the Taliban’s victory, and his personal victory, even greater.

    According to analysts the work of Rasol and other media activists was crucial for the Taliban’s triumph that shocked the West. ‘Today’s Taliban are extremely tech-savvy and familiar with social media – they have nothing in common with the Islamists of 20 years ago,’ analyst Rita Katz, who studies online extremism for the SITE Intelligence Group, recently told the Washington Post. In just nine days, 70,000 Taliban overran the country and defeated a 300,000-strong Afghan army that surrendered almost without a fight.

    In fact, the Taliban had meticulously planned their final campaign and with an emphasis on psychological warfare. According to a study by the magazine Wired around 38,000 propaganda messages were published online in the year before the American withdrawal and the conquest of Kabul. Every attack, small or big, was stylized online as further proof of the impending victory, which created a sense of momentum and inevitability. 

    Smartphone videos of victorious commanders and humiliated prisoners spread rapidly on WhatsApp channels among the local population. With every meter of territory the Taliban conquered the propaganda tsunami grew – and eventually swept away nearly all resistance. As a result it was tweets and posts that led to the fall of Kabul – not bullets.

    The extremists understood the famous dogma of the Chinese military strategist Sun Tzu who famously said that ultimate victory is to break the enemy’s resistance without fighting. 

    Since holding power the Taliban have changed the narrative of their communication. The new rulers want to present themselves as a forgiving force that brings stability and order. Their reputation as stone age Islamists originated in their draconian rule until 2001, with public executions and a ban on music and film. Today’s Taliban portray themselves as moderates – at least by their standards.

    But online there is also ample evidence that shows the opposite. There are clips depicting executions and kidnappings of opponents. Many Afghans were particularly shocked by the murder of the popular comedian Khasha Zwan, a social media star, who made fun of everything and everyone on TikTok, including the Taliban, and was filmed on the way to his execution.

    ‘All enemies have been forgiven,’ says Rasol, ‘we don’t want to intimidate anyone”. Rather, he wants to point out ‘the good deeds’ that the Taliban do every day and which he claims to be overlooked by the Western media.

    Twitter, however, has only half-heartedly prevented the Taliban from spreading their propaganda as long as their posts don’t violate the network’s guidelines. Conservative politicians in the USA complain that Donald Trump has been excluded from Twitter while Taliban spokesman Suhail Shaheen, who has half a million followers, has been able to make the network his most important communication tool.

    But that’s not the only dilemma the social media companies are facing. The Taliban rely on social media to govern the country and to provide security. When Facebook blocked official Taliban accounts on WhatsApp a hotline for victims of violence was also no longer available, which had been criticised by aid workers.

    But according to experts that should not mean that the Taliban’s communication should be less regulated. Analyst Rita Katz warns: Even propaganda that does not violate the rules of the networks fuel an ‘extremely dangerous and militant global Islamist movement.’

    The fact that the technology of the archenemy works to their advantage is ‘a particular pleasure,’ says Rasol. ‘We love it when we can turn our enemies’ weapons against them.’ The Talib learned to read and write in a madrassa, a Koran school. His father was a mujahideen who had fought against the Soviets. Rasol’s dream has always been to become a mujahideen and to fight for the Taliban.

    In all these years he never got a salary, says Rasol. The fighters were given food by villagers. His brother runs a business and provides for the entire family. One brother works, two brothers fight, that’s how it is in many families, he says. His first cell phone was an old Nokia which he felt a little ashamed of. Now he owns a cheap Samsung smartphone with a data package setting him back 120 afghanis per month, around € 1.50 euros. 

    Does he watch Youtube or Netflix? Does he like Kim Kardashian’s or Cristiano Ronaldo’s posts on Instagram? Is he exploring the wacky, Western and utterly un-Islamic world of digital media?

    “I have seen so much suffering and pain, so many of my friends have died as martyrs, there is no place in my life for easy entertainment,” says Rasol. In his spare time he only listens to the audio messages of his leaders, he claims.

    Then we talk about his family and how the Taliban treat women. He wants to protect his daughters, they shouldn’t have to do any hard work, he says. He hopes that his children will become successful. But they should never become traitors and come under the influence of the West. ‘My children should always be loyal to their country and Islam,’ he says.

    As long as the Taliban rule, men like Rasol seem to be the future of the country. They were ideologically indoctrinated early on and have only seen war for most of their lives. Now, however, they are supposed to build a state – and protect it against the rival Islamists of ISIS-K.

    More than 180 people died after a bomb attack by Islamic State extremists during the chaotic evacuations at Kabul airport in late August and in the eastern provinces the Taliban are being attacked almost on a daily basis. IS terrorists have long been considered the leading media experts among extremists and their assaults in Afghanistan will also feed into their propaganda apparatus. 

    A new civil war is looming and this time it will also be an information war being fought out in the digital world. Rasol however hopes for peace: ‘The jihad is over. We no longer need jihadists. We will not allow war to be waged against our people on our soil.’

    Then he has to hang up. He wants to attend a friend’s wedding later today, the groom is a former prisoner that he hasn’ seen for 14 years. ‘It’s another very happy day,’ Rasol says and smiles. 

    A few hours after our conversation and the wedding, the Taliban influencer is back on the digital frontline. He tweets: ‘I spoke to a foreign journalist about my media work today. Will share the article shortly .. !!’


  • Reporting Brexit

    Reporting Brexit

    Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist ein historisches Drama. Für das Magazin Focus berichte ich seit 2016, wie der Brexit das Königreich spaltet. Hier einige meiner Texte.

    Since Britain voted to leave the EU in 2016 I have been covering how the referendum has divided the United Kingdom. Read some of my stories (in German) for Focus Magazin.

    …und ein halbes Jahrhundert später stellt dieser Junge Großbritannien auf den Kopf

    Er ist der Mann, der das Vereinigte Königreich mit seiner fixen Idee vom EU-Austritt gespalten hat. Er war der Kotzbrocken in der Regierung May. Nun rumpelt sich Boris Johnson möglicherweise an die Spitze der Tories – denn er besitzt eine große, bittersüße Gabe: Er verführt

    Ordentlich sieht er aus. Die Haare sind gestriegelt, die blonde Mähne kürzer und halbwegs gezähmt. Er hat einige Kilo abgespeckt, sein Anzug sitzt besser als sonst. Früher tapste er durch die Welt, wie ein untersetzter Clown, nun wirkt Boris Johnson fit und ausgeruht, fast seriös. Ja, man könnte meinen, hier steht ein Staatsmann. Doch das Schelmengrinsen, das er einfach nicht unterdrücken kann, verrät ihn. Der Narr kehrt an den Hof zurück. Und diesmal will er auf den Thron.
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    Und täglich grüßt der Brexiteer

    Der Rechtspopulist Nigel Farage, der mit seiner EU-Hetze einst den Brexit ins Rollen brachte, will für die Briten wieder ins EU-Parlament. Und diesmal vom Brexit-Chaos profitieren

    Einen Tag nachdem der Brexit schon wieder verschoben wurde, steht Nigel Farage in einer Fabrikhalle in Coventry und hat richtig gute Laune. Er hat eine Rede gehalten, für die es viel Applaus gab. Er posierte mit Fans für Selfies und sprach in wirklich jedes Mikrofon und jede Kamera. Nun ist es Mittag, und der Mann, der Pubs genauso liebt wie Aufmerksamkeit, sagt zufrieden: „So, ich könnte jetzt mal einen Drink gebrauchen.“ Dann blitzt sein berühmtes, sehr breites Grinsen auf, das an einen Hai erinnert. Oder doch eher an einen Frosch? Er ist jedenfalls wieder da. Farage hat sich zurückgemeldet im Kampf gegen – ja, gegen wen eigentlich?
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    …und nach uns der Brexit

    Was droht an der ehemals so blutigen Grenze Irlands, sollte Großbritannien die EU tatsächlich verlassen? Eine Begegnung mit Menschen, die Angst um Frieden und Zukunft haben

    Als Emma Marmion, 39, neulich mit ihrem zehnjährigen Sohn Dahiti zum Supermarkt radelte, musste sie plötzlich an ihre eigene Kindheit denken. Marmion wuchs in der nordirischen Kleinstadt Newry auf, die nur acht Kilometer von der Grenze zur Republik Irland liegt und bis in die Neunziger Jahre Brennpunkt des Bürgerkriegs war. Weiterlesen


  • Sport: King Klopp – Champion of England

    Sport: King Klopp – Champion of England

    Liverpool und Jürgen Klopp – das ist eine besondere Beziehung. Seit der deutsche Trainer bei den Reds anheuerte, habe ich immer wieder über ihn berichtet. Hier ein Text zum Sieg im Finale der Champions League 2019.
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    Liverpool and Jürgen Klopp have formed a unique relationship since the German took over as manager. I have frequently reported about him and published this piece after the Reds were crowned Champions of Europe in 2019.

    Erschienen in Focus Magazin

    Was wir von Jürgen Klopp lernen können

    Sport ist eine Schule fürs Leben. Und dieser Mann ist ein Meister seines Fachs: Jürgen Klopp hat mit dem Sieg seines FC Liverpool in der Champions League bewiesen, dass er mehr ist als ein begnadeter Menschenfänger. Klopps Triumph ist ein Lehrstück über Zielsetzung, Beharrlichkeit und moderne Führungskultur

    Verdammt lässig saß er da oben auf der hinteren Kante des Busses, im Gesicht ein breites Grinsen, in der Hand eine Flasche Bier. Mit den Armen zappelte er zu den Gesängen, während ihm Tausende Fans am Straßenrand huldigten. Klopp wirkte glücklich, erschöpft, beschwipst. Und dann, oh Schreck, begann King Klopp zu wanken.

    Für einen Moment taumelte Klopp, schien das Gleichgewicht zu verlieren, drohte vom Bus zu stürzen. Der Edel-Joker Xherdan Shaqiri blickte besorgt zum Trainer, legte schützend den Arm um die Hüften des Coachs. Klopp rutschte zurück, hob beschwichtigend die Hände. Dann grinste er noch breiter sein Partyvolk an.

    Als das Video von dem Beinahe-Unfall in den sozialen Medien die Runde machte, brachte ein Fan auf den Punkt, was die meisten wohl dachten: „Dem betrunkenen Klopp beim Herumalbern zuschauen, allein dafür lohnt es sich zu leben. Was für eine Legende.“

    Sie haben mit ihm gelitten, sie haben mit ihm magische Siege gefeiert. Und nach dem 2: 0 im Finale der Champions League gegen Tottenham ist geschehen, was schwer vorstellbar schien: Die Liebe der Liverpooler zu ihrem Kulttrainer ist noch mal gewachsen. Er hat die wichtigste Trophäe im Clubfußball geholt. Er hat dem sentimentalen LFC den Stolz zurückgebracht.

    Als er bei den Reds anheuerte, gab er das messianische Versprechen, er wolle aus Zweiflern Gläubige machen. Und dass er in den nächsten vier Jahren einen Titel holen werde. Er hat Wort gehalten. Klopp, der König von Fußball-England. Ach was: Liverpools fünfter Beatle. They love him, yeah, yeah, yeah!

    Auch eine Woche nach der gigantischen Siegesfeier, bei der 750000 Menschen an der Merseyside tanzten, sind der Club, die Stadt, das Land berauscht von Jürgen Klopp und dem FC Liverpool. Und selbst die Berichte gestandener Sportreporter über Klopps Triumph lesen sich wie schmalzige Liebesbriefe verknallter Teenager: „Und nun, nachdem er triumphierend Liverpools Seele restauriert hat und Anfield in einen heiter blühenden Niagarafall aus Optimismus getränkt hat, schenkt Klopp seiner Wahlheimat ein Schmuckstück für die Ewigkeit.“

    Nachdem Klopp zuvor sechs Endspiele in Folge verloren hat, ist das Erringen dieses „Blumentopfs“, wie Klopp Pokale nennt, eine Genugtuung und Ansporn zu mehr. Er sagt: „Jetzt haben wir etwas gewonnen. Und das ist erst der Anfang.“ Mit dem Triumph von Madrid ist er den Makel des ewigen Zweiten los und will eine Ära einläuten, die viele weitere Trophäen in den kommenden drei Jahren bringen soll – so lange läuft sein Vertrag. Klopps Biograf Raphael Honigstein hat für das Magazin „Red Bulletin“ die Mechanismen beschrieben, mit denen der Schwabe seine Reds an der Spitze halten will.

    Klopp ist ein Menschenfänger und Motivator, seine wichtigste Regel ist: Erfolg kommt von innen. Maximaler Erfolg ist sein Antrieb, das imponiert seinen Spielern. Bei jeder Trainingseinheit vermittelt er: Wer gewinnen will, muss es selbst wollen. Und nicht zum Wollen getrieben werden. Klopp gilt als lockerer Typ, der seine Spieler liebevoll „meine Jungs“ nennt. Doch sein Stil hat auch autoritäre Züge – er fordert bedingungslose Unterwerfung unter das gemeinsame Ziel ein.

    „Wer sich auf seinen Job konzentriert und motiviert ist, den empfange ich mit offenen Armen“, sagte Klopp nach seiner Ankunft in Liverpool. Ungemütlich werde es für jene, die nicht die richtige Einstellung mitbringen. „Mit solchen Spielern zusammenzuarbeiten ist für mich verschwendete Zeit“, sagt Klopp. Als BVB-Trainer drückte er es noch härter aus: „Arschlöcher werden bei uns sofort verkauft, da kann einer noch so überragend kicken.“

    Klopp verlangt Leidenschaft, Gier, Willen. „Einen guten Tag hat jeder mal. Aber an einem schlechten Tag musst du können. Dafür lebst du als Sportler, da musst du dich zur Wehr setzen“, sagt er. Mit dem spektakulären Comeback gegen Barcelona im Halbfinale haben die Reds bewiesen, was Klopp als „wichtige Erfahrung für Herz und Kopf“ beschreibt – das Bestehen gegen einen zumindest zeitweise besseren Gegner und die Einsicht: „Es geht auch ein bisschen mehr.“

    Als er die 0:3-Niederlage aus dem Hinspiel mit einem sagenhaften 4:0 gedreht hatte und Arm in Arm mit den Spielern vor der Stehplatztribüne stand und „You’ll Never Walk Alone“ sang, war die Essenz des Klopp-Fußballs spürbar: Wunder sind möglich, wenn wir leidenschaftlich daran glauben. Auch weil Klopp das Credo des „Alles-Raushauens“ vorlebt.

    In Dortmund tat er das mit Jubelsprüngen, manchmal ließ er auch nur den Unterkiefer hervorspringen. Heute verausgabt er sich seltener an der Seitenlinie, er hat sich sogar sein legendäres Zähnefletschen abtrainiert. Eigentlich schade.

    Als er mit Dortmund 2011 erstmals wieder seit 2002 Meister wurde, hatte er vor der Saison jeden Spieler einen sieben Punkte umfassenden Treueschwur unterschreiben lassen: bedingungsloser Einsatz, leidenschaftliche Besessenheit, Zielstrebigkeit, vom Spielverlauf unabhängige Bereitschaft, jeden zu unterstützen, sich helfen zu lassen, seine Qualität zu 100 Prozent in den Dienst der Mannschaft zu stellen und individuelle Verantwortung zu übernehmen.

    Klopps sieben Versprechen sind mittlerweile Stoff für Management-Seminare. Das Kollektiv steht für Klopp über allem. Es macht seine Liebe zum Fußball aus. Dem „Independent“ sagte er neulich: „Ich habe Fußball vom ersten Tag an geliebt, weil ich ihn mit meinen Freunden spielen konnte, gemeinsam. Die Fähigkeiten deiner Freunde zu nutzen, um das bestmögliche Team zu sein – das mochte ich.“ Über seine Arbeit sagt er: „Ich will nicht der Beste sein. Das ist nicht mein Ziel. Ich will helfen, dass mein Team das beste ist.“

    Dennoch gilt für Klopp: Nimm jeden Einzelnen als Individuum wahr. Er will alles über die Spieler wissen, ihre Hoffnungen und Ängste erfahren. Als er den sensiblen Mo Salah vom AS Rom nach England lockte, traf er auf einen verunsicherten, unterschätzten Spieler, der zuvor unter Mourinho bei Chelsea enttäuscht hatte. Salah, heute einer der besten Stürmer der Welt, sagt über Klopp: „Er hat mich in vielen Gesprächen aufgebaut, er ist für mich ein guter Freund geworden.“

    Legendär ist die Geschichte, wie Klopp in Dortmund persönlich im Autohaus den teuren Wagen eines Jungprofis abbestellte, weil der sich mit dem ersten Gehalt den Luxus gar nicht leisten konnte. Doch als er einen anderen Profi im Silvesterurlaub mit einer Flasche Wodka erwischte, wünschte er ihm lächelnd einen tollen Abend.

    Er umarmt den einen, straft den anderen mit Missachtung, verteilt auch mal Ohrfeigen, um einen Jungprofi zu erden. Klopp weiß, wie jeder Einzelne tickt, und die Stars schätzen diese Empathie. Das schweißt zusammen, stärkt Loyalität und gegenseitige Wertschätzung. Der 22-jährige Joe Gomez, eines der größten Talente im Team, sagt: „Wir alle fühlen große Dankbarkeit, ihn als Trainer zu haben. Für mich persönlich hat er so viel getan, und allen anderen Jungs geht’s genauso.“

    Nachwuchsspielern wie Gomez hält Klopp nicht vor, was ihre Schwächen sind, überhaupt spielen Fehleranalysen keine große Rolle im Training. Seine Idee ist: Man darf dem Spieler keinesfalls sagen, was er alles nicht kann. Sondern muss ihm zutrauen, sich zu verbessern und zu entwickeln. Klopp: „Dann glaubt er zunächst mir und dann sich selbst.“ Eine Feedback-Kultur, die sich Chefs auch abseits des Fußballs abschauen könnten. Klopp hätte ja gern Medizin studiert. Nun agiert er wie ein Therapeut. Er hat schwächelnden Clubs Hoffnung, Zuversicht, neuen Lebenssinn gegeben – und Erfolg gebracht.

    Als Klopp 2008 in Dortmund begann, lag der Club in Trümmern, nachdem er gerade noch Insolvenz und Zwangsabstieg hatte abwenden können. Klopp nahm sich bescheidene Ziele vor, streichelte die Malocherseele des Ruhrpottvereins, versprach Spaß mit den berühmten „Vollgas“-Veranstaltungen. Von Spiel zu Spiel denken – eigentlich eine Phrase, aber bei Klopp ein Grundsatz: „Es gibt Menschen, die behaupten, wenn man große Ziele nicht deutlich formuliert, ist man auch nicht richtig ambitioniert. Diese Menschen haben keine Ahnung, wie man Ziele erreicht“, findet Klopp.

    In kleinen Schritten führte er den BVB aus dem Tief zu zwei Meistertiteln und holte den DFB-Pokal. Es war beinahe eine Wachablösung im deutschen Fußball, das Ende der Dominanz des FC Bayern. Doch dazu kam es nicht. Seine siebenjährige Ära beim BVB endete nach einem rätselhaften Leistungsabsturz des Teams.

    Klopp zweifelte an sich und seinen Methoden, bewahrte sich aber die Lockerheit. Später sagte er: „Krisen gehören im Fußball dazu. In ihnen lernt man, den Erfolg wertzuschätzen. Man kann verlieren. Man kann noch mal verlieren. Und noch mal. Aber das nächste Spiel kann man schon wieder gewinnen. Das ist das Geile.“

    Doch Geduld und Gelassenheit sind das Privileg des Underdogs. Und nachdem Klopp die Reds therapiert und aus ihnen die wohl beste Mannschaft der Welt geformt hat, steigen die Ansprüche. „Diese Liebesbeziehung zwischen Fans und Klopp ist vielleicht deshalb so eng geworden, weil er vor Madrid noch nichts gewonnen hatte, weil man diesen gemeinsamen Traum hatte. Jetzt sind die Erwartungen natürlich sehr hoch“, sagt Didi Hamann, der mit Liverpool 2005 gegen den AC Milan die Champions League gewann. Danach sollte bei Liverpool ebenfalls eine Erfolgsära beginnen, doch außer einem FA-Pokal holte der LFC unter Trainer Rafa Benitez nichts mehr. Nach chaotischen Besitzerwechseln versank der Club in der Mittelmäßigkeit. Hamann sagt allerdings: „Die Qualität von Klopps Mannschaft ist viel höher, als sie bei uns damals war.“

    Damit es auch künftig Siegesparaden in Liverpool geben kann, müssten die Eigentümer von der Fenway Sports Group (FSG) schnell reagieren und Klopp in „Geiselhaft“ nehmen, fordert Chris Bascombe, Liverpool-Reporter beim „Daily Telegraph“. Klopp sei viel mehr wert als sein aktuelles Gehalt von sieben Millionen Pfund im Jahr – Pep Guardiola verdient bei Manchester City mehr als das Doppelte.

    „Klopp mit einem neuen Vertrag zu belohnen würde eine starke Botschaft an alle Rivalen senden, dass Liverpool nicht nur in den nächsten drei Jahren um alle Titel kämpft, sondern die nächste Generation.“ Doch womöglich hat Klopp andere Pläne.

    FSG würde seinen Vertrag gern verlängern, inklusive deutlicher Gehaltserhöhung, doch der Trainer zögert wohl. Angeblich liebäugelt Klopp damit, nach Ende seines Vertrags 2022 eine lange Auszeit einzulegen. Mindestens ein Jahr Pause von den „sehr intensiven“ Anforderungen des Trainerjobs wolle er sich gönnen. Diese Idee soll er bereits mit seiner Frau Ulla besprochen haben und ein Sabbatical einer Vertragsverlängerung vorziehen.

    2022 wäre er dann sieben Jahre bei Liverpool, so lange wie zuvor in Mainz und beim BVB. Das Thema könnte in den kommenden Monaten brisant werden: Die Liverpool-Bosse wollen den Star-Trainer binden, ihn aber nicht unter Druck setzen und ihn so zu einer Absage zwingen.

    „Das Leben ist ein Geschenk, man muss achtsam damit umgehen und Spaß dabei haben“, sagt Klopp. Wer ihn bei der Parade erlebt hat, kann sich schwer vorstellen, dass es für ihn spaßiger sein könnte, faul am Strand von Formby, seinem Heimatort an der englischen Westküste, zu liegen. Dann lieber im Partybus die Merseyside rocken. Als fünfter Beatle, ganz lässig, mit einem Bierchen in der Hand.


  • Podcasting: Monocle24

    Podcasting: Monocle24

    Für den Radiosender und die Podcasts von Monocle24 gebe ich Einblicke in News, Politik, Medien und Gesellschaft aus einer deutschen Perspektive.

    Listen to me contributing insights on news, politics, media and current affairs from a German perspective to Monocle24 and its related podcast.

    https://soundcloud.com/monocle-24-the-globalist/the-globalist-thursday-7-may-1

    https://soundcloud.com/monocle-24-the-globalist/the-globalist-edition-2299


  • Reportage: Ukraine

    Reportage: Ukraine

    Im Sommer 2015 reiste ich durch die Ukraine, von Kiew bis ans Asowsche Meer, nahe der russischen Grenze. Wie steht es um das Land, nach dem Schock der Maidan-Revolution? Um das herauszufinden, traf ich Aktivisten, Rentner, Soldaten, Liebespaare und Freischärler. Die Reportage erschien in Bild am Sonntag.

    In summer 2015 I traveled through Ukraine, from the capital Kiev all the way to the Russian border. I wanted to find out: How does the country deal with the aftershock of the Maidan revolution? To find answers I met people from all walks of life: activists, soldiers, pensioners, lovers, vigilantes. My report was published and commissioned by Bild am Sonntag.

    Ein Liebespaar auf einer Brücke über dem Dnepr-Fluss in Kiew. Foto: Meiko Herrmann

    Der vergessene Krieg

    Seit fast zwei Jahren tobt in der Ukraine ein blutiger Konflikt. Tausende Menschen sind umgekommen, Millionen wurden vertrieben. Ein Roadtrip durch ein verstörtes Land

    Der Weg in den Krieg führt direkt am Meer entlang, vorbei an einem Strand mit weißem Sand und klarem Wasser. Friedlich wirkt die verlassene Badebucht, doch unsere Begleiter macht der Anblick nervös: „Scharfschützen!“ knurrt einer. „Weg hier“, sagt der Fahrer und gibt Gas.

    Gemeinsam mit Kämpfern einer ukrainischen Bürgerwehr brettern wir in einem alten VW-Bus über eine Schotterpiste Richtung Front. Wir fahren in das idyllisch gelegene Dorf Schirokino am Asowschen Meer, im äußersten Osten der Ukraine.

    Seit Monaten kämpfen ukrainische Truppen und prorussische Separatisten um den Ort. Schirokino ist nur ein Kriegsschauplatz von vielen in der Ukraine. 6500 Menschen sind seit dem Ausbruch des Konflikts vor anderthalb Jahren gestorben, zwei Millionen sind aus ihrer Heimat geflüchtet. Separatisten halten weiter Teile des Landes besetzt.

    Dennoch ist der Konflikt aus den Schlagzeilen verschwunden. Griechenland-Krise und ISIS-Extremisten bestimmten zuletzt die Schlagzeilen. Dabei bezeichnen Politiker und Sicherheitsexperten den Brandherd in der Ukraine noch immer als größte Gefahr für Frieden und Stabilität in Europa.

    Wie erleben die Menschen den Alltag und das Chaos im Jahr eins nach der Maidan-Revolution?

    Um das herauszufinden, sind wir durch die Ukraine gereist: Von West nach Ost, vom Maidan-Platz über die Südküste bis an die Front. Die Fahrt in das umkämpfte Dorf Schirokino war die letzte Etappe unserer Reise in den Krieg. Begonnen hatte der Trip einige Tage vorher in der Hauptstadt Kiew.

    Fitnessclub „Kachalka“ in Kiew: 800 km bis zur Front

    Sasha, 58, Pensionär, trainiert regelmäßig in einem Open Air Fitness-Parkour. Foto: Meiko Herrmann

    Goldbraune Körper glänzen in der Abendsonne. Muskeln beben, Zähne knirschen: Das „Kachalka“ ist ein riesiges Fitnessstudio unter freiem Himmel, ein „Muscle Beach“ am Ufer des Dnepr-Flusses. Hier pumpt Kiew Kraft, jeden Tag, seit 60 Jahren schon.

    Auch Sasha (58) hält sich fit und stemmt eine mit Autoreifen beschwerte Eisenstange. Der pensionierte Fabrikarbeiter klagt: „Es ist alles teurer und schwieriger geworden. Ich bin enttäuscht.“

    Tatsächlich steckt die Ukraine in einer schweren Wirtschaftskrise: Arbeitslosigkeit, Gas- und Benzinpreise steigen, der Wert der Landeswährung Hrywna hat seit Ausbruch der Krise zwei Drittel an Wert verloren. Das trifft besonders Rentner wie Sasha. Für ihn hat die Maidan-Revolte vor allem Ernüchterung gebracht.

    Anton (29) sieht das anders, er arbeitet als Tontechniker beim Fernsehen. Wir treffen ihn am Abend auf der Truchaniw-Insel, einem Stadtstrand, auf dem jeden Abend Sommerfeste steigen. Anton hat am Maidan seinen Zeigefinger verloren, als er eine Gasgranate wegwerfen wollte.

    „Unser Kampf darf nicht umsonst gewesen sein“, meint er. „Wir wollen in Freiheit leben und zu Europa gehören. Dafür brauchen wir Kraft und Geduld.“

    Später spazieren wir zum Maidan-Platz. Eine Limousine braust heran, Mädchen lehnen aus den Autofenstern, schwenken Champagner-Gläser und jubeln uns zu. An diesem Abend erscheint die Ukraine lebensfroh: Ein Land zwischen Krise, Krieg und Sommer- Party.

    Plattenbau-Siedlung in Saporischschja: 230 km bis zur Front

    Endlich zu Hause. Yura (35) umarmt seine Frau Tatjana und küsst sie im Schein der Parkplatz-Laterne. Yura ist Scharfschütze beim „Freiwilligen-Bataillon Donbass“. Jeden Samstag trampt er nach Hause, in die Industriemetropole Saporischschja, wo Frau und Tochter auf ihn warten.

    Heute haben wir ihn ein paar Kilometer mitgenommen. Eigentlich ist Yura Schreiner, dass er in den Krieg gezogen ist, daran ist auch Ehefrau Tatjana schuld. Sie sagte, er solle auf den Maidan gehen und gegen die Polizei kämpfen, statt vor dem Fernseher herumzuhängen.

    „Und das hatte ich dann davon“, sagt Yura scherzend, krempelt seine Hose hoch und zeigt eine faustgroße Narbe: „Eine Granate ging direkt neben mir hoch.“

    Mittlerweile würde Tatjana den Patriotismus ihres Mannes lieber etwas bremsen. Doch Yura will sein Vaterland jetzt erst recht verteidigen, auch gegen die Widerstände seiner Eltern: „Mein Vater ist Kommunist. Er unterstützt Russland und die Separatisten. Seit einem Jahr haben wir keinen Kontakt mehr.“

    Der Konflikt, er treibt nicht nur einen Keil durch das Land, er spaltet auch Familien. Ob sie irgendwann wieder Frieden schließen?

    Yura sagt: „Was an der Front passiert, wird uns verändern. Wir werden nicht einfach in unser altes Leben zurück können.“

    Strand von Berdjansk: 110 km bis zur Front

    Den ganzen Tag lag Viktoria (27) in der Sonne, ihre Haut ist tief gebräunt. Vor einigen Wochen flüchtete sie aus der von russischen Rebellen besetzten Stadt Donezk, nun liegt sie am Strand und genießt den Sommer. „Jeder Moment des Friedens ist kostbar in diesen Zeiten“, sagt sie.

    Nur ihr Bruder ist zurückgeblieben er kämpft jetzt für die Separatisten. Für Scharfschütze Yura und seine Kameraden ist er damit ein „Kreml- Söldner“, ein „Putin-Scherge“ und Verräter. Viktoria aber fürchtet um das Leben ihres Bruders, sie hatte schon lange keinen Kontakt mehr mit ihm.

    „Ich habe Angst, dass wir uns nie wiedersehen werden“, sagt sie.

    Wohngebiet in Kramatorsk: 84 km bis zur Front

    Alina Wassilina kommen die Tränen, wenn sie auf ihren Balkon schaut. Sie kann noch immer nicht fassen, wie knapp es war, wie viel Glück sie hatte. Im Februar trafen völlig unerwartet Raketen ihren Wohnblock, abgeschossen aus den Rebellen-Gebieten.

    13 Menschen starben, doch die Rakete, die in Alinas Balkon und Wohnzimmer einschlug, hatte einen defekten Zünder. Fast sechs Monate später ist die ehemalige Aeroflot-Mitarbeiterin trotzdem frustriert.

    Die Schäden wurden immer noch nicht beseitigt, die Schuld gibt sie der Regierung in Kiew: „Wir müssen wie Heimatlose bei Bekannten leben. Dabei hat Kiew versprochen, Geld für die Reparaturen von Kriegsschäden zu schicken. Doch es passiert nichts.“

    Ein Nachbar klagt: „Das alte System haben sie verjagt. Doch die Korruption ist geblieben.“

    Müllhalde in Slowjansk: Eine alte Lenin-Statue, die vom Rathaus-Platz entfernt wurde. Ein neues Anti-Kommunismus-Gesetzt verbietet Sowjet-Denkmäler. Foto: Meiko Herrmann

    Mülldeponie in Slowjansk: 75 km bis zur Front

    Der große Kommunisten-Führer liegt mit dem Gesicht im Gras, am Rande einer Mülldeponie.

    Anfang Juni hatten Andreij (31) und seine Mitstreiter im Morgengrauen die alte Lenin-Statue vor dem Rathaus abgesägt und weggeschafft. Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion, man wollte die Russland-Freunde nicht provozieren.

    Der Plan ging auf: „Nur ein paar Babuschkas kamen und haben Radau gemacht“, erklärt der Geschäftsmann zufrieden. Seit Kurzem gilt in der Ukraine ein Anti-Kommunismus-Gesetz: Es verbietet nicht nur Sowjet-Symbole, auch Filme, in denen Russland positiv dargestellt wird.

    Das empört viele Ostukrainer, die Russisch sprechen und sich dem Nachbarn verbunden fühlen. Andrej findet diese Art der Vergangenheitsbewältigung „nicht tragisch“. Er hält sie sogar für lukrativ: Die aus hundert Prozent Bronze bestehende Statue des Kommunisten-Führers bietet er zum Verkauf an. „Für 150 000 Euro gehört sie dir“, sagt er.

    Checkpoint in Mariupol: 26 km bis zur Front

    Warum gibt man einen gut bezahlten Job als Projektmanager auf, verlässt Frau, Kind, Haus und Heimat, um für 61 Euro Sold im Monat sein Leben zu riskieren?

    Es ist eine Frage, die sich vielleicht nur Außenstehende stellen können. Andrej (31) jedenfalls hat sofort eine Antwort parat: „Lieber kämpfe ich hier und jetzt gegen die Terroristen, bevor sie vor meinem eigenen Haus stehen.“

    Der Computerfachmann sitzt an einem Checkpoint direkt am Strand nahe der Hafenstadt Mariupol und beobachtet, wie seine Kameraden vom „Bataillon Donbass“ im Meer planschen. Stolz präsentieren die Kämpfer ihre Tätowierungen: Einer hat sich die Umrisse der Ukraine auf den Rücken stechen lassen, ein anderer hat einen brennenden Molotow-Cocktail auf den Bauch.

    Ein paar Meter weiter haben sie Schützengräben am Strand ausgehoben und Schilder aufgestellt, die vor „Minen“ warnen. Mariupol liegt zwischen der von Russland besetzten Halbinsel Krim und dem Separatisten- Gebiet – schon lange fürchtet man daher eine Invasion. Doch nicht alle haben Angst: Eine Frau im Bikini breitet neben einer Panzersperre ihr Badetuch aus, und ein Kind baut neben dem Stacheldrahtzaun unbekümmert eine Sandburg.

    Ein Kämpfer der Miliz AZOV Bataillon streichelt eine Katze, die er in den Ruinen gefunden hat. Foto: Meiko Herrmann

    Zerstörte Jugendherberge in Schirokino, 0 km bis zur Front

    Zurück im Dorf Schirokino: Unser VW-Bus biegt um eine scharfe Linkskurve, vom Traumstrand ist nichts mehr zu sehen, stattdessen eine Landschaft aus Ruinen, zerstörten Häusern, Bombenkratern und Bergen aus Schutt und Trümmern.

    Die Scharfschützen des „Bataillon Donbass“ blicken durch Löcher in der Mauer einer alten Jugendherberge auf die Stellungen der Separatisten. Sie sind nur ein paar Hundert Meter entfernt. Ein Kämpfer mit dem Spitznamen „Drakoscha“ („kleiner Drache“) erklärt: „Die Waffenruhe, die sie mit Putin vereinbart haben, das ist ein Witz. Die gab es hier nie.“

    Über die Beobachter der OSZE spottet ein Milizionär namens „Douglas“: „Die sind so überflüssig wie eine Nonne im Puff.“

    Vor wenigen Tagen haben die Rebellen das zerstörte Dorf einseitig zur „entmilitarisierten Zone“ erklärt. Nun belauern sich die feindlichen Lager. Keiner will zurückweichen. Man verschanzt sich, holt Luft und wartet ab – bis wieder einer anfängt zu schießen.

    Ein Sinnbild für die Lage an den anderen Fronten im Land. Der Konflikt zersplittert Volk und Gesellschaft: Patrioten gegen Terroristen, Enttäuschte gegen Regierende, Russland-Hasser gegen Kommunisten, Vergangenheit gegen Zukunft, Väter gegen Söhne.

    Wen man auch fragt, jeder kann ein Feindbild benennen. Doch wie dieser Irrsinn beendet werden soll, dazu scheint niemandem etwas einzufallen, außer vielleicht: geduldig sein, weiterkämpfen.

    „Schnell, ins Haus“, ruft plötzlich ein Kämpfer. Irgendjemand hat einen feindlichen Funkspruch belauscht und schlägt Alarm. Alle greifen zu den Waffen und setzen die Helme auf. Gespanntes Warten. Doch nichts passiert.

    Eine halbe Stunde später ist ein Donnerschlag zu hören, doch nun bleiben die Kämpfer gelassen. „Sommergewitter“, sagt Drakoscha. Dann greift er nach dem Maskottchen der Truppe, einem Katzenbaby, das erschrocken unter einen Tisch gesprungen ist.

    „Gewöhn dich dran, Kleines“, flüstert der Kämpfer dem Tier ins Ohr: „Das Schlimmste kommt vielleicht erst noch.“


  • Interview: Alex Honnold

    Interview: Alex Honnold

    Der Amerikaner Alex Honnold ist der bekannteste Freikletterer der Welt und eine beeindruckende Persönlichkeit. Dass die Dokumentation “Free Solo” über seine Besteigung des Gipfels El Capitan im Yosemite Park 2019 den Oscar gewann, hat mich sehr gefreut. Einige Jahre zuvor traf ich Honnold in Sacramento, wir sprachen über die Jagd nach Rekorden, über seine Träume und Ängste. Das Interview erschien in dem Lifestyle-Magazin GALAMen.

    American Alex Honnold ist the wold’s most famous free climber. When I met this impressive guy in his home town Sacramento he told me about his dreams, fears and the perils of his passion. I was glad to see the documentary Free Solo about Alex’ record-breaking ascent of Yosemite’s El Capitan win an Oscar in 2019.

    Erschienen in GALAMen (2015)

    “Der Tod kommt immer zu früh”

    Wer fällt, stirbt – so einfach ist das Prinzip des Free-Solo-Kletterns. Der Amerikaner Alex Honnold ist mit 29 Jahren die Ikone der wohl gefährlichsten Sportart überhaupt. Er klettert bis zu eintausend Meter hohe Bergwände hinauf, ohne Seil, ohne Sicherung – nur ausgerüstet mit Kletterschuhen, Magnesiapulver und Müsliriegeln.

    Alex Honnold, in Ihrer amerikanischen Heimat nennt man Sie gerne den „Mann, der keine Angst kennt“. Stimmt das denn?
    Blödsinn. Erst neulich hatte ich ziemlich Schiss.
    Beim Bergsteigen?
    Nein, nein, das war auf einer Party.
    Ihr Ernst? Was war passiert?
    Jemand kam auf die Idee, spontan einen Karaoke-Wettbewerb zu starten. Allein die Vorstellung, vor einer Gruppe von Menschen ein albernes Lied trällern zu müssen – ich stand kurz vor einer Panikattacke.
    So cool wie beim Klettern sind Sie also nicht in jeder Situation.
    Leider nein. Ich bin eher schüchtern.
    In den Bergen verwandeln Sie sich hingegen in einen Draufgänger. Sie klettern Free Solo, verzichten auf jede Art der Sicherung. Ein loser Stein, ein falscher Griff, ein Ausrutscher – und Sie stürzen in den Tod. Wie halten Sie diesen unglaublichen mentalen Druck aus?
    Jeder Mensch hat eine besondere Begabung. Ich habe wohl das Talent, meine Emotionen dann kontrollieren zu können, wenn andere durchdrehen würden. Ich bin beim Klettern meist total fokussiert, meine Sinne sind angespannt und konzentriert. Vielleicht ist es das, was Langstreckenläufer ein Runner’s High nennen. Im Idealfall ist es der perfekte Flow.
    Und spüren Sie den Kick des Adrenalins?
    Eher nicht. Ich bin kein rücksichtsloser Adrenalin-Junkie, falls Sie darauf anspielen. Ich bin nicht süchtig oder krank. Wie jeder andere, sehne ich mich nach Erlebnissen, die mir Genugtuung und Freude bringen. Nur dass Sie sich dafür einem extremen Risiko aussetzen. Es gibt zwei Arten von Risiko: Anfänger sind oft extrem risikofreudig, weil sie überhaupt nicht wissen, was sie tun. Bei mir wäre das tödlich. Bevor ich eine Route Free Solo klettere, habe ich sie genau studiert und immer wieder mit Sicherung geklettert. Ich kenne jeden Griff, jedes winzige Loch im Felsen, jede Bewegung. Und oft sind die Routen, rein technisch gesehen, nicht super schwer. Ich bin sicher ein sehr guter Kletterer, werde aber niemals der Beste sein.

    Man im Van: Nach dem Gespräch zeigte mir Alex sein mobiles Zuhause.


    Dafür sind Sie der Rockstar der Szene.
    Das liegt an meiner Disziplin. Der Nervenkitzel ist beim Free Solo für den Betrachter natürlich riesig, es ist dramatisch.
    Ihr Freund, der Kletterer Tommy Caldwell, sagte einmal, Free-Solo-Begehungen seien egoistisch, rücksichtslos und dumm. Der deutsche Kletterer Stefan Glowacz urteilt, Free Solo sei wie russisches Roulette – der Zufall entscheidet über Leben und Tod.
    Jeder von uns setzt sich täglich einem Risiko aus – allein mit dem Lebensstil, etwa mit falscher Ernährung. Ich war 19 als mein Vater im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Er war ein College-Lehrer und führte ein in jeder Hinsicht risikofreies und scheinbar rücksichtsvolles Leben. Allerdings war er übergewichtig, und Herzkrankheiten liegen bei uns in der Familie. Egal welche Art von Risiken wir im Leben auf uns nehmen, der Tod kommt immer zu früh. Erst recht wenn es darum geht, was für ein Leben wir führen wollen, ist die Qualität doch viel wichtiger als die Quantität der Jahre.
    Ganz ähnlich hat das der berühmte FreeSolo-Kletterer Dean Potter gesehen, ein weiterer Freund von Ihnen. Er starb im Mai 2015 beim Base-Jumping im Yosemite Park.
    Dean war jemand, zu dem ich als Teenager aufgeschaut habe. Später wurden wir Konkurrenten und schließlich Freunde. Dean hat alle Risiken in seinem Leben genau gekannt und er nahm sie in Kauf, weil er seinen Traum gelebt hat. Ich bin überzeugt: Dean ist als glücklicher Mensch von uns gegangen. Sprechen wir über Ihre Anfänge. Im Jahr 2004 starb Ihr leiblicher Vater, kurz zuvor hatten sich Ihre Mutter und Ihr Stiefvater getrennt. Sie schmissen Ihr Ingenieursstudium in Berkeley – und begannen mit dem Free-SoloKlettern.
    In jenem Sommer lieh ich mir von meiner Mutter den Familien-Van und fuhr einfach kreuz und quer durch Kalifornien. Ich war traurig und deprimiert, ich wollte nichts machen, außer klettern. Ich hatte bis dahin fast immer nur in Kletterhallen trainiert, selten in der Natur. Bei einem Zwischenstopp am Lake Tahoe wagte ich dann meinen ersten Free-Solo-Aufstieg, an einer sehr einfachen Wand.
    Begannen Sie wegen Ihrer depressiven Gefühle mit dem gefährlichen Sport?
    Es waren vielmehr die Umstände. Ich war ja allein unterwegs und hatte keinen Partner, der mich über ein Seil hätte sichern können – wie das beim Klettern üblich ist. Ich war auch viel zu schüchtern um Fremde anzusprechen, geschweige denn andere echte Kletterer. Also kletterte ich immer öfter Free Solo und wurde langsam besser.
    Vier Jahre später kletterten Sie die 1475 Meter hohe Felswand des Half Dome im Yosemite Valley in nur zwei Stunden und 50 Minuten hinauf – und wurden zur Legende. Kamen Sie dabei an Ihre Grenzen?
    Dreißig Meter unter dem Gipfel erreichte ich einen Felsvorsprung, den man „Thanks God Ledge“ nennt. Er sieht aus wie eine einzelne Treppenstufe und ist nur zwölf Zentimeter breit. Meist habe ich diese mentale Rüstung, die mich davor schützt, zu viel nachzudenken. Doch man kann unmöglich länger als zwei Stunden total fokussiert sein – und diesmal zerbrach meine Rüstung kurz vor dem Ziel. 500 Meter ging es unter mir in den Abgrund. Plötzlich kamen diese Gedanken auf: Wo bin ich? Was mache ich hier eigentlich? Ich war wie gelähmt.
    Wie haben Sie die Situation gelöst?
    Die größte Gefahr beim Free-Solo-Klettern ist der Zweifel. Sobald du anfängst zu zögern war’s das. Ich hatte vorher noch nie etwas Vergleichbares erlebt. Ich war ein Gefangener in meinem eigenen Gedanken-Knast. Nach etwa fünf Minuten konnte ich mich zusammenreißen, fand Mut und Gelassenheit, um weiter hochzusteigen. Als ich oben ankam, traf ich ein paar Yosemite-Touristen, sie waren gemütlich auf den Gipfel gewandert und genossen die Aussicht. Sie dachten wohl, ich sei ein erschöpfter, verlorener Tagesausflügler. Ein Teil von mir wünschte in diesem Moment, jemand wüsste, dass ich gerade etwas ziemlich Einzigartiges gepackt hatte.
    Heute erwartet man von Ihnen ausschließlich Spektakuläres. Spüren Sie Druck von Sponsoren und der Öffentlichkeit?Mein Hauptsponsor rief mich nach Deans Tod an und sagte: „Alex, wir haben dieses schöne Haus in San Diego, direkt am Meer. Du kannst dort wohnen und einfach Urlaub machen, so lange du willst. Glaube nicht, dass du für uns irgendwas Gefährliches wagen musst.“ Will sagen: Nein, niemand macht mir Druck. Ich klettere, weil es meine Leidenschaft ist. Nicht um Geld zu verdienen. Wenn ich am Fuße einer tausend Meter hohen Felswand stehe und nach oben blicke, sind meine Sponsoren das Letzte, woran ich denke. Trotzdem sind Sie Teil einer ExtremsportIndustrie. Klar, und manchmal erinnert die an eine Tretmühle: Der eine klettert eine Route zum ersten Mal, der nächste überbietet sie, indem er sie schneller klettert, öfter oder eben Free Solo. So mache ich das ja auch. Vielleicht ist das auch gut so, weil es uns alle pusht.
    Haben Sie mehr Neider, seit Sie berühmt sind?
    Ich führe kein abgeschirmtes Leben. Aber klar, ich stehe heute natürlich mehr unter Beobachtung. Neulich hat mich jemand in Colorado in der Kletterhalle gefilmt, wie ich bei einer leichten Route blöd abgerutscht bin. Den Clip hat er dann auf Instagram gepostet, nach dem Motto: „Haha, ich lasse den berühmten Alex mal dumm aussehen.“ Eine miese Aktion.
    Dafür haben Sie auch viele Fans. Wie das Mädchen vorhin, das Sie auf der Straße erkannt hat und eine Selfie mit Ihnen wollte.
    Ich sollte sogar schon weiblichen Fans auf den Brüsten unterschreiben. Das gehört natürlich zur angenehmen Seite des Jobs – vor allem für einen schüchternen Typen wie mich.
    Stimmt es, dass Sie Ihre erste ernsthafte Beziehung mit einem Fan hatten?
    Ja, das war vor fünf Jahren, als die Dokumentation „Alone On The Wall“ über mein Half-Dome-Abenteuer herauskam. Ein Mädchen schrieb mir auf Facebook, dass sie mich im Kino gesehen hätte. Ich dachte: Wow, macht mich dieses Chick gerade an? Ich schickte ihr einen Smiley, sie schickte ein zwinkerndes Emoji, und so ging es dann los.
    Sie leben in einem Ford Econoline Van wie ein Vagabund.
    Seit ich mit 18 die Uni geschmissen habe, um mich nur noch aufs Klettern zu konzentrieren, ist der Van mein Zuhause. Das Vagabundieren ist bis heute mein Lebensstil. Früher habe ich mir dadurch die Miete gespart und konnte von 300 Dollar im Monat leben. Lange Zeit war meine Waisenrente mein einziges Einkommen. Ich gab vielleicht sieben Dollar pro Woche für Pasta und Tomatensoße aus. Dann kam noch der Sprit für das Auto dazu. So zog ich durchs Land.
    Ist ein „normales“ Leben mit Häuschen, Frau und Kindern für Sie überhaupt denkbar?
    Ich muss zugeben, das ist schon ein seltsamer Gedanke. Ich kann mir nicht vorstellen, ewig zu machen, was ich heute mache. Doch ich kann mir auch nicht vorstellen, damit aufzuhören. Vielleicht hätte ich deshalb am Liebsten direkt Enkelkinder. Die müsste ich nicht erziehen, mit denen könnte ich nur Spaß haben: wandern, die Natur genießen oder Karten spielen – wie mein Grandpa früher mit mir.
    Ein Leben als gemütlicher Opa – auch das muss doch für einen Abenteurer wie Sie eine furchtbare Vorstellung sein.
    Okay, es ist zumindest ein abstrakter Gedanke, ein alter Mann zu sein. Man muss realistisch bleiben: Es kann so viel schiefgehen, bei dem was ich mache.
    Würden Sie als Familienvater Ihren Extremsport aufgeben?Ich würde vielleicht nicht mehr die gefährlichsten Routen klettern. Und vielleicht wäre es auch der passende Anlass, mich aus der ExtremsportIndustrie zu verabschieden.
    Kennen Sie den Begriff Gipfelglück?
    Gippel… was? Das klingt für mich nach einem ziemlich unaussprechlichen deutschen Wort.
    So bezeichnen Bergsteiger in den Alpen das Gefühl aus Stolz und Freude, das sich einstellt, wenn man endlich ganz oben auf dem Berg angekommen ist.
    Das muss ich mir merken – ich habe immer nach einem passenden Ausdruck für dieses Gefühl gesucht.
    Gibt es für Sie überhaupt so etwas wie ein vollkommenes Gipfelglück?
    Wahrscheinlich nicht. Wenn ich eine große Herausforderung geschafft habe, für die ich lange Zeit trainiert hatte, fühle ich mich eher leer und bin sogar etwas sentimental.
    Das klingt tragisch: Sie riskieren Ihr Leben, doch statt Glücksgefühlen überkommt Sie am Ende der Blues.
    Lassen Sie es mich so sagen: Eine Bergwand Free Solo zu klettern, ist manchmal wie eine Affäre mit einem süßen Mädchen. Du kannst an nichts anderes denken, es ist super aufregend, und wenn es dann plötzlich vorbei ist, fällst du erst mal in ein Loch – bis du das nächste schöne Mädchen triffst.
    Ich dachte Sie sind zu schüchtern, um Mädchen anzusprechen.
    Nur wenn Sie mit mir Karaoke singen wollen.


  • Reportage: Kamerun

    Reportage: Kamerun

    Journalistin bekommen selten die Möglichkeit, aus Kamerun zu berichten, zumal wenn es um den Konflikt mit Boko Haram geht. 2015 konnte ich in den äußersten Norden des Landes reisen und mit Menschen sprechen, die den Terror der Sekte erlebt haben.

    It’s hard to get access to report from Cameroon, especially when you want to cover the conflict with Boko Haram. In 2015 I had the rare chance to travel to the remote far North of the country to tell the stories of those who survived the terror.

    Die Krake

    Fast täglich verübt Boko Haram Attentate in Nigeria und den angrenzenden Staaten. Der Westen hilft mit Ausrüstung und Beratern im Kampf gegen die Terrorsekte – doch selbst Militärs geben zu: Mit Waffen allein sind die Extremisten nicht zu besiegen. Ein Bericht aus Maroua im Norden Kameruns

    Erschienen auf Tagesspiegel.de

    Die Angreifer kamen kurz nach dem Abendessen. Der Lamido, seine beiden Frauen und seine acht Kinder, saßen im Wohnzimmer, sie feierten gemeinsam den Ramadan, und brachen das Fasten mit Fladenbrot, Hühnchen und Reis.

    Dann plötzlich Schüsse und “Allahu Akbar”-Rufe. Männer mit Kalaschnikows stürmten ins Zimmer, zerrten Seini Boukar Lamine, den “Lamido” genannten Bürgermeister, und seine Familie nach draußen, auf die Ladefläche eines wartenden Geländewagens. In Sekunden verschwanden die Angreifer mit ihren Geiseln in der Nacht. Zurück blieben die Leichen von drei erschossenen Wachmännern.

    Die sunnitischen Islamisten bekamen 400.000 Dollar Lösegeld

    Der 50-jährige Lamido erinnert sich genau an die Todesangst, die er spürte, als ihn im Juli vergangenen Jahres die Extremisten von Boko Haram aus seinem Haus in Kolofata, im Norden Kameruns, verschleppten. Dass er und seine Familie heute noch am Leben sind, hat wohl zwei Gründe: Als islamischer Würdenträger des Stammes der Kanuri, wurde er sogar von Boko-Haram-Kämpfern mit Respekt behandelt. Außerdem bekamen die Extremisten ein Lösegeld von 400.000 Dollar bezahlt, für den Lamido und die Frau des kamerunischen Vizepräsidenten, die zeitgleich entführt wurde. 

    Auch im Norden Kameruns wütet die Sekte

    Auch hier, im äußersten Norden Kameruns, an der Grenze zu Nigeria, tobt der Krieg gegen die Terror-Sekte Boko Haram. Seit fünf Jahren ziehen die Kämpfer und ihr Anführer Abubakar Shekau eine Spur des Terrors und der Verwüstung durch den Nordosten Nigerias. Zwar musste Boko Haram zuletzt militärische Rückschläge hinnehmen. Doch nun eskaliert die Gewalt wieder: Allein in den vergangenen Wochen kamen bei Selbstmordattentaten in Nigeria hunderte Zivilisten ums Leben. Und in Kamerun sprengten sich vergangenen Mittwoch zwei Attentäterinnen auf einem Markt in der Stadt Fotokol in die Luft. Die Angreiferinnen hatten Sprengstoffgürtel offenbar unter ihren Burkas versteckt. Zwei Soldaten aus dem Chad und zehn Zivilisten starben. Die Sicherheitsbehörden reagierten mit einem Verbot von Ganzkörperschleiern und untersagten “größere Versammlungen” von Muslimen.

    Der Lamido ist zwei Meter groß, ein Mann von mächtiger Statur, der nicht aussieht, als könne man ihm schnell Angst einjagen. Er lässt sich von Besuchern mit “Eure Majestät” ansprechen, seine Stirn und Wangen sind von Narben zerfurcht. Die Wundmahle sind das traditionelle Erkennungszeichen der Kanuri. Die Eskalation der Gewalt besorgt auch den Bürgermeister: “Boko Haram ist eine Gefahr für uns alle, sie können immer und überall angreifen.” Auch weil die Terroristen zunehmend unter den Mitgliedern seines eigenen Stammes rekrutieren. Zweieinhalb Monate wurde der Lamido im Sambisa-Forest, dem Versteck von Boko Haram in Nigeria, festgehalten. Dort sah er auch einige junge Kanuri-Kämpfer, die sich von der Sekte hatten anwerben lassen. “Ihre Augen waren von Drogen getrübt, sie waren aggressiv und unberechenbar”, erinnert sich die ehemalige Geisel.

    Die einfachen Botschaften der Terroristen kommen bei vielen Armen gut an

    Viele Kanuri, die in der Grenzregion zwischen Kamerun, Tschad und Nigeria leben, schließen sich der Sekte an. “Sie ködern unsere jungen Männer mit falschen Versprechen. Sie sagen: Bei uns bekommt ihr Geld für ein großen Haus und eine schöne Braut”, erklärt der Lamido. Einfache Botschaften, die auf fruchtbaren Boden fallen: 60 Prozent der Bevölkerung in Kameruns “Extreme Nord”-Provinz leben in Armut. 

    “Boko Haram ist wie eine Krake, man schlägt ihr eine Tentakel ab, doch anderswo wächst eine neue nach”, sagt Hauptmann Dieudonne Bea-Hob. Der 33-Jährige ist Kommandant der kamerunischen Spezialeinheit BIR, die von Israel und den USA unterstützt wird, mit Ausrüstung und militärischem Training. Auch die Kommunikation der Truppe klingt nach Pentagon-Sprech: “Wir müssen die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen”, sagt Bea, der an der US-Militärakademie Westpoint studiert hat und mit amerikanischem Akzent spricht.

    7500 Soldaten einer multinationalen Truppe kämpfen gegen Boko Haram

    Täglich ist Bea in der Grenzregion zu Nigeria unterwegs – auf der Suche nach dem unsichtbaren Feind. Bislang starben in dem Konflikt 30 BIR-Soldaten, 90 wurden verwundet. Insgesamt 7500 Soldaten einer von Nigeria, Tschad, Niger und Benin aufgestellten Truppe kämpfen in der Region gegen die Extremisten.

    Amnesty schätzt, dass seit 2009 mehr als 17.000 Menschen getötet wurden

    Die sunnitische Terrorsekte führt einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten islamischen Gottesstaats. In diesem Kalifat soll dann einzig und allein eine radikale Auslegung der islamischen Rechtsprechung (Scharia) gelten. Amnesty International schätzt, dass dabei seit 2009 bereits mehr als 17.000 Menschen getötet wurden. Die Gruppe soll auch mehr als 2000 Frauen und Mädchen entführt haben, darunter die seit über einem Jahr vermissten 200 Schülerinnen aus dem Ort Chibok. Die Gewalttaten haben mehr als 1,5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. 

    Die USA wollen ihre militärische Unterstützung weiter ausbauen: Diese Woche beraten sie mit Nigerias Präsidenten Muhammadu Buhari über weitere Hilfen. Bereits nach der Entführung der Schulmädchen aus Chibok hatten die USA im Tschad einen Stützpunkt mit Drohnen eingerichtet.

    Auch Kamerun setzte Drohnen im Kampf gegen Boko Haram ein, gibt Kommandant Bea zu, doch woher die Waffen stammen, dazu will er sich nicht äußern. Man überwache damit die etwa 400 Kilometer lange Grenze zwischen Kamerun und Nigeria. Doch er gibt auch zu: “Mit Waffen alleine können wir Boko Haram niemals besiegen.”

    Die Spezialkräfte wollen mit Comicheften aufklären

    Darum setzten er und seine Kameraden bei den Besuchen in den Dörfern auf Information und Aufklärung. Die Spezialkräfte verteilen Comic-Hefte, in denen grimmige, bewaffnete Figuren zu sehen sind, die Bomben an einer Straße vergraben. Und aufrichtige junge Männer, die Verdächtige den BIR-Soldaten melden und dafür mit Anerkennung von ihren Nachbarn belohnt werden.

    Doch ob Drohnen und Cartoons genügen, um die eskalierende Gewalt einzudämmen? “Wir richten uns auf einen langen Kampf ein”, sagt Bea. “Vielleicht wird er noch Jahrzehnte dauern.”

    Die Terrortaten haben die Probleme der Region in den Fokus gerückt

    Immerhin haben die Attacken von Boko Haram auch die Probleme der Region in den Fokus gerückt. Die Regierung Kameruns will den nördlichen Bundesstaat nicht länger vernachlässigen: 135 Millionen Dollar sollen in den kommenden Jahren in eine Region investiert werden, in der es keine Jobs gibt und in der 70 Prozent der Kinder unterernährt sind. 

    Vorerst bleibt die Lage jedoch prekär. Selbst der Lamido ist noch nicht in seine Heimatstadt Kolofata zurückgekehrt. Er wolle warten, bis sich die Sicherheitslage gebessert habe. Derzeit lebt er mit seinen Frauen und Kindern in einem Haus in Maroua, weit weg von der Front. Den Ramadan haben sie in diesem Jahr an einem geheimen Ort gefeiert.